Wenn das noch geht kann es nicht so schlimm sein – Benjamin Maack

Benjamin Maack legt mit Wenn das noch geht kann es nicht so schlimm sein ein beeindruckendes Buch über sein Leben mit Depressionen vor: er schreibt ehrlich und ungeschönt, das ist manchmal nicht ganz einfach auszuhalten, aber gerade das, macht dieses Buch so wichtig und wertvoll.

“Depressionen sind schlau, sie machen es sich in deinem Kopf bequem und tun so lange so, als wären sie ein Teil von dir, bis du es glaubst, und dann sind sie es.”


Vorab eine Warnung: Das  Buch von Benjamin Maack thematisiert nicht nur Depressionen, sondern auch suizidale Gedanken. Für Menschen, die akut an Depressionen leiden oder depressive Episoden haben, könnte die Lektüre deshalb sehr schwierig sein. Ich bitte euch deshalb darum, vorsichtig mit euch und mit diesem Buch zu sein.


Von Benjamin Maack erschien 2012 das Buch Monster, im Jahr darauf erhielt beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb einen Preis – die FAZ zählte ihn zu einem der wichtigsten jungen Autoren der Gegenwart. Doch veröffentlicht hat er in den folgenden Jahren nichts mehr, eine Erklärung dafür findet sich in seinem neuen Buch, das im März bei Suhrkamp erschienen ist. Ich hatte Wenn das noch geht kann es nicht so schlimm sein innerhalb eines Tages ausgelesen – ich fing an und konnte einfach nicht mehr aufhören. Benjamin Maack erzählt davon, wie er an Depressionen erkrankt ist. Es fühlt sich an, als wäre die Erkrankung ganz plötzlich gekommen, aber später stellt er fest, dass es schon länger Anzeichen gegeben hat. Er erzählt davon, wie ihm alles zerbröselt – er schafft seine Arbeit irgendwann kaum noch, ist nicht in der Lage sich richtig um seine Kinder zu kümmern, fühlt sich wie abgeschnitten von seiner eigenen Frau.

Er erzählt auch von seinen Klinikaufenthalten, von den Medikamenten und ihren Nebenwirkungen – wie schwierig es ist, bis man irgendwann das richtige gefunden hat. Er erzählt davon, wie schwer es ist, sich überhaupt Hilfe zu gestatten, sich diese Krankheit einzugestehen. Er erzählt von diesen Gedankenspiralen, in die er immer wieder fällt. Von dieser inneren Stimme, die ihn glauben lässt, noch nicht nicht krank genug zu sein oder keine Hilfe verdient zu haben.

Hier wird am Ende übrigens nicht alles gut. Das hier ist ja nicht mal eine Geschichte. Wenn Sie Geschichten mögen, legen Sie das Buch lieber weg. Ich nehme Ihnen das nicht übel. Legen Sie es weg und Schreiben Sie eine wütende Amazon-Kritik, retten Sie die Welt vor diesem Machwerk. Ach ja. Wenn Sie Tipps und Tricks für den Umgang mit Depressionen suchen, dann legen Sie dieses Buch auch weg. Und melden Sie sich, wenn Sie etwas gefunden haben, das wirkt.

Benjamin Maack erzählt auch von seinem Zäsurwunsch, dem Wunsch danach nicht mehr da zu sein, nicht mehr aufzuwachen, sich seiner Familie nicht mehr antun zu müssen. Er recherchiert sogar unterschiedliche Methoden, wägt immer wieder ab. An einer Stelle schreibt er: “Wo ist der Benjamin, der immer ziemlich gut funktioniert hat, der abgeliefert und das Richtige getan hat und der wusste, was das Richtige ist, oder wenigstens ausreichend davon überzeugt war und das jetzt einfach nicht mehr ist? “

Benjamin Maack macht in diesem Buch seine Depressionen nachvollziehbar – nachfühlbar. Das spiegelt sich auch im Text wider, der oft Brüche hat, Auslassungen, leere Seiten. Auf vier Seiten steht eng an eng immer wieder das Wort Fuck. Fuck. Fuck. Fuck.

Ich bin verloren. Ich bin so verloren, ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich mag nicht lesen, ich mag nicht fernsehen. Die Welt redet nicht mehr mit mir. Wir berühren uns, aber es entsteht kein Ton. Wir berühren uns, und es entsteht das Gegenteil von einem Ton.

Depressions-Literatur erfreut sich großer Beliebtheit, doch das Buch von Benjamin Maack hebt sich für mein Empfinden von vielen Erfahrungsberichten ab. Es ist sehr literarisch, es ist sehr ehrlich, sehr ungeschönt, sehr schamfrei. Es ist kein Ratgeber. Es ist das literarische Abbild einer Depression, mit all dem Schrecken, dem Dunklen, dem nicht enden wollenden Schmerz. Am Ende fragt sich Benjamin Maack, ob er nun für immer den Stempel depressiver Autor bekommen wird – oder ob er sich vielleicht sogar beruflich Seine in den Weg gelegt haben könnte: “Wer will noch einen Menschen einstellen, der so labil ist?” Ich weiß, es ist wahrscheinlich unrealistisch, aber ich wünschte mir, wir würden in einer Welt leben, in der Unternehmen – in der Menschen – nicht so denken und in der Erkrankte nicht solche Befürchtungen haben müssten.

Ich wünsche dem Buch viele Leser*innen – und ich glaube, dass es sowohl für Angehörige als auch für Betroffene eine wertvolle und wichtige Lektüre sein kann.

Benjamin Maack: Wenn das noch geht kann es nicht so schlimm seinSuhrkamp, März 2020. 18€, 334 Seiten.

Wer unter Suizidgedanken leidet, sollte sich schnell Hilfe suchen. Es gibt in Deutschland mehrere Anlaufstellen: die Telefonseelsorge ist unter 0800/111 0 111 und 0800/111 0 222 rund um die Uhr und kostenfrei erreichbar. Sozialpsychiatrische Dienste vermitteln in jeder Stadt und Gemeinde Hilfen. Auf der Webseite der Deutschen Depressionshilfe kann man Krisendienste und Beratungsstellen in der Nähe finden.

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