Von einer, die auszog, ein Mann zu werden – T Cooper

T Cooper wurde 1972 in Los Angeles geboren. Bisher erschienen zwei Romane von ihm, “Beaufort” und “Lipshitz”. Besonders für “Lipshitz” erhielt er vom Feuilleton viel Lob und Aufmerksamkeit. T Cooper lebt heutzutage in New York und veröffentlicht mit ” Von einer, die auszog, ein Mann zu werden”, das im Arche Verlag erschienen ist, sein drittes Buch in Deutschland. Übersetzt wurde das Buch, das im Original “Real Man Adventures” heißt, von Volker Oldenburg. Auf Largehearted Boy gibt es eine hörenswerte Playlist zum Buch.

T Cooper lebt auf den ersten Blick ein wenig aufregendes Leben: er ist weiß, verheiratet, Bürger der Mittelschicht und heterosexuell. Und er ist ein Mann. T Cooper ist sichtbar. Doch wenn man einen zweiten, einen genaueren Blick, auf ihn wirft, wird deutlich, dass der äußere Eindruck nicht unbedingt der Wirklichkeit entspricht.

“Wenn man die oberste Schicht abkratzt, bin ich schon etwas weniger sichtbar: ein Jude. Löst man die nächste Schicht ab, verschwinde ich noch mehr, weil ich nicht richtig weiß bin. Die meisten Leute halten mich auf den ersten Blick für einen Puerto Ricaner oder Araber, jedenfalls nicht für einen Weißen. […] Dann geht es an die letzte Schicht, die Schicht, die ich mir ohne fremde Hilfe (oder ohne Hilfe der Natur) zugelegt habe. Reiß sie schnell ab, bevor ich etwas merke. Es tut höllisch weh, aber wenn du schnell machst, so wie ich gesagt habe, geht der Schmerz rasch vorbei. Und dann bin ich so gut wie unsichtbar.”

Als der Roman “Lipshitz” vor einigen Jahren erschien, wurde bei den biographischen Angaben über den Autor vermieden, das Geschlecht zu nennen. Das abgedruckte Foto lieferte keine klare Antwort, es hätte sich um einen Mann, aber auch um eine Frau handeln können. In englischsprachigen Medien wurde der Autor bereits früh, bis auf wenige Ausnahmen, als “er” bezeichnet. Die Tatsache, dass T Cooper eine Frau gewesen ist, sich aber dazu entschieden hat, als Mann zu leben, war ein offenes Geheimnis: nie thematisiert, doch allgemein bekannt. T Cooper hat sich in seinem autobiographischen Roman “Von einer, die auszog, ein Mann zu werden” dazu entschieden, dieses Geheimnis auszusprechen und darüber zu schreiben. Zum Vorbild hat er sich den Autor Darin Strauss genommen, der sich in “Mein halbes Leben” von der Last eines fürchterlichen Autounfalls befreit hat, der ein Menschenleben forderte.

“Ich schätze also, dieses Buch ist ein Versuch, meine eigene Sichtweise zu präsentieren, damit ich allein verantwortlich dafür bin, wenn das Ganze nach hinten losgeht.”

T Cooper wurde nicht als Mann geboren und ist laut biologischen Kriterien auch kein Mann und doch hat er sich entschieden, als Mann zu leben. Er bezeichnet sich selbst als einen heterosexuellen Mann. Den Impuls, dieses Buch zu schreiben, hat er zum Anlass genommen, sich auch seinen Eltern gegenüber zu outen.  

“Liebe Mom, lieber Dad, ich weiß, das ist ein großer Schock für euch und erst recht eine riesige Enttäuschung, aber ich muss euch etwas sagen, und ich hoffe, ihr sitzt. […] Ich bin nicht nur nicht lesbisch, ich bin sogar so was nicht nicht lesbisch, dass ich verlobt bin, und außerdem bin ich jetzt Stiefvater der beiden wunderhübschen blonden Kinder meiner zukünftigen Frau. Wir wohnen alle zusammen in einem hübschen Haus mit vier Schlafzimmern, zwei Badezimmern plus Gästetoilette, haben zwei Hybridautos, zwei Pitbulls aus dem Tierheim und eine grau-weiße Katze, die ich nicht besonders mag.”

Für T Coopers Eltern war es bereits schwer zu akzeptieren, dass ihre Tochter, die sich in Frauen verliebt, lesbisch ist. Mit der Tatsache umzugehen, dass sich ihre Tochter als “Kerl” sieht und auch so wahrgenommen werden möchte, gestaltet sich noch einmal schwieriger. Dieser Brief an seine Eltern ist der Ausgangspunkt für “Von einer, die auszog, ein Mann zu werden”. Es folgen 46 kurze Kapitel, die durch eine Reihe an Zeichnungen und Bildern ergänzt werden. Das Buch lässt sich als autobiographischer Roman lesen, als Erinnerungsbuch, als Autobiographie. T Cooper spielt mit unterschiedlichen Textformen, in seinem Buch finden sich Interviews, Haikus und kurze griffige Erinnerungenssequenzen, die aus sechs Wörtern bestehen. Vieles von dem, was er schreibt ist unterhaltsam, vieles ist mit einer lustigen Anekdote angereichert, aber es wird auch immer wieder eine ungeheure Wut spürbar. Wut und Angst sind die dominierenden Gefühle dieses Textes. Wut über die ungerechte Behandlung und Angst davor, ausgegrenzt und angegriffen zu werden.

“Ab einem gewissen Punkt bin ich einfach nur ein Mann, der Bücher schreibt, sich für Pitbull-Terrier einsetzt, Jazz aus den Anfängen des zwanzigsten Jahrhunderts und Hip-Hop mag, auf alte Flugzeuge abfährt, eine reizende Frau und zwei Kinder hat – und kein Transmann, der all das zusammen ist.”

In unserer heutigen Welt sollte es eigentlich schwer vorstellbar sein, dass Menschen, wie T Cooper, mit der Entscheidung, wie sie leben wollen, auf Ablehnung, Intoleranz und Unverständnis stoßen könnten und doch erfährt T Cooper genau dies beinahe täglich. Die fehlende Akzeptanz beginnt bei ihm schon im engsten Umkreis, bei der Familie, bei Verwandten und bei Freunden, die sich weigern, ihn als Mann anzusprechen und die nicht aufhören können, sich an T Cooper als kleines Mädchen zurückzuerinnern. Aber auch in anderen Zusammenhängen ist es nicht leicht für ihn, Verständnis für sich und seine Lebensform zu finden: ein Antrag auf Änderung seines Reisepasses wird abgelehnt, eine Rezensentin bezeichnet ihn trotz besseren Wissens wiederholt als Frau.

Die Wut auf die fehlende Toleranz seiner Mitmenschen und das mangelnde Verständnis von Behörden und Institutionen, ist spürbar und immer präsent in diesem Buch. Aber es gibt nicht nur Wut, sondern auch Angst. T Cooper hat Angst um sein Leben, er befürchtet körperliche Gewalt und Übergriffe. Eine Angst, die angesichts dessen, was mit James Byrd, Matthew Shepard und Brandon Teena passiert ist, sicherlich nicht unberechtigt ist. T Cooper hat die Beobachtung gemacht, dass “das Klima, in dem wir leben, nicht freundlicher, sondern zunehmend feindseliger und bedrohlicher wird.”

“Es ist viel einfacher zu sagen, dass etwas defekt gewesen ist und repariert werden musste. Dass Gott ein Fehler unterlaufen ist. Dass ein Mädchenkörper aus Versehen das Gehirn eines Jungen abbekommen hat. Oder umgekehrt. Denn die meisten Leute haben für Fehler Verständnis. Sogar Religionsfanatiker haben das: Liebet den Sünder, aber hasst die Sünde. Sie verstehen, dass etwas schiefgelaufen ist und nach ein paar Korrekturen wieder stimmt. Weil alles andere zu kompliziert wäre. Zu anstrengend. Nicht schwarz-weiß genug. Zu diffus. Zu Mann-ohne-Penis. Zu Frau-mit. Passt. Nicht. Ins. Weltbild. Aber ich bin kein ‘Mann, der im Körper einer Frau geboren wurde’, und ich habe es auch nicht ‘immer schon gewusst’.”

“Von einer, die auszog, ein Mann zu werden” ist eine Mahnung, eine Mahnung an uns alle und unseren Umgang mit Andersartigkeiten, mit anderen Lebensentwürfen und Dingen, die uns fremd sind. Das Buch ist ein Aufruf an die Toleranz, an den Respekt und an die Offenheit, die wir eigentlich alle besitzen sollten.

T Cooper hat mit “Von einer, die auszog, ein Mann zu werden” ein wütendes Buch vorgelegt, einen autobiographischen Roman, der trotz aller Offenheit nicht zu viel über den Autor als Privatperson verrät. T Cooper selbst bezeichnet sein Buch als “ein Sachbuch zum Thema Männlichkeit mit ein paar autobiographischen Elementen”. “Von einer, die auszog, ein Mann zu werden” ist ein mutiges Buch und ein wichtiger Text, nicht nur, für diejenigen, die als Transgender oder Transsexuelle leben, sondern auch für die Angehörigen und für diejenigen, die noch nicht wissen, wie sie leben möchten.

16 Comments

  • Reply
    seitengeraschel
    June 14, 2013 at 10:58 am

    Das klingt total interessant. Ein sehr mutiges Buch, offenbar, und gerade dadurch glaube ich, dass es wirklich lesenswert und .- wie du sagst – wichtig ist. Danke für die tolle Rezension!

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      June 16, 2013 at 1:03 pm

      Ich freue mich, dich mit meiner Rezension neugierig gemacht zu haben! 😀 Das Buch ist in der Tat nicht nur lesenswert, sondern unheimlich wichtig, so dass ich nur hoffen kann, dass viele auf das Buch aufmerksam werden, es lesen werden und sich Gedanken machen …

  • Reply
    literaturen
    June 14, 2013 at 11:31 am

    Ich denke auch, dass das ein wichtiges Buch ist, gerade in Bezug auf gewisse Berührungsängste mit Transsexuellen und allem, was es drumherum noch so an Spielarten gibt. Ich habe vor einigen Jahren mal einen Mann kennengelernt, der sich entschieden hatte, als Frau zu leben – aber noch genau wie ein Mann aussah, eben nur in Frauenkleidung. Das war für mich zunächst auch befremdlich und ich glaube daraus kann man auch niemandem einen Strick drehen. Es passt nicht nur nicht-ins-Weltbild und alle, die das empfinden, sind engstirnig – es ist zunächst eben mal eine völlig fremde Welt, für die man aufgeschlossen sein muss. Und genau da beginnt es eben, wichtig zu werden – nicht, wie wir zuerst empfinden, im ersten Kontakt, ist so eminent wichtig, sondern was wir darauf machen und wie offen wir für diese Lebensentwürfe sind. Mir persönlich ist es völlig egal, wer wen wie wann welchen Geschlechts liebt oder nicht. Dennoch gibt es Dinge, die mich erstmal ein bisschen irritieren. Und ich finde, das dürfen sie auch, so lange ich bereit bin, mich mit den Menschen und ihren Lebensentwürfen auseinandersetzen.
    In manchen Bereichen finde ich es viel schlimmer (da sei jetzt dieser Bereich der Sexualität mal ausgeklammert), wenn alle krampfhaft so tun als sei Person X oder Y vollkommen normal und gewöhnlich, obwohl dem ganz offensichtlich nicht der Fall ist. Bei Behinderungen und dem Umgang damit trifft man ja oft auf solcherlei Relativismus. Normal ist es nicht, aber was bedeutet das schon? Und was sagt es darüber aus, wie wir mit diesen Menschen umgehen? Wenig.

    In diesem Sinne – danke für die Rezension und das Aufmerksammachen auf ein wichtiges Thema!

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      June 16, 2013 at 1:14 pm

      Liebe Sophie,

      ich danke dir für deinen interessanten und ausführlichen Kommentar, aus dem ich schließe, dass nicht nur mich, sondern auch andere, dieses Thema bewegt und umtreibt. Das Buch von T Cooper ist sicherlich ein wichtiger Text in Bezug auf unseren Umgang mit Transsexualität, aber auch davon losgelöst, ist der Text unheimlich aufschlussreich, was den Umgang von Menschen mit Dingen betrifft, die ihnen fremd und unbekannt sind.
      Natürlich kann einem niemand einen Strick daraus drehen, dass man über etwas irritiert ist – es kommt jedoch darauf an, wie man mit dieser Irritation umgeht. Wir erleben das mit Bandit tagtäglich: für viele Menschen ist es ungewohnt, einen Hund im Anhänger zu sehen. Das gestehe ich auch jedem zu. Was ich nicht verstehe, ist, warum man dann darüber lachen muss, mit dem Finger auf uns zeigen muss oder aggressiv wird (“Ein Hund kann doch laufen!”). Nach all dem, was ich in den letzten drei Jahren an Intoleranz und Unverständnis erlebt habe, kann ich die Wut von T Cooper auf die Menschen, auch wenn diese Wut befremdlich wirken mag, nachvollziehen. Ich komme in solchen Momenten immer zurück zum großartigen DFW und seiner Collegerede, die den Aufruf enthält, vielleicht ein bisschen weniger an sich zu denken, sondern sich einfach mal in die Situation seines Gegenübers hineinzuversetzen. Das würde einigen Menschen wirklich ganz gut zu Gesicht stehen. 😉

      Liebe sonnige Sonntagsgrüße
      Mara

  • Reply
    Dina
    June 14, 2013 at 12:49 pm

    Hi liebe Mara,

    scheint eine interessante Lektüre zu sein!
    Mich würde interessieren, ob in diesem Buch auf Robert Blys “Eisenhans” eingegangen wird?

    ♥ Wochenendgrüße zu euch und einen dicken Knuddler für Bandit,
    Dina
    🙂

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      June 16, 2013 at 1:02 pm

      Liebe Dina,

      interessant war sie auf jeden Fall, auch wenn die (verständliche Wut) von T Cooper manchmal erschreckend wirkt. Auf das buch von Robert Blys geht T Cooper nicht ein, ich wusste gar nicht, was der “Eisenhans” ist und musste gerade erst einmal danach googeln. Die Vorstellung von Männlichkeit, die Bedeutung der Männlichkeit und der “Männerclub” spielen bei T Cooper aber schon eine sehr wichtige Rolle, auch wenn er über vieles mit einem Augenzwinkern schreibt … 😉

      Der Bandit lässt seine Grüße ausrichten, er genießt gerade die Sonne! 😀
      Mara

      • Reply
        Dina
        June 17, 2013 at 10:10 pm

        Liebe Grüße zurück!♥♥♥

  • Reply
    brunnenwaechterin
    June 14, 2013 at 9:43 pm

    Die Geschichte erinnert mich entfernt an Eugenides’ Middlesex. Dort geht es um einen Hermaphrodit, der auf der Suche nach seiner sexuellen Identität ist. Und um die unangenehmen Gefühle und Reaktionen, die er/sie in seiner Umwelt wachruft. Auch ein sehr berührendes Buch, weil man die Zweifel und inneren Kämpfe als Leser mit erlebt. Hört sich jedenfalls sehr lesenswert an, dein Buchtip! Eine außergewöhnliche Geschichte.

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      June 16, 2013 at 12:56 pm

      Ich habe “Middlesex” auch gelesen und habe es sehr positiv in Erinnerung, auch T Cooper erwähnt den Titel übrigens in seinem Buch. Jeffrey Eugenides beschreibt aber ein etwas anderes Phänomen, als das, was T Cooper in seinem Roman beschreibt – Cooper ist kein Hermaphrodit, sondern eine Frau, die als Mann leben möchte. Die Betonung dieses Unterschieds ist für ihn sehr wichtig. Dennoch halte ich “Middlesex” für einen wichtigen Roman und eine gute Empfehlung, da ich glaube, dass es nicht viele Texte gibt, die sich mit dieser Thematik auseinandersetzen.

      • Reply
        brunnenwaechterin
        June 16, 2013 at 1:09 pm

        Ja, du hast recht, bei Middlesex gibt es noch den biologischen Aspekt, der fehlt bei T Cooper völlig. Aber ein sehr spannendes und berührendes Thema… und sehr mutig, so offen damit umzugehen. Das ist doch noch ein großes Tabuthema in unserer Gesellschaft.

  • Reply
    skyaboveoldblueplace
    June 15, 2013 at 11:53 am

    Liebe Mara,
    das klingt wirklich wichtig und verweist ja viel weiter, als es das Gender-Thema des Buches auf den ersten Blick tut. Es ist traurig, dass es in unserer angeblich so modernen und fortentwickelten Welt immer noch nicht für alle Menschen möglich ist, ihr Leben so zu leben, wie sie möchten, egal ob es gender-spezifische oder weltanschaulich-religiöse Aspekte betrifft, oder einfach nur die Frage, ob man Kinder haben möchte oder eben nicht.

    Das Buch beschreibt vielleicht unterschwellig etwas, was mich in unserer auf der einen Seite so forsch modernen und auf der anderen Seite sich in den sozialen Kompetenzen so rapide zurückentwickelnde Welt wirklich erschreckt. Es ist ja heutzutage in vielen, vor allem technischen und technologischen Bereichen und im Bereich des persönlichen Konsums kaum noch etwas nicht mehr möglich. Das ist toll und aufgrund dieses Fortschritts können wir z.B. hier ja auch alle frei (also abgesehen davon, dass Mr. President sich alles notiert) unsere Meinungen austauschen – und das geniesse ich sehr, seit ich es für mich entdeckt habe.
    Aber auf der anderen Seite sehe ich einen Faktor, der sich überwiegend anscheinend nicht fort- sondern zurückentwickelt, und das ist der Mensch. – Wir haben anscheinend so viele Möglichkeiten, dass viele inzwischen eine Angst davor entwickelt haben, die bei immer mehr Menschen zum glatten Gegenteil von tolerantem Miteinander führt. Es gibt immer mehr sogenannte Peergroups (und das nicht nur auf Jugendliche bezogen) in denen Menschen sich quasi auf die eigene geistige Scholle zurückziehen und am Ende nur noch die akzeptieren, die sich auch dieser Scholle verpflichten.

    Ich weiss, dass es nicht überall so ist und ich bin z.B. ganz froh, dass es in dieser Buch-Blogosphäre (ist ja auch eine Art Peergroup) anscheinend nicht so ist. Ich führe das darauf zurück, dass Menschen, die Bücher lesen, Geschichten oder anderes, bereit sind, ihren Horizont zu erweitern und sich das Denken nicht verbieten lassen.
    Aber auch in dieser sogenannten Blogosphäre und in den ganzen sozialen Netzwerken kommt es immer wieder zu sehr erstaunlichen, ja ich möchte schon sagen, Gewaltausbrüchen. Und ich meine damit nicht nur diese Shitstorms, die einem ja zuweilen ob des verablen Hasses, der da vermittelt wird, sondern sehr oft auch einfach Kommentare von Lesern auf irgendwelche Online-Artikel u.ä. Wie es in der Facebook- und Twitter-Sphäre ist, kann ich nicht sagen, mir reicht eine Plattform, aber da schient das ja ähnlich zu sein. Ich glaube, der Shitstorm ist dort quasi erfunden worden?

    Am Ende stehe ich jedenfalls oft ziemlich ratlos vor diesen Phänomenen und Entwicklungen – und bin dann dankbar, dass es z.B. solche Bücher wie das von T Cooper gibt, das auf diese Themen deutlich hinweist.

    Danke für die Rezension und einen schönen Gruss
    Kai

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      June 16, 2013 at 1:35 pm

      Lieber Kai,

      danke für deinen ausführlichen, weitreichenden und sehr interessanten Kommentar, den ich gerne gelesen habe. Ich stimme dir zu, dass hinter dem vordergründigen Thema Transsexualität noch vieles mehr in diesem Buch angesprochen wird. Vieles davon ist unheimlich wichtig, deshalb kann ich diesem Buch nur möglichst viele Leser wünschen.

      Für viele Menschen ist es in der Tat nicht möglich, das Leben zu führen, das sie führen wollen und diejenigen, die den Mut haben, ein solches Leben zu führen, müssen häufig Angriffe und Unverständnis fürchten. In meiner Antwort auf den Kommentar von Literaturen habe ich auf unsere Situation mit unserem Hund Bandit hingewiesen, der aufgrund seiner Behinderung immer wieder im Wagen gefahren werden muss. Das Ausmaß an Unverständnis, Belustigung, Aggression und Intoleranz, das uns seitdem von völlig fremden Menschen entgegenschlägt, ist erschreckend und kann einem Angst machen. Ein Hund im Wagen ist ungewöhnlich, sicherlich, aber wenn alle Menschen in dieser Form auf Ungewöhnliches reagieren, dann traut sich bald kaum noch jemand ungewöhnlich zu sein und wir alle werden gewöhnlich, angepasst und unauffällig. Was einfach sehr schade wäre.

      Das Phänomen der Eisschollen, das du beschreibst, wird auch als “Filter-Bubble” bezeichnet. Ich glaube, dass es ein Stück weit natürlich ist, dass sich jeder einen Wirkungskreis sucht, der seinen Interessen entspricht. Schwierig wird es, wenn man so sehr in dieser Bubble verhaftet ist, dass man andere Meinungen und Ansichten nicht mehr zulassen kann. Aus eigener Anschauung kann ich dir übrigens berichten, dass es sogenannte Shitstorms in kleinerem Rahmen natürlich auch in der Blogwelt gibt, aber auch in viel größerem Rahmen bei Facebook oder Twitter.

      Einen sonnigen Sonntagsgruß
      Mara

  • Reply
    dasgrauesofa
    June 16, 2013 at 3:21 pm

    Von T Cooper habe ich gehört, als er Lipshitz herausgebracht hat, gelesen habe ich den Roman aber nicht. Nun scheint das von Dir vorgestellte Buch ja wirklich ein spannendes (wenn ich das so sagen darf) Thema zu haben.
    Die Gattungsbezeichnung des Buches ist ist mir noch nicht so ganz klar: ist es wirklich ein “Sachbuch zum Thema Männlichkeit” oder hat es nicht doch ganz starke autobiographische Bezüge? Wenn ich es richtig verstanden habe, ist es ja definitiv kein Roman (auch wenn ich bei dem Buchcover sofort die Idee eines Romanes hatte), es sollte also auch keine Fiktionalisierung da sein?
    Dein erstes Zitat finde ich beeindruckend, nämlich was überbleibt, wenn die verschiedenen Schichten, also Zuschreibungen, abgekratzt werden. Ein tolles Bild. Und dass das, was dann als letzte Schicht übrigbleibt, nicht gesellschaftsfähig ist, finde ich, über 200 Jahre nach der Epoche der Aufklärung und der Toleranz, immer wieder sehr, sehr erschreckend. Da gibt es noch viel zu tun.
    Viele grüße, Claudia

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      June 17, 2013 at 2:16 pm

      Liebe Claudia,

      vorweg: wenn du Lipshitz noch nicht kennst, dann lesen! Unbedingt lesen! Das Buch ist großartig. Elke Heidenreich hat es damals in ihrer Sendung vorgestellt und ich habe es sofort gekauft und gelesen.
      “Von einer, die auszog, ein Mann zu werden” ist sicherlich ein Buch mit starken autobiographischen Bezügen, ich würde es als persönliches Erinnerungsbuch bezeichnen, aber auf keinen Fall als Sachbuch. T Cooper hält sich mit ausführlichen privaten Informationen bedeckt, das Buch ist aber nicht fiktionalisiert. Die Einordnung des Buches ist in der Tat schwer, vor allem weil es auf dem Cover und dem Klappentext keine eindeutigen Hinweise für eine Gattung gibt.
      Das Bild, das T Cooper im ersten Zitat verwendet, finde ich auch unheimlich beeindruckend, in dem Buch gibt es überhaupt einige Sätze, die ich mir angestrichen und markiert habe. “Von einer, die auszog, ein Mann zu werden” wirft kein gutes Licht auf das Verhalten unserer Gesellschaft und ich hoffe sehr, dass es irgendwann zu einem Umdenken und zu mehr Toleranz anderen Lebensformen gegenüber kommen wird.
      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    Samir Sellami
    June 17, 2013 at 3:44 pm

    Vielen Dank für die Rezension, klingt wirklich gut! Gibt es noch etwas zur Übersetzung zu sagen? Ich kenne Volker Oldenburg als Übersetzer von David Mitchell und finde ihn genial. Ein eigenständiges Kunstwerk! Es gibt auch noch ein schönes Buch, in dem etwas über das Leben von Transsexuellen zu erfahren ist; von Michal Witkowski mit dem Titel “Lubiewo”. Sehr empfehlenswert. Best, Samir

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      June 20, 2013 at 6:11 pm

      Hallo Samir,

      schön, dich hier auf meinem Blog anzutreffen! 😀 Zu der Übersetzung selbst kann ich gar nicht mehr viel sagen, das Buch liest sich sehr stimmig und ich hatte das Gefühl, Volker Oldenburg gelingt es sehr gut den Ton von T Cooper zu treffen. Ich kenne Oldenburg auch vor allem durch seine Übersetzungen von David Mitchell, die wirklich herausragend sind. Danke auch für den Literaturhinweis, weder von Michal Witkowski noch von seinem Buch hatte ich bisher etwas gehört. Das wird nachgeholt!

      Liebe Grüße
      Mara

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