
“Bücher sind eine höchst ergötzliche Gesellschaft. Wenn man einen Raum mit vielen Büchern betritt – man braucht sie gar nicht zur Hand zu nehmen – ist es, als würden sie zu einem sprechen, einen willkommen heißen.”
William E. Gladstone
Jahrelang habe ich in einem kleinen roten Notizbuch Zitate aus meinen Lieblingsbüchern gesammelt. Fein säuberlich findet sich in diesem “liebenden Notizbuch” aus der Büchergilde Zitat an Zitat, immer dazu vermerkt, aus welchem Buch dieses stammt. Dieses unscheinbare Büchlein gehört zu den wertvollsten Besitztümern meiner Bibliothek, da es die schönsten und wichtigsten Passagen aus Büchern versammelt, die sich an einen ganz besonderen Platz in meinem Herzen eingenistet haben. Mein ganz persönlicher Kanon aus literarischen Perlen.

Das Buch versammelt Zitate von Margaret Atwood bis zu Kurt Vonnegut, in ihm finden sich Ausschnitte aus Büchern von Richard Ford, Nicole Krauss, Willy Vlautin oder auch Jonathan Safran Foer. Abends ziehe ich das rote Büchlein häufig noch einmal aus dem Regal, setze mich damit in meinen Lesesessel und tauche ein in Welten, in denen ich mich sofort zu Hause fühle. In traurige Welten, in romantische Welten oder auch in spannende Welten. Häufig reichen bereits die kurzen Zitate, um mir die Geschichten der Bücher in Erinnerung zu rufen und wieder einzutauchen in die damaligen Lesegefühle und -eindrücke. Diese unscheinbaren Papierseiten sind nicht nur ein Notizbuch, sondern auch meine kleine persönliche Zeitmaschine.

In den vergangenen Tagen habe ich das wunderbare und unheimlich bibliophile Buch “Zwitschernde Fische” von Andreas Seché aus dem Verlag ars vivendi gelesen und seitdem spuken mir Gedanken an Bücher durch den Kopf und vor allem auch an die Kraft, die Bücher haben können. Für mich ist mein Notizbuch ein großer Schatz an Gedanken, Ideen, Gefühlen und Stimmungen, der mich – wenn ich es aufschlage – in andere Welten katapultiert. Wenn ich durch mein rotes Notizbüchlein blättere, blättere ich auch immer durch mein eigenes Leben. Für die ungeheure Kraft der Bücher findet Andreas Seché wunderbare Worte:
“Bücher waren wie Termitenhaufen, warm, summend, pulsierend. Hinter der Fassade, da, wo mancher niemals etwas vermuten würde, wüteten im Verborgenen ganze Universen. Nur wer sehr aufmerksam war, konnte sehen, dass Bücher manchmal vibrierten, dass ein Buchdeckel sich kaum merklich anhob, dass oft merkwürdiges Gemurmel und Gewisper aus papierenen Seiten drang und zuweilen auch ein kurzer schreib, der meist im Getöse der Realität verloren ging. Bücher glühten, bebten, hypnotisierten, lockten, lagen auf der Lauer, waren sprungbereit, und oft wirkten sie wie gespannte Mausefallen, die man nur mit größtem Respekt in die Hand nahm, weil sie jeden Moment zuschnappen konnte.”

Ein Buch aus meinem Kanon, das mir ganz besonders ans Herz gewachsen ist, das sich dort eingenistet hat, wie in einer warmen Höhle, ist “26a” von Diana Evans. Leider ist das Buch mittlerweile nur noch antiquarisch erhältlich und manchmal wird mir ganz schwer ums Herz bei dem Gedanken daran, wie viele wunderbare Bücher wahrscheinlich unentdeckt bleiben werden von vielen, weil sie einfach heimlich still und leise aus den Buchläden verschwinden.
“Die eineiigen Zwillinge Georgia und Bessi haben sich im Obergeschoss des elterlichen Hauses ihre eigene Welt geschaffen, die Adresse 26a. Hier reden sie in Geheimsprache, hier sind Fabelwesen so wirklich wie eine kleine Schwester. Doch als eines Tages die Realität sich nicht mehr ignorieren lässt, müssen sie, jede für sich, eine Entscheidung treffen.”
Ich wünsche euch schöne Ostertage und hoffe, dass ihr die Zeit finden werdet, vielleicht auch die ein oder andere literarische Perle zu entdecken. 🙂
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