PS: Es gibt Lieblingseis – Luzie Loda

Luzie Loda hat mit PS: Es gibt Lieblingseis ein kluges, wichtiges und liebevolles Bilderbuch zum Thema Intergeschlechtlichkeit veröffentlicht. Gleichzeitig greift sie damit ein Thema auf, das nicht aktueller und wichtiger sein könnte – und über das so viele Menschen trotzdem viel zu wenig wissen, weil es in der Literatur nicht vorkommt und auch in vielen Lebensrealitäten noch nicht.

Als ich aufgerufen werde, meint Jola: “Mein rechter, rechter Platz ist frei, ich wünsche mir das kleine Mädchen mit dem Zauber T-Shirt herbei.” “Das stimmt nicht. Ich bin weder klein noch ein Mädchen.” In der Klasse ist es plötzlich mucksmäuschenstill.

In den letzten Wochen und Monaten war das Thema Intergeschlechtlichkeit in den Medien immer mal wieder präsent, da lange Zeit darüber diskutiert wurde, dass es im Geburtenregister neben den Feldern für männlich und weiblich auch noch ein Feld für das dritte Geschlecht geben muss. Das ist für all jene Menschen relevant, die mit Merkmalen des weiblichen und männlichen Geschlechts geboren werden. Doch was genau bedeutet das eigentlich? Mit welchen Schwierigkeiten können intergeschlechtliche Kinder konfrontiert werden? Luzie Loda bietet in PS: Es gibt Lieblingseis sowohl Antworten auf diese Fragen als auch Angebot und Anregung, um mit Kindern darüber ins Gespräch zu kommen.

Luzie Loda erzählt in diesem Bilderbuch – geeignet für alle Kinder ab fünf Jahren – die Geschichte von Bella. Bella ist sechs und kommt in die Schule. Bella freut sich sehr auf den ersten Schultag, doch die große Vorfreude wird schnell getrübt, denn als er von einer Mitschülerin das kleine Mädchen mit dem Zauber T-Shirt genannt wird, ist er traurig. Zum einen ist Bella überhaupt nicht klein, findet er zumindest selbst. Und zum anderen ist Bella kein Mädchen. Bella ist intergeschlechtlich und erklärt mithilfe seiner Lehrerin selbst, was das eigentlich genau bedeutet: Das bedeutet, dass ich sowohl etwas von einem Mädchen als auch von einem Jungen habe.

Doch das bleibt nicht der einzige Moment, in dem Bella schlucken muss: im Sportunterricht muss er sich entscheiden, ob er bei den Mädchen oder bei den Jungen mitmacht – und anders als im Kindergarten, gibt es in der Schule auch plötzlich geschlechtergetrennte Toiletten. Und auf keiner davon ist Bella so richtig willkommen.

Für Bella wird alles erst einfacher, als Bellas Papa in die Schule kommt, um zu erklären, dass es manchmal gar nicht so einfach ist, Menschen eindeutig in zwei Gruppen einzuteilen. Und vor allem auch: nicht so schön! Wer möchte sich denn für eine Sorte Lieblingseis entscheiden müssen, wenn man sowohl Schokolade als auch Erdbeere mag?

Als Letztes fragt Papa nach dem Lieblingseis: “Wer mag Schokoeis und wer mag Erdbeereis?” Da stehen die meisten Kinder in der Mitte, weil sich nur wenige für eine der beiden Sorten entscheiden können. “Gut, dass es so viele Eissorten gibt”, sagt Edid. Alle Kinder nicken., “Wirklich nicht so einfach mit den zwei Gruppen”, ergänzt Alex nach einer kurzen Pause. “Wie bei Bella”, meint Tarek. “Ja, aber ist doch auch egal ob Junge, Mädchen oder beides”, findet Wlad. Wieder nicken alle und lachen.

Luzie Loda ist ein wunderbares Bilderbuch zum Thema Intergeschlechtlichkeit gelungen. Sie hat damit ein Thema aufgegriffen, dass in großen Teilen unserer Gesellschaft leider immer noch als Tabuthema behandelt wird. Laut Schätzungen sind 1,7% der Weltbevölkerung intergeschlechtlich und viele dieser Menschen sind immer noch Zwangsoperationen ausgesetzt. Durch die Operationen sollen die Körper der Kinder möglichst wieder dem “Idealbild” eines männlichen oder weiblichen Körpers angepasst werden. Offenheit, Vielseitigkeit und Akzeptanz scheint beim Thema Geschlecht bei vielen Menschen aufzuhören – dort herrschen weitläufig immer noch starre, binäre und extrem konservative Vorstellungen vor. Umso wichtiger sind Bücher wie PS: Es gibt Lieblingseis – weil sie eine Tabuvorstellung aufbrechen und ein Gesprächsangebot herstellen.

Ergänzt wird das Buch von einem Vorwort von Lucie Veith (Intersexuelle Menschen e.V.) und einem Anhang mit zusätzlichen Infos und Anregungen für Gespräche mit Kindern. Zusätzlich Materialien gibt es zudem auf Queerformat und Marta Press. Wer sich weiter mit dem Thema beschäftigen möchte, dem kann ich zudem diesen Artikel von Juliane Löffler auf Buzzfeed empfehlen – Juliane Löffler hat eine sehenswerte Dokumentation zum Thema Intergeschlechtlichkeit gemacht, die zur Zeit auf Netflix läuft.


Luzie Loda: PS: Es gibt Lieblingseis. Altersempfehlung: ab 5 Jahren. 44 Seiten, 16€. 

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