Gespräche mit Freunden – Sally Rooney

Sally Rooney ist mit gerade einmal 28 Jahren ein Shootingstar der Literatur: sie hat bereits zwei Romane veröffentlicht, stand auf der Longlist des Man Booker Prize und nun arbeitet die BBC sogar an der Verfilmung ihres zweiten Buches. Doch ist der Hype gerechtfertigt? Ich habe Gespräche mit Freunden gelesen und meine: ja!

Bobbi und ich trafen Melissa zum ersten Mal bei einer Poetry Night in der Statdt, wo wir gemeinsam auftraten. Melissa machte draußen von uns Fotos, während Bobbi rauchte und ich verlegen mein linkes Handgelenk mit der rechten Hand umklammerte, als hätte ich Angst, es würde sich von mir wegstehlen.

Sally Rooney erzählt in Gespräche mit Freunden eine Geschichte, in deren Mittelpunkt ein kompliziertes und ineinander verschlungenes Beziehungsgeflecht steht: da gibt es die Ich-Erzählerin Frances, die Anfang 20 ist und Literatur studiert. Gemeinsam mit ihrer Ex-Freundin Bobbi tritt sie bei Poetry Nights auf, beide stehen auf einer Bühne und lesen Gedichte vor. An einem dieser Abende lernen sie Melissa kennen: Melissa ist Autorin, ein paar Jahre älter und wesentlich lebenserfahrener. Sie lädt Frances und Bobbi zu sich nach Hause ein, wo sie zusammen mit ihrem Mann Nick lebt – einem erfolgreichen Schauspieler, der an Depressionen erkrankt ist.

Der ersten Begegnung folgen weitere und zwischen Frances, Bobbi, Melissa und Nick entsteht ein komplexes Geflecht aus Begehren, Neid und Eifersucht. Es kommt zu heimlichen Affären, zu Enttäuschungen, zu Ablehnung, zu Streit.

Ein paar Sekunden lang standen wir da und sahen uns an, und dann küssten er mich auf den Mund. Er sagte: Ist das in Ordnung? Ich nickte und murmelte irgendetwas Dummes. Er sagte: Tut mir leid wegen gestern Abend. Ich habe viel über dich nachgedacht. Ich vermisse dich. Es klang, als hätte er diese Aussagen vorbereitet, damit ich ihm später nicht vorwerfen konnte, nichts dergleichen gesagt zu haben. Mein Hals tat weh, als würde ich gleich weinen. 

Gespräche mit Freunden ist ein seltsames Buch. Ich habe es sehr gerne gelesen, aber es fällt mir im Nachhinein schwer zu sagen, was mir daran eigentlich gefallen hat. Die Sprache ist sehr reduziert. Ein Großteil des Buches besteht aus Gesprächen, doch interessanterweise werden für die Dialoge keine Anführungszeichen verwendet. Es fühlt sich für mich als Leser an, als würde ich in einen stetigen Gesprächsfluss eintauchen.

Es geht viel um Sex, es geht viel um Begehren, um Körperlichkeiten. Aber es geht auch um Liebe und Freundschaft, um die Frage, wie es gelingen kann, echt zu sein und authentische Beziehungen zu führen. Auch wenn Sally Rooney die Geschichte eines Quartetts erzählt, steht Frances doch ein bisschen im Mittelpunkt. Ihr Vater ist Alkoholiker, ihre Eltern sind getrennt. Sie hat sich aus einfachen Verhältnissen heraus gearbeitet – jetzt studiert sie Literatur. Doch die Angst, nicht zu genügen oder irgendwann doch zu versagen, überschattet einen großen Teil ihres Lebens. Als sie an einem Kurzgeschichtenwettbewerb teilnimmt, reicht sie eine Geschichte über die Beziehung zwischen ihr und Bobbi ein – ohne das vorher abzusprechen. Für den Wunsch nach Anerkennung und Sichtbarkeit riskiert sie Freundschaften.

Er legte auf. Ich schloss die Augen, und es war, als verschwände das gesamte Mobiliar aus meinem Zimmer, wie bei einem rückwärts gespielten Tetris, alles kletterte auf dem Display nach oben und löste sich dann in Luft auf, und das Nächste, was verschwinden würde, war ich. 

Ich habe Angst, dass dieser Roman als seichtes Beziehungs-Bla-Bla abgetan wird, denn das Buch hat noch so viel mehr Ebenen, als heimliche Affären von Frauen, die Anfang zwanzig sind. Es geht auch um die Frage, wer wir sind und wer wir sein wollen. Wie sehr prägt uns unsere Herkunft? Wie sehr werden wir davon bestimmt, woher wir kommen? Frances kommt aus einer Familie, aus der sie das Gefühl mitnimmt, Liebe nicht zu verdienen. Dieses Buch ist vielleicht auch ein wenig eine Entdeckungsgeschichte: wir erleben, wie sich Frances nackt und verletzbar macht, um am Ende vielleicht endlich zu sich selbst finden zu können.

Frances ist mir ans Herz gewachsen, weil ich viele ihrer Ängste und Unsicherheiten kenne. Ich glaube, dass sich alle, die dieses emotionale Chaos kennen und alle, die sich mit Anfang zwanzig hilflos, ungeliebt und verletzbar gefühlt haben, in diesem Buch wiedererkennen und vieles darin finden können. Ich kann euch Gespräche mit Freunden nur ans Herz legen!

Sally Rooney: Gespräche mit Freunden. Aus dem Englischen von Zoë Beck. Luchterhand Literaturverlag, München 2019. 382 Seiten, 20€.

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