Vor dem Fest – Saša Stanišić

“Vor dem Fest” ist ein zweifach prämierter Roman. Bevor er überhaupt fertiggestellt wurde, wurde er mit dem Alfred-Döblin-Preis ausgezeichnet. Im Frühjahr dieses Jahres erhielt er dann schließlich den prestigeträchtigen Preis der Leipziger Buchmesse. Preise sagen selten etwas über die Qualität des Inhalts aus, in diesem Fall aber schon, denn der Inhalt ist mehr als preiswürdig. Saša Stanišić erzählt humorvoll, poetisch und voller Warmherzigkeit die Geschichte eines Dorfes.

“Wir sind traurig. Wir haben keinen Fährmann mehr. Der Fährmann ist tot. Zwei Seen, kein Fährmann. Zu den Inseln gelangst du jetzt, wenn du ein Boot hast. Oder wenn du ein Boot bist. Oder du schwimmst. Aber schwimm mal, wenn die Eisbrocken in den Wellen klacken wie ein Windspiel mit tausend Stäben.”

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Während Saša Stanišić in “Wie der Soldat das Grammofon repariert” noch eine Geschichte des Krieges erzählt hat, verschlägt es ihn in seinem zweiten Roman in die tiefste Provinz Deutschlands. Nach Fürstenfelde, in die Uckermark. Mitten in der brandenburgischen Einöde. “Es gehen mehr tot, als geboren werden.” Die Jungen verlassen das Dorf, auf der Suche nach einer Zukunft, die besser ist, als das, was ihre Heimat ihnen bieten kann. Die Alten werden immer älter und sterben einsam vor sich hin. Auch der Fährmann ist tot und niemand in Sicht, um diese Lücke zu füllen.

“Niemand sagt, ich bin der neue Fährmann. Die wenigen, die verstehen, dass wir unbedingt einen neuen Fährmann brauchen, verstehen nichts von Fähren. Oder davon, wie man Gewässer tröstet. Oder sie sind zu alt. Andere tun so, als hätten wir niemals einen Fährmann gehabt. Die dritten sagen: Der Fährmann ist tot, es lebe der Bootsverleih.”

Der Titel des Romans ist programmatisch, denn Saša Stanišić erzählt in seinem Roman von einer einzigen Nacht. Von der Nacht vor dem Fest, dem traditionellen Annenfest. Das ganze Dorf steckt mitten in den Vorbereitungen. Da gibt es Lada, den man Lada nennt, weil er mit dreizehn Jahren mit dem Lada seines Großvaters nach Dänemark gefahren ist. Da gibt es Frau Kranz, die schon neunzig Jahre alt ist und die ihr ganzes Leben lang gemalt hat. Gekannt hat sie dabei nur ein einziges Motiv: Fürstenfelde, in allen denkbaren Variationen. Für die Auktion des diesjährigen Festes möchte sie endlich eine Nachtaufnahme von Fürstenfelde malen, denn Fürstenfelde bei Nacht, das hat sie noch nie gemalt.

“Sie möchte einmal nicht die Wirklichkeit gemalt haben, sondern etwas, das später wirklich geworden ist. Aber wie geht das? Sie möchte malen, was niemand weiß. Sie möchte das Böse malen in uns, aber wie geht das? Sie möchte das Durchhalten malen, aber wie geht das? Das Hindern, aber wie?”

Da gibt es Ulli, der die Männer in Fürstenfelde in seiner Garage mit Alkohol bewirtet und an seinem Kühlschrank einen Kalender mit nackten Polinnen hängen hat – “halb wegen Ironie, halb wegen Ästhetik”. Da gibt es die dicke Frau Schwermuth, die von ihrem Sohn nur Mu genannt wird und sich so tief in die Heimatgeschichte ihres Dorfes eingegraben hat, dass sie den Weg zurück ins Jetzt kaum findet. Da gibt es Herrn Schramm, ehemaliger NVA-Soldat und Witwer, der so wenig Rente bekommt, dass er sich schwarz etwas dazu verdienen muss und Johann, der eine Ausbildung zum Glöckner macht.

“Unser Annenfest. Was wir feiern, weiß niemand so recht. Nichts jährt sich, nichts endet oder hat an genau diesem Tag begonnen. Die Heilige Anna ist irgendwann im Sommer, und die Heiligen sind uns heilig nicht mehr. Vielleicht feiern wir einfach, dass es das gibt: Fürstenfelde. Und was wir uns davon erzählen.”

Vom ersten Satz an hatte ich als Leser das Gefühl, ein Teil dieses Dorfes, mit seinen schrulligen Bewohnern, zu sein. Die Warmherzigkeit, mit der sich Saša Stanišić seinen Figuren annimmt, ist beeindruckend. Er bevölkert seinen Roman nicht nur mit Figuren, sondern erweckt diese wirklich zum Leben. Die Schrulligkeiten der Dorfbewohner werden mit sehr viel Zuneigung, Einfühlungsvermögen und Feingefühl beschrieben. Doch neben den Figuren ist es vor allen Dingen die Sprache, die diesen Roman zu einer ganz besonderen Lektüre macht: dem Autor gelingt es auf eine höchst charmante Art und Weise, mit der deutschen Sprache zu spielen. Da wird nicht nur gerappt und gereimt, sondern es werden auch Sagen und Geschichten der Fürstenfelder Dorfchronik des 16. Jahrhunderts erzählt – so, wie sie damals erzählt und aufgeschrieben wurden. Stanišić nimmt den Leser mit auf eine Zeitreise, die dennoch mit dem Hier und Jetzt in Fürstenfelde verknüpft bleibt. Es gibt auch typographische Spielereien, genauso wie Worterfindungen (im Gedächtnis geblieben ist mir das Wort durcherinnern). Darüber hinaus zeichnet sich der Roman durch ganz viel Humor aus. Obwohl es mit einem Todesfall beginnt, ist die Erzählung auch immer hochkomisch und es gibt zahlreiche wunderbare Pointen. Dabei neigt der Autor dazu, zu verzerren und zu überzeichnen, doch in der Verzerrung steckt auf den zweiten Blick auch viel Wahrheit.

“Und jetzt fängt auch noch die Zieschke sie vor der Bäckerei beschwingt ab, Herrgott noch mal, ist doch viel zu früh für Heiterkeit, aber die Zieschke ist so eine mit Strähnchen, solche schlagen emotional in alle Richtungen extrem aus.”

“Vor dem Fest” ist ein wunderbarer Roman! Er ist prall gefüllt mit so vielem, mit Poesie, mit Humor, mit Sprachspielen und mit einem herrlich skurrilen Dorf und seinen Bewohnern. Obwohl Saša Stanišić nur von einer einzigen Nacht erzählt, geht es doch um so viel mehr: “Vor dem Fest” ist nicht nur eine Chronik eines entvölkerten Dorfes, sondern auch ein großartiger Roman der Geschichten wie Schichten aufeinander stapelt und von Heimat und Erinnerungen erzählt, von der Vergangenheit, zerbrochenen Träumen und der drückenden Angst vor einer ungewissen Zukunft.

17 Comments

  • Reply
    Eva Jancak
    July 18, 2014 at 4:28 pm

    Das Buch hätte ich mir von meinem Mann beim Festival “Literatur und Wein” in Krems und Göttweig, im April, das übrigens auch ein ganz tolles Literaturvent ist, fast kaufen lassen, dann habe ich aber an meine überlange Leseliste gedacht und mich mit dem von der Katha Petrowkaja und dem von Lukas Bärfuss, die ich auch erst im nächsten Jahr lesen werde, begnügt. Ich habe aber das erste Buch, das mit dem “Soldaten und dem Grammofon” gelesen und Sasa Stanisic sowohl bei dem Festival, als auch in Leipzig mehrmals gehört und ich habe ihn, was mich besonders freut, auch bei meinen Followern.

    • Reply
      Mara
      July 18, 2014 at 6:20 pm

      Liebe Eva,
      Katja Petrowskaja habe ich hier auch noch liegen – bisher noch ungelesen. Die liebe Lesezeit eben! 😉 Ich habe “Vor dem Fest” sehr gerne gelesen und den Autor auch bei seiner Lesung in Hildesheim als unheimlich warmherzig und offen erlebt, um so mehr freue ich mich darauf, ihn morgen noch einmal erleben zu dürfen. 🙂
      Den Soldaten mit dem Grammophon habe ich übrigens auch gelesen, vor vielen, vielen Jahren – damals habe ich meinen Blog noch gar nicht betrieben.

      Sonnige Grüße aus Göttingen
      Mara

  • Reply
    Eva Jancak
    July 18, 2014 at 4:28 pm

    Viel Spaß bei der Lesung

    • Reply
      Mara
      July 18, 2014 at 7:17 pm

      Ich danke dir! 😀

  • Reply
    Packingbooksfromboxes
    July 19, 2014 at 6:43 am

    Vor ein paar Wochen habe ich mal kurz reingelesen, weil sich unsere Kundschaft leider nur sehr schleppend an das gute Stück herantraute. Ich fand schon die ersten zwanzig Seiten grandios und so musste doch sehr an mich halten nicht in lautes Gelächter auszubrechen.

    Liebe Grüße!

    • Reply
      Mara
      July 19, 2014 at 7:29 am

      Wie schade, dass sich deine Kundschaft nur schleppend an das Buch heran traut, dabei dachte ich, dass prämierte Bücher sich immer wie warme Semmeln verkaufen und dieses hier steht ja auch noch auf der SPIEGEL Bestsellerliste. Du solltest das Buch auf jeden Fall weiterlesen, es lohnt sich! 🙂

      • Reply
        Packingbooksfromboxes
        July 19, 2014 at 9:18 pm

        Ich find’s tatsächlich auch schade. Ist aber komischerweise immer so mit den Preisträgern der Leipziger Buchmesse gewesen- sehr merkwürdig!
        Ich nehme mir deinen Rat auf jeden Fall zu Herzen und nehme es mit auf meine Leseliste auf 🙂

        • Reply
          Mara
          July 23, 2014 at 1:43 pm

          Komisch, vielleicht hat der Preis einfach noch nicht dasselbe Standing, wie der Deutsche Buchpreis! Berichte doch auf jeden Fall, wie dir das Buch gefällt, wenn du es lesen solltest! 🙂

  • Reply
    kai60
    July 19, 2014 at 10:25 am

    Liebe Mara,

    dieses Buch ist ja nun schon oft gut und sehr gut besprochen worden, aber bisher konnte ich mich nicht dazu entschliessen, es zu lesen. Nach Deiner Besprechung wird es wohl irgendwann doch dazu kommen. Also schon wieder ein Buch für den Stapel. Ich muss jetzt langsam mal aufpassen, dass mir der nicht über den Kopf wächst…
    Liebe Grüsse, Kai

    • Reply
      Mara
      July 23, 2014 at 1:49 pm

      Lieber Kai,

      ohne schlechtes Gewissen freue ich mich einfach darüber, dass ich deine Liste weiter anwachsen lasse – so soll es doch sein. 😉 Ich habe das Buch wirklich sehr gerne gelesen und freue mich schon jetzt auf einen neuen Roman von Saša Stanišić, der hoffentlich bald erscheinen wird.

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    Steffi
    July 19, 2014 at 5:13 pm

    Das liest sich ganz und gar wundervoll. Man kann deine Begeisterung für das Buch förmlich spüren. Es schien dir besonders viel Freude bereitet zu haben. Solche Bücher sind mir die Liebsten. =)

    • Reply
      Mara
      July 23, 2014 at 1:47 pm

      Ja, die Lektüre war in der Tat sehr besonders für mich und ich hatte einen großartigen Lesespaß dabei – schön, dass sich dies auch in der Besprechung widerspiegelt. 🙂

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    Saša Stanišić im Gespräch! | Buzzaldrins BücherBuzzaldrins Bücher
    July 21, 2014 at 10:08 am

    […] wir auf den zweiten Roman von Saša Stanišić warten, aber das Warten hat sich gelohnt – “Vor dem Fest” ist eine großartige Lektüre. Ich habe mich mit dem Autor getroffen, um über das Schreiben, die […]

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    Saša Stanišić: Vor dem Fest | Bücherwurmloch
    August 24, 2014 at 3:13 pm

    […] Leser das Gefühl, ein Teil dieses Dorfes, mit seinen schrulligen Bewohnern zu sein“, schwärmt Mara von Buzzaldrins Bücher.- Und hier könnt ihr das Buch auf ocelot.de […]

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    Ein Jahr in Büchern - Buzzaldrins Bücher
    December 21, 2014 at 2:40 pm

    […] Saša Stanišić – Vor dem Fest […]

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    Saša Stanišić: Vor dem Fest | SchöneSeiten
    October 8, 2015 at 8:17 am

    […] masuko13 » Literaturen » Buzzaldrins Bücher » Bücherwurmloch » aus.gelesen […]

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    Liebe im Miniaturformat (4) | Buzzaldrins Bücher
    December 4, 2015 at 7:17 am

    […] Stanišić – Vor dem Fest […]

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