“Comma-Then” ist ein amüsanter und kurzweiliger Essay von Jonathan Franzen, der in seinem vor kurzem erschienen neuesten Essayband “Weiter weg” (eine Besprechung folgt auf diesem Blog in den kommenden Wochen) veröffentlicht wurde. Jonathan Franzen, der Autor von vier Romanen, einigen Essays und einer Autobiographie, schreibt in diesem Essay darüber, warum im Englischen ein Komma, gefolgt von einem then ihm beim Lesen von Büchern immer wieder Magenschmerzen bereitet:
“Es gibt so viel zu lesen, und wir haben so wenig Zeit. Ich suche immer nach einem Grund, ein Buch wegzulegen und es nicht wieder in die Hand nehmen zu müssen. Einer der besten, den ein Schriftsteller mir liefern kann, ist die Verwendung des Wortes then als Konjunktion ohne nachfolgendes Subjekt.”
Jonathan Franzen legt Bücher freiwillig zur Seite, wenn er in ihnen häufiger Sätze liest, wie diesen: “She lit a Camel Light, then dragged deeply.”
“Ich bin aber sicher, dass die Comma-then-Konstruktion keine sinnvolle Gepflogenheit ist – und dass es sich im Unterschied zum heldenhaften Semikolon oder zur ehrenwerten Partizipalkonstruktion um einen ärgerlichen, aus Faulheit geborenen Manierismus handelt – und zwar deswegen, weil sie fast ausschließlich in ‘literarischen’ Texten der letzten paar Jahrzehnte zu finden ist.”
Der Essay von Jonathan Franzen ist kurz, aber der Leser spürt in jeder Zeile seine Ablehnung gegenüber dieser grammatischen Konstruktion und letztendlich auch gegenüber Autoren und Autorinnen, die diese benutzen.
Wie geht es euch bei der Lektüre von Büchern? Gibt es ähnliche grammatische Konstruktionen, die euch so nerven können, dass ihr ein Buch lieber zur Seite legt? Oder andere sprachliche Aspekte, die dazu führen, dass ihr Bücher abbrecht?
Den vollständigen Essay könnt ihr übrigens hier lesen, eine erste Besprechung von “Weiter weg” gibt es bei Laura und Katja.
Gestern hat die junge Schriftstellerin Vea Kaiser einen offenen Brief auf ihrer Facebookseite veröffentlicht, der in der Folge von vielen kommentiert, geliked und geteilt wurde. Vea Kaiser spricht in diesem Brief, der eine Reaktion auf eine Seite ist, auf der ihr Roman “Blasmusikpop” als kostenloses Ebook angeboten wird, wichtige Themen an: das Urheberrecht und wie dieses im Netz missachtet und mit Füßen getreten wird. Vea Kaiser ist wütend und das zu Recht!
“Liebe Ebook-Piraten, Ich fürchte zwar, Ihr werdet meine Nachricht nicht veröffentlichen, aber: ich bin Autorin eines der Ebooks, die Ihr gratis zum Download anbietet und ich fühle mich von Euch bestohlen und ausgebeutet – bin entsetzt, was Ihr hier tut. Ich habe jahrelang an diesem Roman geschrieben und finanziere mir mühsam durch den Verkauf mein Studium und mein Leben – das ist nicht besonders luxuriös, aber dafür kann ich an meinem nächsten Roman arbeiten. Ich bin auf diese Buchverkäufe angewiesen, und indem Ihr mein Buch für jedermann zur unbeschränkten kostenlosen Weiterverbreitung anbietet, nutzt Ihr mich aus. Ihr denkt Euch jetzt vielleicht, es is ja nicht anders als borgen. Nunja: Es ist ein Unterschied ob ich einem Freund ein Buch borge, oder Kopien für die ganze Stadt anfertige und sie am Marktplatz zur freien Entnahme aufstelle. Oder glaubt Ihr, wir Autoren würden ohnehin alle so gut verdienen, dass es egal ist, ob Ihr für unsere Arbeit bezahlt oder nicht? Ken Follett wird es vielleicht nicht kratzen, aber junge Autoren, innovative Stimmen sind von jedem verdammten Buch abhängig. Was Ihr hier macht, ist nichts anderes als Diebstahl. Und was ich so schlimm finde, Ihr schämt Euch nicht einmal, sondern animiert Euch gegenseitig weiterzustehlen. Ihr nennt das ” Bücher befreien” – ist Euch bewusst, dass Ihr damit die Autoren versklavt? Ihr zwingt Autoren, gratis für Euch zu arbeiten, Ihr anerkennt unsere LEistung nicht, laut Euch steht uns NICHTS zu. Jahrelange Arbeit nur damit Ihr kostenloses Lesevergnügen habt? Das ist Sklaverei. Wären alle Leser so wie Ihr, dann gäbe es keine Bücher mehr, denn wir Autoren hätten nicht die Möglichkeit zu schreiben. Warum ich Euch das sage? Weil ich im Herzen daran glaube, dass Leser gute Menschen sind und Bücher, sowie deren Autoren, schätzen. Zumindest schreibe ich für Leser, die die Arbeit eines Autors auch zu schätzen wissen, und bereit sind, dafür zu zahlen. Denn sind wir uns ehrlich: 10-20 Euro für ein Buch ist verdammt wenig. Zwei Kinokarten, 4 Packerl Zigaretten, 1/4 Tankfüllung. Das rechnet nie die jahrelange Arbeit, und wir Autoren tun’s trotzdem. Wenn Ihr aber so weitermacht, zerstört Ihr die Vielfalt. Klar, Bücher wird es immer geben. Aber überlegt mal, ob Ihr noch lesen wollt, wenn es nur noch Megaseller wie Shades-of-grey gibt, weil sich anderes nicht mehr rentiert, weil junge Autoren keine Chance haben, weil innovative Ideen nicht mehr möglich sind. Ach, und dann habt Ihr ja Euer Argument, Ihr wollt doch nur die “Content-Mafia” umgehen, legitimiert Ihr Euer Treiben damit, dass Ihr meint, es bräuchte keine Verlage? Nur dass Ihr wisst: Verlage entdecken neue Autoren, verwirklichen mutige Bücher und helfen dem, was Ihr nachher gut findet, aus dem Ei. Das sind keine üblen Verwertungsmaschinen, die einen Autor ausquetschen, sondern Menschen mit Herz, die einem Projekt ins Leben helfen. Ohne deren Mut, Expertise und stützende Strukturen gäbe es einen ziemlichen Einheitsbrei, denn das Durchsetzen von Neuem in diesem gewaltigen Markt überfordert die Möglichkeiten eines einzelnen Menschen. Wenn Ihr das wollt: dann macht weiter so. Wenn nicht, überlegt doch mal, ob Ihr dem Buchhändler um die Ecke nicht einen Besuch abstatten wollt. Dort gibt es übrigens auch persönliche Beratung, Hilfe, Lektüre zu finden, die Ihr sonst nicht gefunden hättet, oder Lesungen, die Möglichkeit, Autoren mal kennenzulernen. Geht doch mal zu einer Lesung und schaut Euch den Menschen an, der das Buch geschrieben hat und erklärt mir dann bitte, wieso dieser Mensch Euer Sklave sein soll – das würde mich nämlich wirklich interessieren, wieso Ihr der Meinung seid, dass Ihr mit Eurem Diebstahl uns Autoren und Verlage ausbeuten dürft.”
Vea Kaiser tritt mit diesem offenen Brief in die Fußstapfen von Sven Regener, der im letzten Jahr eine ähnliche Wutrede zum Urheberrecht hielt. Sven Regener kommt zu dem Schluss:
“Eine Gesellschaft, die so mit ihren Künstlern umgeht, ist nichts wert”
Ich kann beide Künstler in ihrem Anliegen und in ihrer Wut nur unterstützen. Wer sich die Arbeit macht, etwas zu schreiben, etwas zu malen oder etwas zu komponieren, sollte für diese Arbeit bezahlt werden. Menschen, die Bücher oder Musik als etwas wahrnehmen, was sie sich umsonst irgendwo runterladen können, kann ich nicht verstehen.
Vea Kaisers offener Brief wurde bis jetzt bereits über 200 Mal geteilt und ich kann ihr als Leserin und Bücherliebhaberin nur uneingeschränkt zustimmen. Mittlerweile wurde ihr Artikel auch online im Tagesspiegel veröffentlicht.
Unfassbar, dass das Lesejahr 2012 bereits wieder vorbei ist. Vor einem Jahr habe ich zum ersten Mal bei der Blogparade mitgemacht und die Zeit dazwischen ist für mein Empfinden beinahe wie im Flug vergangen. Ich blicke auf ein bewegtes und schönes Blogjahr 2012 zurück: ich habe im Zusammenhang mit meinem Blog viele schöne und positive Erfahrungen machen dürfen, viele interessante Menschen kennengelernt und einen durchweg schönen literarischen Austausch gehabt, über den ich mich sehr gefreut habe. Daneben habe ich in diesem Jahr aber auch viele tolle Bücher gelesen und einige wenige, die mich leider nicht ganz erreichen konnten.
Über die Antworten auf die folgenden Fragen habe ich eine ganze Weile nachdenken müssen, denn die Bücher, die ich am Anfang des Jahres gelesen haben, liegen bereits eine ganze Weile zurück, andere, die ich vor kurzem gelesen habe, sind mir noch viel frischer im Gedächtnis und die Gefühle, die ich mit ihnen verbinde, sind noch sehr viel intensiver. Da fiel es mir schwer, eine gute Auswahl zu treffen.
* Welches war das Buch in diesem Jahr, von dem ich mir wenig versprochen habe, das mich dann aber positiv überrascht hat?
Ich kannte weder den Autor noch wusste ich, was mich genau erwarten würde und dann wurde ich mit dem Aufschlagen der ersten Seite in eine Geschichte hineingezogen, dessen Sog ich mich nicht mehr entziehen konnte. Ich erinnere mich noch sehr genau, wie ich das Buch zu Ende las und mir ein paar Tränen über die Wangen kullerten. Die Geschichte hat mich unheimlich berührt und auch über die Lektüre hinaus noch länger beschäftigt. Ich freue mich bereits jetzt darauf, im nächsten Jahr weitere Bücher dieses Autors zu entdecken.
Als ich das Buch in die Hand nahm, war ich erstaunt: Ein so schmales Bändchen und dann auch noch zweisprachig? Der Inhalt sollte eine Rede sein, die David Foster Wallace mal vor Studenten gehalten hat. Bevor ich begann, das Büchlein zu lesen, hatte ich wenige Erwartungen und noch weniger Kenntnisse über den Schriftsteller, von dem ich zwar schon mal gehört, aber noch nie etwas gelesen hatte. Ich habe “Das ist Wasser” in der Zwischenzeit bereits mehrere Male gelesen und entdecke immer wieder neue Aspekte, neue Impulse, die ich versuche auf mein Leben und mein Denken zu übertragen. Eine wahre Anregung zum Denken und zum Handeln und ein Buch, das mich in diesem Jahr sehr positiv überrascht hat.
* Welches war das Buch in diesem Jahr, von dem ich mir viel versprochen habe, das mich dann aber negativ überrascht hat?
Bei meinen Bloggerkollegen hatte ich im Vorfeld schon so viel Positives über die Autorin gelesen, über deren Namen und deren Bücher ich immer wieder gestolpert war. Als ich den schmalen Roman “Das Meer am Morgen” in die Hand nahm, waren die Erwartungen hoch und die anschließende Enttäuschung war dann umso größer. Margaret Mazzantini kippt einen riesigen Eimer poetischer Bilder und Metaphern über eine eigentlich interessante Geschichte aus und bringt diese und die Figuren dahinter vollkommen zum Verschwinden. Eine Enttäuschung, die mich aber nicht davon abhalten wird, weitere Bücher der Autorin zu lesen.
Das Buchcover verströmte eine wunderschöne Leichtigkeit, die Geschichte versprach Spannung, doch das, was Zoran Feric daraus gemacht hat, hat mich dann doch mehr als enttäuscht zurückgelassen. Eine nette Geschichte, durch die man sich jedoch an etlichen sprachlichen Stolpersteinchen vorbei quälen muss. Das Buch war für mich – aufgrund der holprigen und ungelenken Sprache – eines der anstrengendsten Leseerlebnis dieses Jahr.
* Welches war eure persönliche Autoren-Neuentdeckung in diesem Jahr und warum?
Vea Kaiser
Warum? Muss man das bei dem Namen Vea Kaiser wirklich noch begründen? Sie hat mit “Blasmusikpop” nicht nur einen fantastischen, erfrischenden und vor Ideen sprühenden Roman vorgelegt, sondern tritt auch darüber hinaus sehr positiv und sympathisch auf. Sie ist für mich die Autoren-Neuentdeckung des Jahres und ich hoffe sehr, dass es von ihr bald noch mehr zu entdecken geben wird. Solange freue ich mich darauf, sie im nächsten Jahr das erste Mal live lesen zu hören. Ach ja, wer sich noch nicht in Vea Kaiser verliebt hat, sollte sich einfach dieses Video noch einmal anschauen:
Weitere Neuentdeckungen: Janet Frame, Kathrin Weßling, Pia Ziefle
* Welches war euer Lieblings-Cover in diesem Jahr und warum?
Vom ersten Anblick an habe ich mich direkt in das Cover von “Visby” verliebt, einem wunderschönen Roman von Barbara Slawig.
* Welches Buch wollt ihr unbedingt in 2013 lesen und warum?
“Weiter Weg”, einen Essayband von Jonathan Franzen, auf den ich mich schon seit einigen Monaten wie eine Schneekönigin freue.
Die Süddeutsche Zeitung hat in der Ausgabe vom Mittwoch, den 19. Dezember, insgesamt 60 Schriftsteller, Künstler und Intellektuelle nach ihrem Buch des Jahres 2012 gefragt. Zu Wort kommen unter anderem: Alice Schwarzer, Navid Kermani, Jo Lendle, Denis Scheck und Clemens J. Setz. Die genannten Bücher sind so vielfältig und unterschiedlich, wie die befragten Künstler. Ich habe mir viele markiert und auf meine Wunschliste gesetzt. Genau aus diesem Grund liebe ich auch diese Specials zum Jahresende: wie in einer Suchbewegung stößt man auf ganz unterschiedliche Titel, von denen man manchmal vorher bereits gehört hat, die in anderen Fällen aber auch noch vollkommen unbekannt sein können. Ein Buch, das mehrmals genannt wurde, ist das Sachbuch “Kongo: Eine Geschichte” von David van Reybrouck. Das Buch wandert nun auch auf meine Wunschliste.
Auf der Seite der Süddeutsche, kann man sich die genannten Bücher in einer interaktiven Grafik anschauen: Aus dem Abgrund zum Gipfel. Lasst euch inspirieren! 🙂
In die Stadtbibliothek Bremen hat heute die Bremer Literaturszene eingeladen, um sich vorzustellen. Es gab Informationsstände von insgesamt zwölf Bremer Literaturinstitutionen, die sich und ihre Arbeit vorgestellt haben.
Es gab einen Büchertisch mit Büchern von Bremer Autoren und mehrere Stände bei denen sich Bremer Festivals präsentierten, beispielsweise “poetry on the road”, “globale” oder auch die “prime time crime”. Sehr interessant war der Informationsstand des Virtuellen Literaturhaus. Dort wurde das Netzprojekt “Das Gegenteil von Henry Sy” vorgestellt – ein Onlineroman von Stefan Petermann, den dieser auf Facebook schreibt. Für dieses Projekt hat der junge Autor ein Arbeitsstipendium erhalten.
Neben den Informationsständen wurden Schreibworkshops zu den Themen Kettengeschichte und Collagen angeboten, die von “workshop Literatur” in gemeinsamer Zusammenarbeit mit Schülern und Schülerinnen organisiert wurden. Neben den Workshops wurden auch Spontan-Lektorate angeboten und es gab unterschiedliche Aktionen auf Platt.
Die Besucher konnten auch an einer Bücherverlosung teilnehmen und mussten dafür das Gewicht eines Stapels Bücher schätzen. Als um 17 Uhr das Ergebnis der Verlosung verkündet wurde, konnte ich es kaum fassen: ich hatte heute nicht nur die Möglichkeit nette Kontakte zu knüpfen, sondern bin auch mit sehr vielen positiven Eindrücken nach Hause gegangen und hatte zusätzlich noch sechs gewonnene Bücher in der Tasche.
Das war für mich ein rundum gelungener Einblick in die Bremer Literaturszene.
Die Schriftstellerin Olga Grjasnowa las gestern aus ihrem Buch “Der Russe ist einer, der Birken liebt” vor. Die Lesung fand auf Einladung des “workshop Literatur e.V.” in der Thalia Buchhandlung in Bremen statt. Am heutigen Freitag, den 23.11.2012, steht die junge Autorin darüber hinaus für einen Schreibworkshop mit Oberstufenschülern zur Verfügung. Diese Tatsache trug dazu bei, dass die Lesung am gestrigen Abend von zahlreichen Schülern besucht wurde.
“Mascha ist jung und eigenwillig, sie ist Aserbaidschanerin, Jüdin, und wenn nötig auch Türkin und Französin. Als Immigrantin musste sie in Deutschland früh die Erfahrung der Sprachlosigkeit machen. Nun spricht sie fünf Sprachen fließend und ein paar weitere so “wie die Ballermann-Touristen Deutsch”. Sie plant gerade ihre Karriere bei der UNO, als ihr Freund Elias schwer krank wird. Verzweifelt flieht sie nach Israel und wird schließlich von ihrer eigenen Vergangenheit eingeholt. Mit perfekter Ausgewogenheit von Tragik und Komik und mit einem bemerkenswerten Sinn für das Wesentliche erzählt Olga Grjasnowa die Geschichte einer Generation, die keine Grenzen kennt, aber auch keine Heimat hat.” – Quelle: Hanser Literaturverlag
Bevor Olga Grjasnowa anfing zu lesen, hat sie einige der wichtigsten Handlungselemente zusammengefasst, um in das Buch einzuführen. Sie betonte gleich zu Beginn ihrer Lesung, dass in ihrem Roman weder Russen noch Birken vorkommen werden. Ihre Einführung in den Roman war sehr humorig und kurzweilig. Olga Grjasnowa beendete sie mit einem Hinweis darauf, dass es sie ziemlich irritieren würde, dass unter dem Stapel ihrer Bücher ein Exemplar von “Shades of Grey” liegen würde.
Im Anschluss an die Lesung stand die Autorin für Fragen aus dem Publikum zur Verfügung und es entwickelte sich in der Folge ein sehr launiges Gespräch. Man merkte Olga Grjasnowa zeitweilig ihre Nervosität an, sie machte aber durchweg einen sehr sympathischen und auch witzigen Eindruck.
Eine der ersten Nachfragen aus dem Publikum bezog sich auf den seltsam anmutenden Titel. Olga Grjasnowa erklärte, dass es Zuschreibungen gibt, die funktionieren und Fakten schaffen, wie das zum Beispiel bei dem Wort Migrantenkinder geschieht, die häufig in eine Schublade gesteckt werden, auf der Begriffe wie faul, dumm oder ungebildet stehen. Sie selbst hat es in diesem Zusammenhang immer genervt, dass mit Russland häufig ausschließlich Birken assoziiert werden. Für den Titel entschieden hat sie sich dann aber eher zufällig, als sie über ein Zitat von Anton Tschechow aus dem Stück “Drei Schwestern” stolpert:
“Werschinin: Wie können Sie nur! Hier ist ein gesundes, slawisches Klima. Wald und Fluss … und dann gibt es auch Birken. Die lieben, bescheidenen Birken, ich liebe sie mehr als sonst alle Bäume. Gut ist es, hier zu leben. Seltsam bloß, dass der Bahnhof zwanzig Werst vor der Stadt liegt … Und keiner weiß, warum das so ist.”
Als sie dieses Zitat gefunden hatte, war ihr Roman bereits fast fertig und sie empfand das Zitat beinahe als perfekte Zusammenfassung ihres Romans. Im Roman werden ethnische Zugehörigkeiten behandelt, ihr war es aber wichtig, dass eine Nationalität im Titel vorkommt, die nicht im Buch erwähnt wird.
Sie hat sich entschieden ihrer Hauptfigur Mascha einen aserbaidschanisch-jüdischen Migrationshintergrund zu geben, denselben den sie auch selbst hat. Sonst ähnelt sie ihrer Hauptfigur, die ein Talent für Sprachen hat, aber eher nicht: sie beherrscht zwar russisch, deutsch und englisch – scheiterte aber kläglich daran türkisch oder französisch zu lernen. Zu der Geschichte inspiriert hat sie die Geschichte eines Familienfreundes, dem während eines Progroms in der aserbaidschanischen Stadt Baku 1990 eine Frauenleiche vor die Füße gefallen ist. Von diesem Trauma hat er sich lange nicht erholen können. Diese Episode steht für Olga Grjasnowa im Zentrum ihres Romans.
Olga Grjasnowa würde ihren Roman selbst als witzig bezeichnen. Trotz des Erfolges lehnt sie eine Fortsetzung des Romans jedoch kategorisch ab. Sie schreibt bereits an ihrem zweiten Roman, verspürt aber keinen Erfolgsdruck: “Erst kommt die Angst vor mir selber, dann vor den anderen.” Sie schränkt ihre Formulierung im Anschluss gleich wieder ein und fügt an, dass sich das was sie sagt, sehr viel dramatischer anhört, als es eigentlich ist: “Acht Stunden in der Fabrik zu arbeiten, ist deutlich schwerer zu ertragen.”
Für Diskussionen sorgte auch das Ende des Buches und dessen Interpretation: ist es ein Neuanfang oder ein Ende? Die Autorin betont, dass es sich um ein offenes Ende handelt, doch für ihr Empfinden endet das Buch eher schlecht, doch es kommt ihrer Meinung nach auf die Laune des Lesers an, wie das Ende empfunden wird.
Das Buch wurde auch durch ihr Studium am Literaturinstitut Leipzig geprägt, an dem sie vier Jahre lang eingeschrieben war, auch wenn es erst am Ende ihres Studiums entstand. Das Schreiben des Buches hat sie als eine Aneinanderreihung von Krisen empfunden, ein Hangeln von einer Deadline zur nächsten. Für ihre Abschlussprüfung musste schließlich sie einen achtzigseitigen Text vorlegen. Obwohl sie es geschafft hat, die Abgabefristen einzuhalten, blieben ihr bis kurz vor der Veröffentlichung ihres Romans immer noch Zweifel: “Der Zweifel ist das einzige was bleibt, auch jetzt.” Mittlerweile empfindet sie ihren Text bei Lesungen häufig als unfertig, möchte hier und da etwas ändern – abgeschlossen ist er für ihr Empfinden noch nicht.
Ich habe die gestrige Lesung als einen rundum erfolgreichen Abend empfunden, mit einer sehr humorvollen, sympathischen und interessanten Autorin. Die Passagen die sie vorgelesen hat waren sehr gut ausgewählt und haben einen schönen Blick in die Geschichte des Buches ermöglicht. Im anschließenden Gespräch hat sie sich dann sehr offen und aufgeschlossen präsentiert.
Weiterführender Link:
Eine aktuelle Besprechung des Romans findet sich auf SchöneSeiten.
In der aktuellen Ausgabe von “Die Zeit” gibt es ein Werkstattgespräch, das am 1. November in der Berliner ZEIT-Redaktion zwischen der Schriftstellerin Juli Zeh und den beiden Verlegern Michael Krüger und Helge Malchow statt fand. Im Mittelpunkt des Werkstattgesprächs steht die “digitale Revolution” der Literatur.
Juli Zeh, Michael Krüger und Helge Malchow umkreisen in ihrem Gespräch unterschiedliche Themen: Es geht nicht nur um die aktuelle Entwicklung, die die Literatur nimmt, sondern es geht auch die Institution des Verlags, um den Buchhandel, das E-Book und den Branchenriesen Amazon. Vor allem Michael Krüger, Verleger und Geschäftsführer des Hanser Verlags, beklagt die sich abzeichnende Entwicklung, die er schon an der Sprache festmacht: man spricht nicht mehr von Literatur, sondern von Content. Es heißt immer häufiger Ressourcen und man spricht über etwas wie eine “digitale Transformation”. Michael Krüger kommt zu dem Fazit: “Ich kann diese Sprache kaum noch ertragen.” Besonders kritisch bewertet er die Arbeit von Bertelsmann und bescheinigt Tomas Rabe, dass dessen “Inhalts-Gen” in Bezug auf Autoren und Literatur nicht sehr ausgeprägt sei.
Der Buchmarkt heutzutage wird im Gegensatz zu früher von drei zentralen Großkonzernen bestimmt, kleinere Verlage und vor allem Buchhandlungen haben immer mehr mit dieser Entwicklung zu kämpfen. Michael Krüger kommt in diesem Zusammenhang zu der ernüchternden Feststellung, dass durch das E-Book und die zunehmende Digitalisierung nicht die Zukunft der Verlage gefährdet ist, sondern die der Buchhandlungen, da eine “Preisbindung für Bücher nicht mehr gesichert ist.”
Selbst greift Michael Krüger übrigens nicht zum E-Book, sondern bevorzugt den gedruckten Text auf Papier, während Helge Malchow einen E-Book-Reader besitzt. Bei der Frage, ob gedrucktes Buch oder E-Book sieht Malchow möglicherweise eine höhere Wertigkeit des klassischen Buches, das man kaufen möchte, um es sich ins Regal zu stellen und “zum Bestandteil [seines] Lebens zu machen.”
Die Gesprächsteilnehmer nehmen alle unterschiedliche Haltungen ein: während Michael Krüger eine dezidiert negative Entwicklung sieht, schätzt Juli Zeh die Situation nicht ganz so schlimm ein. Helge Malchow bemüht sich darum, auch das Potential und die Möglichkeiten zu betonen, die in der eingetretenen Veränderungen liegen können und beklagt eine “Lamento-Diskussion”.
Insgesamt habe ich die Diskussion zwischen den drei Gesprächsteilnehmern als sehr interessant und anregend empfunden. Ich kann nur jedem empfehlen, einen Blick in die aktuelle Ausgabe von “Die Zeit” zu werfen und sich ein eigenes Bild und eigene Gedanken zu der Frage zu machen, wie wir lesen wollen.
Ich stehe einem digitalen Lesen bis jetzt noch kritisch gegenüber: auch wenn ich selbst einen E-Book-Reader geschenkt bekommen habe, habe ich diesen nicht in mein Leben integrieren können. Ich schätze einfach das haptische Gefühl beim Lesen: das Anfassen der Seiten und den Geruch des Papiers. Die Möglichkeiten und Chancen, die das E-Book bietet, sind sicherlich interessant, können aber auch dafür sorgen, dass die Qualität der Veröffentlichungen zunehmend zurückgeht. Um es mit den Worten von Juli Zeh zu sagen: “Es wird nicht mehr Schund geschrieben als früher, sondern es wird mehr veröffentlicht.”
Passend zum Thema des Werkstattgesprächs ist ein Eintrag über den ich bei den Seitenspinnerinnen gestolpert bin: ein Selbstversuch der Autorin Mila Lipke im elektronischen Lesen.
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