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Alles Abseitige

Die Bestseller-Formel – ein Blick ins Wochenende

Im Vorfeld der Leipziger Buchmesse gibt es in der heutigen Wochenende-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung zwei spannende und empfehlenswerte Artikel.

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Auf der Titelseite vom Wochenende setzt sich Christopher Schmidt mit Bestsellern auseinander und der Frage, was ein Buch sein muss, um von vielen gelesen zu werden. Der Artikel zur Beststeller-Formel, übrigens kommen die Bestseller ursprünglich aus der amerikanischen Provinz, wo erstmalig Verkaufszahlen miteinander verglichen wurden, ist sehr interessant und unheimlich lesenswert. Ich möchte nicht verleugnen, dass auch ich schon häufiger über die Rezeptur eines Bestsellers nachgedacht habe, die bei vielen Bestsellerautoren auf den ersten Blick ja in der Tat so wirkt, als wäre sie in der heimischen Küche leicht nachzukochen. Interessant empfand ich auch den Hinweis von Christopher Schröder auf die soziologische Ebene bei der Bestsellerforschung: warum hat ein bestimmtes Buch in einer gewissen Zeit die Menschen begeistert? Als Beispiele werden im Text unter anderem “Der Name der Rose” genannt, “Das Parfüm” und der Bestseller unserer heutigen Generation, “Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand”.

In dem anderen Artikel beschäftigt sich Hilmar Klute mit der niederländischen Autorin Connie Palmen, einer Autorin, die den Schmerz, ihren geliebten Mann durch den Tod zu verlieren, gleich zweimal erleben musste. Von Connie Palmen ist erst vor wenigen Tagen ihr neuester Roman “Logbuch eines unbarmherzigen Jahres” im Diogenes Verlag erschienen und in die Buchläden gekommen. Ein Buch, das auf meiner Wunschliste ganz oben steht.

Ich hoffe, ich konnte euch ein wenig neugierig auf das Wochenende machen und darauf, heute vielleicht nicht nur ein Buch in die Hand zu nehmen, sondern auch eine Zeitung. 🙂

In eigener Sache

Anne Urbat vom Arvelle-Magazin stellt mich und meinen Blog heute in der schönen Serie “Bücherblogs zum Stöbern und Entdecken”  vor. Ich freue mich sehr darüber, dabei sein zu dürfen und damit die vierte Folge einer illustren Reihe zu werden. Vor mir wurden bereits LiteraturenAda Mitsou liest und Philea’s Blog interviewt. Mein Interview findet ihr hier.

Die Verwandlung – Das Buch als Magazin

In diesem Monat ist eine ganz besondere Zeitschrift in die Zeitschriftenläden gekommen. Eine Zeitschrift, die ein Doppelleben führt: als Buch und Magazin. Kein Wunder, dass dies auch der Titel der 120 Seiten umfassenden Zeitung ist: Das Buch als Magazin. Vom ersten Entdecken dieser Zeitschrift an, empfand ich diese Idee sowohl als interessant, als auch als unheimlich mutig, denn wer liest denn heutzutage eigentlich noch verstaubte Klassiker?

Franz Kafkas “Verwandlung” ist vor beinahe genau 100 Jahren erschienen. “Das Buch als Magazin” druckt im ersten Teil des Magazins den Originaltext von Gregor Samsas Odyssee ab, ergänzt mit Sidenotes, Anmerkungen, zusätzlichen Informationen. Im zweiten Teil findet sich dann der Journalismus. Die ersten Worte im zweiten Teil des Magazins gehören Elke Heidenreich, ihre Antwort auf die Frage, was man heutzutage aus Kafkas “Verwandlung” lernen kann, habe ich als so charmant und lesenswert empfunden, das ich sie hier gerne zitieren möchte:

“Ach, der Kafka!

Was ist über den nicht alles geschrieben worden, und was haben wir in den nicht alles schon hineininterpretiert.

Dabei ist die Sache doch ganz einfach: Da hat einer immer nur Angst. Angst vorm Vater, vor den Frauen, vor Mäusen, vorm Büro, ein Mann, über einen Meter achtzig groß, unter sechzig Kilo meist, was für ein armes banges kleines Hühnchen  und dann so eine riesige Fluchtfantasie im Kopf. […]

Erst heute Morgen, ein grauer Regentag, lag ich in meinem Bett und war in einen Käfer verwandelt. Ich lag auf dem Rücken, die kläglichen Beinchen gestreckt, alles tat mir weh, da war nur noch Panzer, und ich hatte keine Luste, aufzustehen und irgendwie zu funktionieren. Gregor Samsa, das ist mein Mann, dachte ich. Mein Käfer. Aber wir wissen ja, wie böse das endet, wenn man einfach nur Käfer sein und nicht mehr funktionieren will – sie schmeißen einen am Ende auf den Müll.

Also bin ich aufgestanden und habe diesen Text hier geschrieben. Ich bin zehn Zentimeter kleiner als Kafka und wiege dennoch zehn Kilo mehr, als er gewogen hat. Da hat man mehr Kraft. Da muss man nicht Käfer sein. Aber ich kann Gregor Samsa sehr gut verstehen. Nichts an dieser Geschichte ist geheimnisvoll. Alles ist wahr, und täglich sehe ich Käfer um mich herum verrotten. Ich halte noch durch. Noch.”

Es folgen Fotos von Gerald von Foris, einem Fotografen, der Gegenstände in der Wohnung seines pflegebedürftigen Vaters fotografiert und sich diesem Menschen auf diesem Weg zum ersten Mal annähert: “Was wissen wir von unseren Eltern und über die Vergänglichkeit? Wann müssen wir loslassen?” Als interessant und lesenswert habe ich auch den Beitrag des Schriftstellers Joey Goebel empfunden, der über Steven Kutscher schreibt, einen Amerikaner, der Insekten für Kinofilme dressiert. Am stärksten berührt hat mich der Text von Michèle Loetzner, die nach dem Tod ihrer Mutter nicht mehr ihre Wohnung verlässt: “Mit einem Mal wird die Wohnung ein Ring, in dem du allein gegen dich selbst kämpfst.”

Erfinder des Buchs als Magazins sind Joanna Swistowski und Peter Wagner, denen – wie ich finde – ein erfrischendes und unheimlich lesenswertes Magazin gelungen ist. Der Originaltext von Franz Kafka wird durch die zusätzlichen Informationen und Fotos aufgebrochen und liest sich dadurch beinahe schon wie eine Reportage aus unserer Gegenwart. Genau dies ist auch Ziel und Anspruch des Magazins: Texte und Klassiker der Vergangenheit, zu deren Lektüre man in der Schule gezwungen wurde, nicht nur zu entstauben, sondern auch mit unserem gegenwärtigen Leben zu verknüpfen. Die “Verwandlung” ist mittlerweile bereits 100 Jahre und doch gibt es auch für heutige Leser immer noch Anknüpfungspunkte.

“Das Buch als Magazin” ist ein mutiges und sicherlich auch gewagtes Projekt. Die zweite Ausgabe – mit Georg Büchners Woyzeck – ist für den Herbst dieses Jahres geplant und ich freue mich bereits jetzt darauf.

Marica Bodrožić im Gespräch!

© Peter von Felbert

© Peter von Felbert

Marica Bodrožić wurde 1973 in Dalmatien, dem heutigen Kroatien, geboren. Mit zehn Jahren zog sie mit ihrer Familie nach Deutschland. Über ihre “Ankunft in Worten” hat sie in dem schmalen Bändchen “Sterne erben, Sterne färben” geschrieben. Heutzutage lebt Marica Bodrožić als freie Schriftstellerin in Berlin, zuletzt erschien von ihr der Roman „kirschholz und alte gefühle“, der zweite Teil einer Trilogie, deren Auftakt “Das Gedächtnis der Libellen” ist.

Erinnerungen und Gedächtnis – das sind zwei Themen, die in Ihrem neuen Roman „Kirschholz und alte Gefühle“ besonders im Mittelpunkt stehen. Warum war es Ihnen wichtig, darüber zu schreiben?

Ohne Erinnerung gibt es keine Autonomie, kein selbständiges Leben und ohne die Arbeit des Gedächtnisses keine Möglichkeit, dem eigenen Selbst in Würde zu begegnen. Dazu gehört auch das Vergessen. Das Verhältnis zwischen Erinnern und Vergessen und die daraus entstehende Kontinuität fasziniert mich am meisten.

Was bedeutet für Sie persönlich Erinnerung?

Ich kann Erinnerung nicht unpersönlich denken. Aber sie ist mir nicht nur in meinem eigenen Leben und Schreiben wichtig, auch sonst, als Phänomen des menschlichen Geistes übt sie eine große Anziehungskraft auf mich aus. Manchmal träume ich von einem überplanetarischen Gedächtnis und wünsche mir, mit meinem Kopf das Licht der Plejaden zu verstehen oder mittels eines metaphysischen Tunnels ins Alte Griechenland mit meinen Synapsen zu reisen und dort alles von meinem Schreibtisch aus wahrzunehmen.

Aber ganz konkret und besonders findig sind die Überschreibungen, denen wir ausgesetzt sind, sie sind sehr aussagekräftig, die Lücken, die Bilder, die durch die Prozesse, die etwa Dauer und Zeit bewirken, dann neu entstehen. Jeder Mensch hat diese Lücken, diese Stolpersteine und es macht einen Unterschied, wann wir uns an etwas erinnern, ob wir das mit 20 oder 40 oder im hohen Alter tun. Keiner von uns teilt die Erinnerung mit einem anderen Wesen. Jeder erinnert sich für sich selbst. Das ist schon eine kleine Erzählung mit großer Wirkung, mit unabsehbaren Folgen – zum Beispiel in Beziehungen zwischen Geschwistern und Liebenden.

Wie bewahren Sie Erinnerungen auf? Tragen Sie die Erinnerungen an die Vergangenheit – sinnbildlich gesprochen – im Herzen, oder sammeln Sie gerne “Souvenirs”, um sich an Vergangenes zu erinnern?

Die Erinnerungen bewahren mich, sie beschriften und bebildern mich. Ich selbst sammle keine Souvenirs und habe auch nichts übrig für sentimentales Dingwerk. Was mich interessiert, ist der menschliche Geist. Dinge lenken von dieser Dimension des Inneren eher ab. Aber sie können selbstverständlich sehr viel auslösen. Nur sind sie für mich keine Wegmarken. Ich hebe sie nicht auf.  Im Gegenteil, vieles entsorge ich immer wieder ganz bewusst und verabschiede mich auch gerne. Ohnehin verlieren sie von selbst ihre Bedeutung und machen  auf Dauer melancholisch. Dies verschafft nicht unbedingt einen klaren Blick und ist im Schreiben hinderlich. Das hat damit zu tun, dass Dinge nur den äußeren Ring der Wirklichkeit darstellen. Die äußere Realität ist für mich aber nur von Bedeutung als Ergebnis einer inneren Entwicklung, als die Summe dessen, was ich das innere Sehen nennen würde – denn das Sehen kann man erlernen. Und dann kann ich ohnehin gleich auf das Innere zurückgreifen. Wir müssen begreifen, dass wir nur sehen, was wir sind und was wir wissen. Es gibt so vieles, das uns entgeht!

Halten Sie die Vorstellung eines absoluten Gedächtnisses für verführerisch oder glauben Sie, dass es auch gesund sein kann, bestimmte Ereignisse zu verdrängen?

Die Schriftstellerin Marisa Madieri hat einmal  Gott als das große Gedächtnis beschrieben. So ein Archiv gibt es garantiert, wie auch immer wir es nennen. Menschen aber müssen sich erinnern und wieder vergessen. Was die psychologische Dimension der Erinnerung angeht, etwa bei Traumata, das ist noch einmal ein anderer Prozess. Und ja, Menschen überleben seelisch gewisse Ereignisse, weil sie in eine Lücke geschoben, also verdrängt, verworfen werden. Aber irgendwo sind sie ja doch noch! Ich stelle mir das manchmal so vor wie am Himmel: die schwarzen Löcher gibt es. Das für die Phantasie Ansteckende ist aber nicht der Fakt an sich, es ist dieser ganze Möglichkeitsraum, der inspirierend ist, weit und offen, eine unbeschriftete mehrdimensionale Welt.

Ihre Hauptfigur verdrängt ihre Erinnerungen an den Krieg. Was passiert mit verdrängten Erinnerungen – wo bleiben sie?

Das Gedächtnis meiner Hauptfigur hat mehrere Schubladen, die, wie im Märchen, einmal ins Bewusstsein getreten, noch eine neue Ebene einleiten. Das Leben ist unendlichen Beatmungen ausgesetzt. Aber es ist in ihrem Kopf wie im Kino mit einer weißen Leinwand – es dauert, aber die Bilder kommen dann irgendwann, werden dann ein ablaufender Film. Klar ist aber auch, dass da eine Struktur ist, weil sie für Augenblicke in ihrem Denken von einer bestimmten Stelle aus beginnt, sich ihrem Leben zu nähern.  Deshalb gibt es so viele Versatzstücke des Mosaiks, das Arjetas Leben zu einem Ganzen werden lässt. Wenn sie das von einer anderen Stelle aus tut, also ihren Denkpunkt ändert, dann verändert sich auch der Film auf der Leinwand (und der Bewusstseinsstrom in ihrem Inneren).

Sie wurden 1973 in Dalmatien geboren und sind mit neun Jahren nach Deutschland gezogen. Ihre Bücher veröffentlichen Sie auf Deutsch, wie kam es zu dieser Entscheidung?

Das hat die Sprache entschieden, nicht mein Ich. Man wird von der Sprache gewählt, da kann der Kopf nicht wirklich etwas machen.

Was hat Sie an der deutschen Sprache besonders fasziniert?

Ich habe keine andere, es ist die einzige Musik, die mir im Schreiben zur Verfügung steht. Alle anderen Sprachen, die ich kenne und spreche, sind nicht gut genug in mir abgespeichert,  sie haben eine andere Verdichtung in mir. In der einen bin ich ein ungeschicktes Kind, in der anderen eine Suchende und wieder einer anderen bin ich vollkommen unsicher. Das sind also keine guten Voraussetzungen, dem Leben in Sprache gerecht zu werden.

Wer hat Sie literarisch beeinflusst?

Viele, unendlich viele, Kafka fällt mir ein, den ich als Sechzehnjährige geradezu zum Leben gebraucht habe, vor allem seine Aphorismen, die ich bis heute immer wieder lese; aber auch Marguerite Duras, Nathalie Sarraute, Virginia Woolf, Francis Ponge, Edmond Jabés, Saint Pol Rox, Marina Zwetajewa, mein guter alter, weiser Rilke, Andrej Bely – die russische Avantgarde, die deutsche Romantik, der französische Surrealismus — es ist ein Fass ohne Boden und das ist schön und  gut und soll nie aufhören. Alles, was wir berühren und was uns berührt, beeinflusst uns. Und so hat mich auch die rote Erde und das Meer Dalmatiens beeinflusst, die Bäume dieser Welt, die ja auch Schriftsteller sind, jeder Baum schreibt etwas in die Luft, die wir dann atmen, die Flüsse, der Karst, das weite Blau des Himmels, die Wolken, die Winde, die sind meine großen Verbündeten und Zuarbeiter der Sprache.

In Ihrem Roman „kirschholz und alte gefühle“ erwähnen Sie die Bremerin Karin Magnusson. Was hat es mit dieser Frau auf sich?

Ich bin durch einen Spiegel-Artikel auf diese Biologin, die in der Zeit des Nationalsozialismus sehr ambitioniert (ein Synonym für menschenverachtend) war, aufmerksam geworden. Sie hat sich als Forscherin im 3. Reich Menschenaugen von Mengele in Auschwitz bestellt. Vorher hat sie über Schmetterlingsflügel gearbeitet. Und ich habe mich gefragt, wie ein Mensch vom Schmetterlingsflügel zu so jemand Abgründigen wie Mengele kommen kann, wie so etwas möglich ist, was das für ein Leben war. Ein erschütternder Fall, den ich mit einer anderen Figur in meinem Buch verbinde, mit Mischa Weisband, einem deutschen Juden, der in Frankreich lebt und der nach dem Fall der Mauer in den Neunziger Jahren endlich wieder in die Stadt seiner Kindheit fahren will, doch dann in der Zeitung von Karin Magnussen liest. Er packt seinen Koffer wieder aus und reist nicht nach Berlin. Und in der Zeitung steht, was auch wirklich geschehen ist, dass nach dem Umzug von Frau Magnussen in ein Altenheim, diese in Gläsern (Formaldehyd) eingelegten Augen noch immer aufbewahrt wurden… Mischa Weisband fährt erst viele Jahre später in die deutsche Hauptstadt und trifft sich dort mit meiner Erzählerin Arjeta, die in Paris seine Nachbarin ist und der er alle Bäume und Vögel der Stadt zeigt. Er ist ein Vogelkundler! Ich wollte in diesem Zusammenhang etwas über die Macht und Kraft der Freundschaft erzählen. An einer Stelle heißt es über den alten Herren: Er war kein Mensch, der die Straßen und die Sprache seiner Kindheit hassen konnte. Das ist eine bewusste Hommage an den Schriftsteller  und Psychoanalytiker Hans Keillson, der das einmal über sich selbst gesagt hat.

Nach dem Lesen Ihres Romans habe ich sofort nach dem Namen Karin Magnusson recherchiert und war angesichts Ihrer Geschichte entsetzt. Warum war es Ihnen wichtig, ihre Geschichte im Roman anzusprechen?

Es hat mich selbst sehr erschüttert, dass ein Mensch wie sie noch nach dem Krieg lange an einem Mädchengymnasium in Bremen unterrichtet hat. Sie hat immer behauptet, dass es diese Augen nie gab. Aber es gab sie doch. In ihrem braven bundesrepublikanischen Wohnzimmer. Allein dieses  schockierende Bild lässt mich eine bessere Welt ersehnen, eine Welt, in der Menschen so etwas auch wissen und dafür Sorge tragen, dass es in dieser Form nie wieder geschehen kann. Denn nur über die Erinnerung, die Durchdringung des Schmerzes, der damit einhergeht, können wir etwas daraus lernen. Es muss uns schockieren. Und dann bleibt ein Lernen hoffentlich nicht aus. Da ich selbst in den Neunziger Jahren einiges mitbekommen habe, was der Krieg im ehemaligen Jugoslawien angerichtet hat, war ich sehr ergriffen davon, dass die Geschichte der Karin Magnussen so lange nachgewirkt hat. Kriege, wie dieser Fall es zeigt, dauern manchmal noch Jahrzehnte lang in den Frieden hinein. Und die Sprache transportiert  alles. Sie ist das Archiv, in dem sich alles von alleine abspeichert.

Haben Sie schon ein neues Projekt in Arbeit?

Es entstehen neue Gedichte. Ein neuer Roman, der 3. Band meiner Trilogie, in dem wieder eine Nebenfigur zur Hauptfigur wird.

Vielen Dank an die Autorin für die Antworten auf meine Fragen!

Vea Kaiser im Gespräch!

Im Vorfeld von Vea Kaisers Lesung am 30.01. in Bremen hatte ich die Möglichkeit, die junge Autorin zu einem Interview zu treffen und ihr einige Fragen zu stellen. Vea Kaiser spricht nicht nur über ihr Buch, sondern auch über ihr Literaturstudium in Hildesheim, ihren offenen Brief auf Facebook und warum sie nie wieder ein Buch mit Kunstdialekt schreiben möchte.

DSC_6486Buzzaldrins Bücher: Erst einmal vorweg: Welche Fragen kannst du in Interviews mittlerweile nicht mehr hören?

Vea Kaiser: Ich glaube, ich habe ein sehr schlechtes Gedächtnis. Gerade was Dinge angeht, die nicht so schön sind. Meine Freunde sagen immer, sie beneiden mich darum, weil ich wirklich das Talent habe, Dinge die mir lästig waren, total zu vergessen. Es gibt also – wenn ich so überlege – eigentlich gerade nichts, mit dem du mich in den Wahnsinn treiben könntest.

Du hast “Blasmusikpop“”mit dreiundzwanzig Jahren veröffentlicht. Wann ist dir die Idee gekommen?

Die Uridee hatte ich mit 16 beim Joggen. Mir kommen immer alle guten Ideen meines Lebens beim Joggen. Ich war damals total sauer auf mein Dorf. Ich wollte bei einem Theaterprojekt mitmachen und hatte auch hunderte Ideen, aber ich hatte mit dem Dorf nie etwas zu tun gehabt und bin nur für das Theaterprojekt dort eingestiegen. Ich wollte damals Samuel Beckett spielen – aber das kann man natürlich nicht mit einer Laienschauspielertruppe in Kasten am Hegerberg. Was ich aber mit 16 nicht kapiert habe. Ich habe immer gedacht: meine Ideen sind die besten und alle, die das nicht so sehen, sind Idioten. Sie haben es nicht so gesehen und ich war sauer, ging joggen und dachte mir beim Laufen: ich schreibe jetzt einen Racheroman und erkläre der Welt, wie bösartig Kasten am Hegerberg ist. Das war dann die Grundidee und die Struktur des Romans: dass eine Figur, die in einem Dorf gefangen ist, aus der Isolation heraus über dieses Dorf schreibt.

Wie ging es dann weiter?

Mit zwanzig habe ich ein Jahr in Deutschland gelebt, in Hildesheim. Ich fand das so schrecklich, dass ich gemerkt habe, Kasten am Hegerberg ist eigentlich richtig nett. Durch die Isolation in Deutschland habe ich sehen können: mein Dorf ist eigentlich gar nicht so böse und dann habe ich mich erinnert, wie ich damals die Geschichte schreiben wollte, die ja vielleicht auch unabhängig von mir und meinem Dorf interessant sein könnte. Zu der damaligen Zeit habe ich erste Kurzgeschichten veröffentlicht und an Wettbewerben teilgenommen und hatte ersten Kontakt zu Menschen, die aus dem Literaturbetrieb kamen: Verleger und Agenten, die dann fragten, ob ich etwas Längeres habe. Dann dachte ich: warum nicht diese Geschichte. Begonnen habe ich am 19. Dezember 2009 und fertig war ich am 15. September 2011.

Warum empfandst du deine Zeit in Hildesheim als so schrecklich?

Das hatte viele Gründe: ich bin mit dieser deutschen Kleinstadt nicht so richtig zurechtgekommen, weil ich davor in Wien gelebt habe. Wenn ich Hildesheimer sprechen höre, höre ich immer den Satz “Sagen Sie mal!”. Was gar nicht böse gemeint ist, das ist dieses typisch Niedersächsische. Ich komme halt aus einer Kultur, die nur in Konjunktiven redet. In Österreich gibt es de facto keinen Imperativ. Ich hab einfach so Heimweh gehabt. Ich wollte wieder, dass die älteren Herren in der Straßenbahn “Grüß Sie Gott, Fräulein” sagen, ich wollte wieder, dass die Bäckerinnen fragen “Was täten Sie denn gern kaufen wollen?” und nicht “Sagen Sie mal, was wollen Sie?”. Ich habe Sehnsucht gehabt nach der Küche, ich habe einfach nach allem Sehnsucht gehabt: nach dem Geruch der Straßen und auch nach den üblen Seiten der Österreicher.

Du hast in Hildesheim Literarisches Schreiben studiert. Hat dir das Studium beim Schreiben deines Romans geholfen?

Nein, beim Schreiben eher nicht. Ich habe gemerkt, dass ich einfach nicht der Typ dafür bin, ständig über das zu sprechen, was ich mache. Ich habe viel eher das Gefühl, dass ich zufrieden bin, dass ich tausende Stimmen in meinem Kopf habe, die mir alle Ideen für meinen Text einflüstern.  Was mir das Studium aber auf jeden Fall beigebracht hat, ist ein Verständnis für den Betrieb. Ich glaube, es war wirklich wichtig zu lernen, wie der Literaturmarkt heutzutage funktioniert –  was sind Agenten, welche Wettbewerbe sind wichtig und ähnliches.

Ist der Dialekt in dem Buch ein Kunstdialekt?

Ja, den habe ich mir zusammen mit einem Sprachwissenschaftler von der Universität Wien ausgedacht, weil ich nicht wollte, dass man das Dorf zuordnen kann. Sobald man einen existenten Dialekt verwendet, kann man genau sagen, dass ist da oder dort. Wir haben versucht Merkmale von den verschiedensten deutschen Dialekten irgendwie zusammen zu wurschteln und daraus etwas Neues zu machen.

Wie arbeitsintensiv war das?

Das war eine Heidenarbeit und ich habe mir danach geschworen: nie wieder!

Nie wieder Dialekt?

Nie wieder Kunstdialekt! Ich mag gerne Dialekt. Ich finde es einfach gut, dass man heutzutage wieder Dialekt schreiben kann, dass wir da auch über diese intellektuelle Attitüde hinweg sind, dass Dialekt irgendwie sozial schwache Menschen auszeichnen würde. Durch unsere Sprache sind wir. Durch unsere Sprache verstehen wir. Die Grenzen unseres Handelns sind die Grenzen unserer Sprache. Wenn man in der Literatur eine ganze Ebene der Sprache ausklammert, nur weil man nicht weiß, wie man sie schreibt, dann nimmt man vom Leben nur einen gewissen Teil wahr.

Was war das Besondere an der Arbeit mit diesem Kunstdialekt?

Das war eine Fuzzelei. Da es sich um einen Kunstdialekt handelte, konnte außer mir niemand anderer den Text korrigieren. Ich war damit vollkommen allein. Das Korrigieren der Fahnen hat zwei Monate meines Lebens und fünf Jahre meiner Zukunft gekostet. Ich musste jeden einzelnen Satz rausschreiben und dann schauen, ob ich das immer gleich geschrieben habe. Ich bin ein Perfektionist. Als ich fertig war, hatte ich anschließend eine Influenza: zwei Wochen lang ich tot auf meiner Couch und habe grünes Zeug gehustet.

Du hast den Roman parallel zu deinem Studium fertiggestellt. Wann hast du damals die Zeit zum Schreiben gefunden?

Ich habe immer morgens vor der Uni geschrieben. Ich muss gestehen, dass ich eine langsame Studentin bin, aber bewusst langsam, weil ich Griechisch und mein Studium liebe. Germanistik habe ich in vier Semestern durchgezogen. Bei Griechisch lasse ich mir gerne Zeit. Aber das Studium allein war für mich auch immer zu wenig. Das war nicht genug. Für das Schreiben bin ich früh aufgestanden und habe vor der Uni meine vier Stunden gearbeitet. Teilweise habe ich dann auch zwischen den Vorlesungen geschrieben, denn als Student hat man viel Wartezeit. Ich hatte mit den anderen Studenten nie viel zu tun und so habe ich mich in die Ecke gesetzt und einen Roman geschrieben.

Hast du zwischendurch an deiner Romanidee gezweifelt?

Ja, jeden zweiten Tag, nachts, um fünf Uhr morgens grübelnd im Bett. Immer wieder.

Wer hat dich dabei unterstützt, deine Idee durchzuziehen?

Ich hatte einen Agenten an meiner Seite, einen ganz wunderbaren, lieben und dicken Schweizer. Der hat mein Händchen gehalten. Der war so eine große Unterstützung. Am Anfang hatten wir immer ein Mal die Woche einen Telefontermin, weil er das so macht mit seinen Autoren und vor allem mit seinen Problemkandidaten. Das war sehr schön, weil ich wusste, ich konnte ihn anrufen, wenn es mir nicht gut ging. Ich habe dann auch häufig angerufen und gesagt: ich zweifle. Er war der erste Mensch, der mich überhaupt verstanden hat mit dem Schreiben. Meine Familie hat immer gedacht, das Kind ist mit fünf Jahren mal auf den Boden gefallen und hat sich den Kopf geprellt.

Deine Eltern haben dich bei deinem Wunsch zu schreiben, nicht unterstützt?

Die haben das nicht verstanden. Das Schreiben ist für viele Menschen etwas Seltsames. Das merke ich immer wieder. Schon allein, wie oft ich gefragt wurde, ob ich mich jetzt schon als Schriftstellerin bezeichnen würde. Ja, wieso denn auch nicht? Das ist ein Job wie jeder andere, mit dem man halt seine Miete bezahlt, Steuern zahlen muss und die Krankenversicherung abführt. Die Leute assoziieren mit diesem Begriff aber irgendwie etwas Seltsames. Viele Menschen verstehen das mit dem Schreiben nicht, weil sie sich sehr schwer damit tun. Das längste, was meine Eltern jemals geschrieben haben, war eine Einkaufsliste für Familienfeiern. Als Eltern wünscht man sich für sein Kind einen sicheren Job und dass es irgendwann die Miete zahlen kann.

Von außen stellt man sich das Leben als Schriftsteller häufig glamourös vor, diese Vorstellungen decken sich wohl eher nicht mit der Realität?

Ich empfinde das als einen Job wie jeden anderen. Er hat halt zwei Seiten: die eine Seite ist das Schreiben und das ist sehr einsam. Es ist sehr schön, sich jahrelang zurückzuziehen und wann man möchte etwas zu schreiben, aber es ist wahnsinnig einsam. In den intensivsten Schreibphasen habe ich teilweise Wochen gehabt, in denen ich vier Tage lang mein Haus nicht verlassen habe oder mein Zimmer nicht verlassen konnte und mit strähnigen Haaren und einem Jogginganzug durch die Gegend gelaufen bin. Die andere Seite ist das Präsentieren des Romans: das ist lustig, das macht Spaß, aber glamourös? Aber es ist schon verdammt cool.

Wie hältst du es mit negativen Kritiken und Verrissen?

Am Anfang hat es mich rasend interessiert. Als das Buch rausgekommen ist, wollte ich alles lesen und alles aufnehmen. Ich bin dann aber wirklich durch solche wechselnden Emotionen gegangen: durch die höchste Freude und die tiefste Trauer. Häufig schon wegen Kleinigkeiten. Ich habe dann irgendwann gemerkt, mir tut das nicht gut. Es ist, als würde man in ein Spiegelkabinett gehen: mal siehst du dich schlank, mal siehst du dich breit. Du siehst immer dich, aber das bist nicht du. Es ist immer verzerrt durch die Wahrnehmung von anderen. Auch Journalistenartikel sind wie ein Zerrspiegel.

Vor zwei Wochen hast du dich auf deiner Facebookseite öffentlich zum Urheberrecht geäußert. Wie waren die Reaktionen?DSC_6492

Es war erstaunlich, was ich für üble Beschimpfungen erhalten habe. Aber auch damit muss man umgehen. Es gab aber auch wunderschöne Rückmeldungen. Zu 90 bis 95 Prozent waren diese positiv und unterstützend. Ich habe mich darüber wirklich gefreut, weil ich gemerkt habe: die Welt ist wirklich in Ordnung.

Was wäre für dich denn eine Lösung dieser Debatte?

Für mich ist die einzig mögliche Lösung, dass Diebstahl weder im Internet, noch im normalen Leben toleriert wird. Wenn ich den Kopiercode eines E-Books knacke, dann ist das Diebstahl. Und die Leute, die sich dort E-Books runterladen, wissen ja auch, dass das eigentlich Geld kostet. Wenn im Rahmen von Selfpublishing und E-Bookbusiness ein Autor entscheidet, dass er seine Sachen kostenlos abgibt, muss das ihm selbst überlassen bleiben. Das bedeutet aber nicht, dass es einen Zwang geben kann, kostenlos zu arbeiten. Das ist für mich Sklaverei.

Diese Problematik hängt sicherlich mit der Entwicklung des E-Books zusammen, wie stehst du dem gegenüber?

Es gibt genug gratis E-Books und es gibt genug Autoren, die gratis schreiben, aber teilweise ist das dann auch so, dass man das nicht lesen möchte. Es gibt einen Grund, warum ich damit einverstanden bin, nur 12 Prozent des Netto- Ladenverkaufspreises zu erhalten. Wenn man es von außen betrachtet, ist das wenig, aber ich bin damit völlig einverstanden, weil ich weiß, was mein Verlag alles macht. Das sieht man auch am Buch, das einfach gut lektoriert und präsentiert ist. Am 25. Juni kannte mich niemand. Da war ich eine x-beliebige Studentin mit einer literarischen Ambition. Davon gibt es genug. Aber mein Verlag hat es wirklich geschafft aus einem No-Name jemanden zu machen, der in Talkshows eingeladen wird. Sie haben meinem Buch den Weg geebnet. Das rechne ich ihnen hoch an. Deswegen sage ich: jeder Cent, den der Verlag verdient, ist genauso gerechtfertigt wie das, was ich verdiene.

Und wie hältst du es selbst mit E-Books? 

Ich habe einen E-Book-Reader, verwende ihn aber mit einem sehr eigenen Zugang. Ich verwende ihn für drei Sachen: zum einen benutze ich ihnen gerne für Unisachen, für Referatspaper, Aufsätze und pdf-Dokumente. Die konsumiere ich einmal und dann schmeiße ich sie weg. Da finde ich es gut, Papier sparen zu können. Das zweite sind Manuskripte und Fahnen, die ich von Kollegen bekomme. Die muss ich dann nicht am Bildschirm lesen oder ausdrucken. Das finde ich dann schon sehr praktisch. Dann nehme ich es auch gerne noch auf Reisen mit: ich bin jetzt sieben Tage unterwegs, habe wahnsinnig viel Zeit beim Reisen und lese auch viel. Darüber hinaus hat der Reader eine medizinische Notwendigkeit, weil ich einen Wirbelsäulenschaden habe und nicht schwer tragen darf. Ich lese auf dem Reader aber nur Autoren, deren Urheberrecht aufgrund ihres Todes schon abgelaufen ist: Dickens, Jane Eyre, die ganzen Klassiker, die ich auch zu Hause im Bücherregal stehen habe. Das sind dann aber die wahnsinnig schönen Ausgaben, die ich dann lieber nicht mitnehmen möchte, weil ich auch immer gut darin bin, die Bücher einzusauen. Dafür sind E-Reader praktisch. Was ich aber wirklich unsexy finde, ist einen jungen deutschsprachigen Autor, den es auch als schönes Hardcover gibt, auf dem E-Reader zu lesen. Für mich ist ein E-Reader ein Gebrauchsgegenstand, der gewisse Dinge leichter macht, aber ich finde nicht, dass man das mit einem Buch vergleichen kann.

Vea Kaiser in fünf Jahren – wo würdest du dich gerne sehen?

Da muss ich ehrlich sagen, dass ich das noch nicht weiß. Ich hoffe einfach nur, dass ich mein Gewicht halten kann.

Vea Kaiser hat Bremen zum Lachen gebracht!

Am 30. Januar las Vea Kaiser in der Storm Buchhandlung aus ihrem Debütroman “Blasmusikpop” vor. Es sollte eine der unterhaltsamsten und vergnügtesten Lesungen werden, die ich bisher erlebt habe.

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Zu Beginn betonte Vea Kaiser ihre gute Beziehung zu Bremen, die vor allem im Fußball begründet ist. Weil es bei ihrer Lieblingsmannschaft Rapid Wien im Moment nicht so gut läuft, hat sie sich Werder Bremen zugewendet. Werder Bremen wird in der Fußballszene auch als “little Austria” bezeichnet wird, weil dort viele österreichische Fußballer spielen. Vea Kaiser war an diesem Abend jedoch nicht nur gekommen, um über Fußball zu fachsimpeln, sondern auch, um aus ihren skurrilen und vor Ideen sprühenden Debütroman “Blasmusikpop” vorzulesen.

Vea Kaiser hat die zahlreichen Zuhörer sehr sympathisch in die Geschichte ihres Buches und in die Handlung des Romans eingeführt. Vorweg hat sie amüsiert darüber berichtet, dass sich nach der Veröffentlichung ihres Romans 26 Gemeinden bei ihr gemeldet haben, um zu beweisen, dass der fiktive Handlungsort St. Peter am Anger ihrem eigenen Dorf ähneln müsse. Ein Bürgermeister eines Dorfes aus der Schweiz analysierte mögliche Ähnlichkeiten in einem fünf Seiten langen Brief: die Bewohner seines Dorfes lebten genauso abgeschottet, die Blaskapelle treffe auch nur jeden zweiten Ton und der Bürgermeister sei genauso fett …

Im Anschluss an die Lesung, bei der viel gelacht wurde, war Vea Kaiser bereit, Fragen zu beantworten – alle Fragen, “bis auf die Frage, wie das Buch ausgeht”. Offen und ausgesprochen sympathisch erzählte Vea Kaiser – immer gerne mit einer Anekdote untermalt – über ihr Buch, ihre Liebe zum Altgriechischen und die Verfilmung des Romans.

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Vea Kaiser schrieb “Blasmusikpop” in einer Quarterlife Crisis – ihr Freund hatte sich von ihr getrennt und sie wollte endlich mal ein Projekt beginnen, was sie auch zu Ende führt, denn ihr bisheriges Leben war von Hobbys geprägt, die sie meistens nach einem halben Jahr wieder abgebrochen hat, um etwas Neues zu beginnen. Für das Schreiben ihres Debütromans brauchte Vea Kaiser knappe zwei Jahre. Die Zuhörer der Lesung beeindruckt sie damit, dass sie auf den Tag genau das Datum nennen konnte, an dem sie anfing zu schreiben und an dem sie den Roman beendete. Thematisiert wurde auch Vea Kaisers Leidenschaft für Griechisch und ihre Begeisterung für das Fußball spielen. Die Schule, die sie besuchte war das Gymnasium der englischen Fräulein und die Jungs der Fußballmannschaft mussten mit einem Trikot auflaufen, auf dessen Rückseite die Worte “englische Fräulein” standen. Als sich die Jungs weigerten in diesem Trikot Fußball zu spielen, war dies die Chance für die Mädchen – ihre Fußballkarriere gab Vea Kaiser dann jedoch nach einem gebrochenen Fuß wieder auf. Während derVerletzungspause hatte sie zu viele andere interessante Hobbys gefunden. Scherzhaft bemerkt sie, dass das ja im Rückblick schade sei, denn ansonsten hätte sie ja vielleicht doch etwas Vernünftiges gelernt. Ihr Griechischstudium bezeichnet sie als “studieren wie im 19. Jahrhundert”. Sie studiert mit 35 Kommilitonen, von denen 17 bereits in Pension sind. Jeder hat auf seine Weise einen Schuss weg und Vea Kaiser nimmt sich selbst dabei auch nicht aus.

Vea Kaiser hat bereits eine neue Idee, die ihr auf einer Zugfahrt nach Prag eingefallen ist. Der neue Roman spielt in einer griechischen Schaumstofffabrik, die geschlossen werden muss. Hauptfigur wird Jannis sein, der ein unverbesserlicher Optimist ist – wir können uns also auf etwas Neues freuen. Ganz am Ende verrät sie auch, dass “Blasmusikpop” verfilmt wird. Ihr einziger Wunsch bei der Produktion ist ein Undercoverauftritt: als Mutter, mit dickem Plastikbusen, Schweißbändern und Nordic Walking Stöcken …

Die Lesung von Vea Kaiser war witzig, humorvoll, unterhaltsam und unheimlich mitreißend. Viele Zuschauer haben sich im Anschluss ihr Buch gekauft und ich kann an dieser Stelle meinen Aufruf aus meiner Besprechung nur noch einmal wiederholen: lest Vea Kaiser! Lest “Blasmusikpop”.

Ich hatte die Chance, Vea Kaiser im Vorfeld der Lesung zu einem Interview zu treffen, mehr darüber lest ihr hier.

Die Stimme versagt – Marica Bodrožić in Bremen

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© Peter von Felbert

Im Rahmen der LiteraTour Nord las Marica Bodrožić am gestrigen Sonntag im Café Ambiente aus ihrem neusten Roman “kirschholz und alte gefühle”.  Marica Bodrožić wurde 1973 in Kroatien, in der Nähe der Stadt Split, geboren. 1983 zog sie nach Deutschland, machte ihr Abitur in Hessen und studierte anschließend Kulturanthropologie und Slawistik. Heutzutage arbeitet sie als freie Schriftstellerin, darüber hinaus hat sie in das Filmgeschäft hineingeschnuppert und war als Gastdozentin für Creative Writing in den USA.

Zentrales Thema ihres neuen Romans “kirschholz und alte gefühle”, ist die Erinnerung und das Gedächtnis. Marica Bodrožić stellt in ihrem Roman die Erinnerung als etwas Flüchtiges dar, das bei jedem Rückblick eine andere Färbung erhält.

In seiner Einführung kündigt der Moderator Gert Sautermeister an, dass besondere Umstände es erfordern, dass die Lesung in verteilten Rollen stattfinden müsste. Marica Bodrožić erklärt krächzend, dass dies ein ganz schwerer Moment für sie sei, da sie ihre Stimme verloren hat, aber zur Lesung gekommen ist, um zu zeigen, dass sie willens ist. Morgens habe sie noch in Oldenburg gelesen, aber am Nachmittag sei ihre Stimme weggebrochen, trotz des Ingwertees, den sie getrunken hat. So sind wir Zuschauer in den Genuss einer ganz ungewöhnlichen Lesung gekommen, da zwei Stellvertreter gelesen haben, um die Autorin nicht weiter zu belasten: Gert Sautermeister und ein Zuschauer, der sich spontan bereit erklärt hat, haben jeweils einen Teil aus dem Roman übernommen.

Im anschließenden Gespräch, das aufgrund der krankheitsbedingten Umstände kurz gehalten wurde, konnte Marica Bodrožić einige kurze aber überaus interessante Antworten auf Fragen aus dem Publikum geben. Die belagerte Stadt, die im Buch namenlos bleibt, ist natürlich Sarajewo. Der Name wird nicht genannt, um deutlich zu machen, dass es auch anderswo Terror, Belagerung und Barbarei gibt, dass überall Menschen, die Shakespeare lesen, auch andere Menschen umbringen können. Marica Bodrožić macht in ihrem Buch deutlich, dass Kriege in Europa immer noch stattfinden, denn viele Menschen in Deutschland denken bei Krieg als erstes an den 2. Weltkrieg. Sie weist auf ihr Erstaunen über die Weihnachtsansprache des Bundespräsidenten hin, der sagte, dass es seit 60 Jahren keinen Krieg mehr in Europa gegeben habe. Und was ist mit Jugoslawien, fragt Marica Bodrožić?

Die Figur aus ihrem Buch, die ihr am stärksten ans Herz gewachsen ist, ist der Jude Mischa, denn Mischa sei ein Mensch, der die Sprache seiner Kindheit nicht hassen kann. Stattdessen versucht er über die Liebe und Freude einen Weg zurückzufinden in ein besseres Leben. Im realen Leben ist ihr Hannah Arendt ein leuchtendes Vorbild, weil sie unbestechlich geblieben ist. Dies hat Hannah Arendt nicht immer sympathisch gemacht, aber genau das bewundert Marica Bodrožić,  dass man bereit ist, alles zu verlieren und nicht weiß, was man dafür bekommt. Eine ähnliche Figur, die sich aller Eindeutigkeit verweigert, ist Arik, die männliche Hauptfigur ihres Romans. Arik ist rätselhaft und nicht unbedingt sympathisch, aber die Erzählerin des Romans lernt so viel durch ihn: “Der Stein, über den ich stolpere ist der, von dem ich etwas lernen kann.”

Ich glaube, dass Marica Bodrožić selbst gestern Abend am stärksten unter ihrer Sprachlosigkeit gelitten hat: “Ich bin Löwin und rede sehr gerne. Ich leide, weil ich das heute nicht tun kann.” Dennoch habe ich gestern eine sympathische und überaus interessante Autorin kennengelernt, von der ich gerne noch mehr entdecken möchte.

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