Eine Nacht, Markowitz – Ayelet Gundar-Goshen

Ayelet Gundar-Goshen wurde 1982 geboren und ist eine junge, spannende und vor allen Dingen interessante Stimme der israelischen Literatur. Sie hat in Tel Aviv und Jerusalem studiert, zunächst Psychologie und später Film und Drehbuch. “Eine Nacht, Markowitz” ist ihr Romandebüt als Schriftstellerin, für ihre Kurzgeschichten, Drehbücher und Kurzfilme wurde sie jedoch bereits vielfach ausgezeichnet. “Eine Nacht, Markowitz” wurde als bestes Debüt Israels ausgezeichnet und wird momentan verfilmt.Ayelet Collage

“Seit wann hängen Glück und Liebe zusammen?”

“Eine Nacht, Markowitz” erzählt nicht nur von der Geburt des israelischen Staates, in all seinen Tücken und kriegerischen Auseinandersetzungen, sondern auch die Geschichte von Jakob Markowitz. Jakob Markowitz ist so unscheinbar, dass er weder hässlich noch schön genannt werden könnte. Seine Tage verbringt er als Bauer auf dem Feld, abends liest er die Schriften von Jabotinsky. Markowitz ist so gewöhnlich, dass man ihm kaum zutraut, eigene Wünsche und Bedürfnisse zu haben: man sieht ihn und hat ihn im nächsten Augenblick bereits wieder vergessen. Doch dann verliebt sich Jakob unsterblich in Bella. Bella ist wunderschön, ein strahlendes Licht und Jakob glaubt, sie nie wieder hergeben zu können.

“Jetzt spürte er zum ersten Mal, dass er, Jakob Markowitz, ein heroisches Leben führte, von dem man noch erzählen würde. Alles Bisherige war nichts als eine Skizze gewesen, die gedankenlose Kritzelei eines Künstlers, ehe er sich entschlossen an die Staffelei setzte.”

Bella hat Jakob geheiratet, einzig und allein aus dem Grund, von ihm nach Israel gebracht zu werden – in Sicherheit. Doch als sie dort angekommen die Scheidung verlangt, weigert sich Jakob, die Scheidungspapiere zu unterschreiben. Stur und gegen alle Widerstände hält er Bella fest; das Einzige, das er dafür erhält ist kalter Hass. Bella möchte fort aus den Fängen dieser unerwünschten Ehe und endlich ihren Dichter finden, wegen dessen Zeilen sie doch überhaupt erst nach Israel gekommen ist.

“Von dem Augenblick, in dem Bella Markowitz Jakob Markowitz’ Haus betreten hatte, wurde es dort nicht mehr warm.”

Doch Jakob ist nicht die einzige eigenartige Figur, die diesen Roman prägt. Da gibt es auch noch Seev Feinberg, der “vor allem Schnauzer” war; für seine Barthaare war er berühmt. Feinberg weiß nicht nur Bescheid über die Rinderzucht, das Jäten der Felder und das Ziehen von Weisheitszähnen, sondern ist auch noch verrückt nach Frauen. Wenn ihm sich eine Gelegenheit bietet, lässt er keine ungenützt – doch lieben tut er eigentlich nur Sonia, deren Haut nach Orangen duftet. Sonia wird auch vom Irgun-Vizechef geliebt, der seine Gefühle jedoch nicht ausleben kann, sondern im Verborgenen verstecken muss. Er lebt ein Leben der verpassten Möglichkeiten, weil er ein Leben lang auf Sonia wartet. Als sie schwanger wird, ist er sich sicher, dass das Kind von ihm sein muss …

Jakob Markowitz und Bella, Seev Feinberg und Sonia, der Irgun-Vizechef – um sie alle kreist der Roman. Ayelet Gundar-Goshen hat eigenwillige Figuren geschaffen, seltsame und eigenartige Menschen, deren Gefühlswelt sie mit ganz viel Wärme, Liebe und Poesie auslotet: sie alle lieben, zumindest auf die ein oder andere Weise. Manchen von ihnen ist dies gar nicht klar, andere müssen die Liebe mit Macht aus ihrem Bewusstsein verdrängen, um im Alltag überleben zu können. Manchmal ist es eine erzwungene Liebe, wie die zwischen Jakob und Bella, manchmal ist es eine tiefe Liebe, wie die zwischen Seev und Sonia. Doch auch eine tiefe Liebe ist nicht unerschütterlich. Alle von ihnen hassen auch: Jakob hasst sein gleichförmiges und eintöniges Leben, Seev hasst Sonia, weil er glaubt, dass sie ihm kein Kind gebären kann. Es geht auch um Glück, es geht um die An- und Abwesenheit von Glück und das man manchmal gar nicht sagen kann, ob man glücklich oder unglücklich ist in dem Leben, das man führt.

Ayelet Collage 2

“Im Grunde war es so: Die Jahre vergingen und die Gefühle, Begierden und Gedanken vergingen mit ihnen. Körperzellen starben ab und wurden durch andere ersetzt. Haare fielen aus und wurden nicht immer durch andere ersetzt. Und doch machten die Menschen weiter wie gehabt. Als würden die Zellen und die Haare – von den Gefühlen, Begierden und Gedanken ganz zu schweigen – allesamt fröhlich weiterexistieren. Denn andernfalls würden sie ja spüren, dass die Tage sie hilflos, von Horizont zu Horizont trugen, so hilflos, wie eine Karawane schwarzer Ameisen eine auf dem Rücken liegenden Käfer seinem bitteren Ende entgegenführt.”

Ayelet Gundar-Goshen erzählt eine Geschichte, die mehrere Jahrzehnte umfasst und eine Vielzahl an Themen, von denen ich gar nicht alle ansprechen möchte, um bloß nicht zu viel zu verraten. Die politische Folie, auf der der Roman agiert – es handelt sich um die Zeit der israelischen Staatengründung – bleibt häufig nur eine Folie und spielt eine untergeordnete Rolle. Die politische Situation wird erwähnt, doch sie spielt sich nie in den Vordergrund – es geht viel mehr um diese eigenartig liebenswerten Menschen, die diesen neuen Staat bewohnen.

Das, was den Roman außergewöhnlich macht, ist die Sprache. Ayelet Gundar-Goshen erzählt die Geschichte des Romans in unheimlich poetischen Worten. Ein Stilmittel, zu dem sie immer wieder greift, sind einprägsame Bilder, Vergleiche und Metaphern: “Die Erde atmet schwer, ihr Atem riecht nach Erde und Zitrushainen und Stroh.” Sprachlich reizt sie auch immer wieder die Grenzen der Realität aus oder greift zu Übertreibungen. Neben der ganzen Poesie ist der Roman aber auch humorvoll und stellenweise schlichtweg unheimlich witzig und erfrischend.

Ayelet Gundar-Goshen ist für mich nicht nur die neue literarische Stimme Israels, sondern eine wahre Entdeckung. Mit “Eine Nacht, Markowitz” hat sie ein liebenswert schräges Buch vorgelegt, das unheimlich traurig und gleichzeitig wahnsinnig komisch ist. Der Roman ist poetisch und philosophisch und erzählt von den großen Gefühlswelten, die Menschen durchleben: von Liebe und Hass, von Glück und Einsamkeit und davon, wie eng Glück und Liebe miteinander zusammenhängen.

3 Comments

  • Reply
    guenterkeil
    January 3, 2014 at 8:08 pm

    Ich stimme dir zu: liebenswert-schräg, so war auch mein Eidruck: http://guenterkeil.wordpress.com/2013/08/29/ayelet-gundar-goshen-eine-nacht-markowitz-literaturblog-guenter-keil/

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      January 4, 2014 at 2:17 pm

      Schön, dass wir zu einem ähnlichen Fazit gekommen sind! Und danke für den Link, da schaue ich gleich mal rein – ich schätze deine knackigen Kurzkritiken immer sehr. 🙂

  • Reply
    Die 30 Kandidaten der Hotlist 2014! |
    July 14, 2014 at 9:37 am

    […] mir noch kein Begriff. Von allen dreißig Kandidaten habe ich erst einen einzigen Titel gelesen: Eine Nacht, Markowitz von Ayelet Gundar-Goshen hatte mir anfangs des Jahres sehr gut […]

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