Zwei Herren am Strand – Michael Köhlmeier

Michael Köhlmeier porträtiert in seinem neuen Roman Zwei Herren am Strand zwei ganz berühmte Persönlichkeiten: Winston Churchill und Charlie Chaplin, zwei prägende Gestalten der Weltgeschichte, die nicht unterschiedlicher hätten sein können. Beide werden von Michael Köhlmeier zusammengeführt, die Geschichte bewegt sich dabei in einem spannenden Wechselspiel aus Phantasie und Wirklichkeit.

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Am Weihnachtstag 1931, gegen Mittag – so erzählte es mir mein Vater -, stand ein Mann auf den Stufen zum Eingang des Hauses 119 East 70th Street in Manhattan, New York. Er wollte Mr. Winston Churchill besuchen, der hier vorübergehend bei seiner Cousine weilte.”

Michael Köhlmeier widmet sich in seinem neuen Roman Zwei Herren am Strand einem wichtigen Teil der Weltgeschichte. Im Zentrum seines Romans stehen zwei ganz besondere Männer: Politiker und Nobelpreisträger Winston Churchill sowie der Schauspieler und Regisseur Charlie Chaplin, vielen nur als der Tramp bekannt. Beide haben wenig gemeinsam,  Chaplin wächst in Armut auf, während Churchill in den britischen Hochadel hineingeboren wird. Doch trotz aller Gegensätze waren beide miteinander befreundet, vereint im Kampf gegen die Machtergreifung Adolf Hitlers – Churchill bekämpfte ihn politisch, Chaplin mit den Mitteln der Kunst. Ihre Freundschaft ist auf unzähligen Fotos dokumentiert worden.

ChurchillChaplin0001Dieser Freundschaft fügt Michael Köhlmeier ein weiteres Kapitel hinzu. Er lässt Churchill und Chaplin am Strand zusammentreffen, beide befinden sich auf der Flucht vor einem Fest, vor der Gesellschaft, vor den Verpflichtungen und Erwartungen. Dieser gemeinsame Strandspaziergang ist der Beginn einer Freundschaft, die auf unzähligen Gesprächen basieren sollte.

[…] ‘talk-walks’, wie der geschmeidige Chaplin sagte, ‘duck-walk-talk’, wie der korpulente Churchill selbstironisch verdrehte und ergänzte.

Der Politiker und der Regisseur treffen sich im Laufe der Jahre immer wieder, kommen zusammen, um über das Leben zu sprechen, über die Kunst, über die Politik und über die dunklen Seiten, die ihre Tage immer wieder überschatten. Churchill und Chaplin leiden unter Depressionen.  Sie finden Trost in der Tatsache, dass sie beide darüber nachdenken sich selbst zu töten, seit sie Kinder gewesen sind. Der Freitod ist eine stets präsente Option in ihrem Leben, die beiden ständig im Hinterkopf schwebt. Der schwarze Hund (so bezeichnet Churchill seine Depression) wird zum verbindenden Element in ihrer Freundschaft, beide sind sich Rettung und Unterstützung, wenn er wieder die Oberhand gewinnt.

Und sie hatten Gelegenheit gefunden, miteinander allein zu sein und lange Gespräche zu führen, über die sie absolutes Stillschweigen bewahrten – was die als besonders neugierig bekannten englischen Journalisten in Weißglut und Spekulation trieb.

Michael Köhlmeier gibt seinem Roman einen Rahmen, in dem er einen Erzähler erschafft, der dieses Kapitel einer ganz besonderen Freundschaft durch die Aufzeichnungen seines Vaters erfährt. Der Vater des Erzählers war als Kind beiden begegnet, beiden sogar zur gleichen Zeit. Viele Jahre später fing er an, eine Biographie über Churchill zu schreiben und am Ende seines Lebens verfügte er über ein historisches Wissen, vor dem mancher Universitätsprofessor in Verlegenheit geraten wäre. Es blieb jedoch beim Versuch; davon übrig geblieben ist ein Konvolut von über 1000 Seiten, angereichert mit zahlreichen fotokopierten Dokumenten. Aus diesem Material schöpft der Erzähler, um die Geschichte dieser ganz besonderen Freundschaft zu erzählen, in deren Mittelpunkt ein schwarzer Hund stand.

Sie besprachen Motive und Techniken, sich das Leben zu nehmen, diskutierten Peristase und Ambiente der letzten Tage und Stunden berühmter Selbstmörder – Vincent van Gogh, Seneca, Ludwig II von Bayern, Lord Lyttelton, Hannibal oder Jack London (dem Chaplin noch persönlich begegnet war und der ihm die Idee zu The Gold Rush geliefert hatte) und analysierte ihre eigenen aktuellen Befindlichkeiten, indem sie die genannten Beispiele dazu in Vergleich brachten.

Der Erzähler wühlt sich neugierig durch die Hinterlassenschaften seines Vaters und schon bald befinde ich mich als Leser, voller Neugier und Wissensdurst, an seiner Seite. Neugierig macht mich dabei vor allem die Verschränkung von Phantasie und Wirklichkeit – immer wieder habe ich mich gefragt, was tatsächlich stimmt von dem, was Michael Köhlmeier erzählt und was lediglich seiner Phantasie entsprungen ist. Stellenweise liest sich der Roman schon fast wie ein historisches Sachbuch, wie eine Biographie – doch immer mit dem Wissen im Hinterkopf, dass Michael Köhlmeier seine eigene Phantasie in die Wirklichkeit mit einfließen ließ.

Die Reise hinein in das Leben dieser zwei außergewöhnlichen Persönlichkeiten ist so spannend, dass ich den Roman zwischendurch kaum noch aus der Hand legen konnte. Neigte Michael Köhlmeier in seinem letzten Roman Die Abenteuer des Joel Spazierer noch dazu, weit ausholend zu erzählen, brilliert er dieses Mal durch einen knappen, präzisen und unheimlich dichten Erzählfluss. Dabei ist ihm ein Roman gelungen, der ein wahres Lesevergnügen ist – der Leser wird gefordert, aber auch reichlich belohnt. Eine große Empfehlung!

15 Comments

  • Reply
    saetzebirgit
    September 2, 2014 at 1:30 pm

    Das klingt vielversprechend, danke für die Vorstellung des Romans!

    • Reply
      Mara
      September 2, 2014 at 2:03 pm

      Gerne! 🙂 Ich habe den Roman wirklich sehr gerne gelesen – dieses Spiel von Phantasie und Wirklichkeit war wirklich spannend. Ich finde es interessant, dass sich dies scheinbar durch einige der Longlistbücher zieht: auch bei Kastelau wirkt vieles authentisch, das jedoch nur Produkt der Phantasie des Autors ist. Spannend, spannend!

      Wenn du das Buch lesen solltest, dann bitte ich um eine Rückmeldung!

  • Reply
    jancak
    September 2, 2014 at 1:42 pm

    Der nächste Köhlmeier, voriges Jahr habe ich mich ja gewundert, warum der “Joel Spazierer” nicht auf der LL steht mit dem Chaplin und dem Churchill hat es dann geplappt. Bei dem Zweiten wundere ich mich noch immer ein bißchen, daß den Nobelpreis für Literatur bekommen hat, aber vielleicht klappt es beim Köhlmeier mit dem dBP. Wär wahrscheinlich ein gegeigneter Kanditat, wenn man vom Sasa Stanisic absieht, der ja schon in Leipzig gewonnen hat, obwohl meine Favoritin natürlich die Frau Streeuwitz wäre und dann wäre auch für eine spannende Preisrede gesorgt. Bin gespannt, ob das Buch einmal zu mir findet, allerdings habe ich noch die “Idylle mit Hund” auf meiner Liste und eine Cassette, die ich mir einmal vom Volksstimmefest mitgenommen aber nie angehört habe.

    • Reply
      Mara
      September 2, 2014 at 2:06 pm

      In der Tat, im letzten Jahr klappte es noch nicht, dafür aber in diesem Jahr! 🙂 Ich habe den “Joel Spazierer” gerne gelesen, doch stellenweise war er mir auch zu weitschweifig – das ist hier ganz anders und gefällt mir außerordentlich gut! Von Köhlmeier steht hier ungelesen noch das Abendland, das Buch möchte ich unbedingt lesen, genauso wie “Idylle mit Hund”. Für mich ist der Roman auch ein Favorit für die Shortlist, aber um das wirklich beurteilen zu können, aber ich zu wenig gelesen – im Moment verschlinge ich aber übrigens “Kastelau” von Charles Lewinsky, auch eine tolle Lektüre.

      Ich bin übrigens schon sehr gespannt auf die Shortlist, wir müssen uns ja nur noch acht Tage gedulden! 🙂

  • Reply
    Karthause
    September 2, 2014 at 2:18 pm

    “Zwei Herren am Strand” warten auf meinem zu lesenden Bucherstapel auch noch. Ich bin sehr gespannt, denn Michael Köhlmeier gehört zu den von mir bevorzugten Autoren. Das wird eines meiner Urlaubsbücher. Danke für deine schöne Rezension. Aber die nächste von dir erwarte ich ja auch schon wieder voller Spannung, mit “Kastelau” geht es mir wie mir den zwei Herren. Urlaubslektüre. LG Heike

    • Reply
      Mara
      September 2, 2014 at 2:27 pm

      Ich habe Michael Köhlmeier ja letztes Jahr durch “Joel Spazierer” kennengelernt, das mir zwar gefallen hat, mich aber nicht restlos überzeugen konnte. Das ist ihm aber nun mit diesem Roman gelungen! 🙂 Ich wünsche dir bei der Lektüre ganz viel Freude und freue mich schon darauf, von deinen Eindrücken zu erfahren.

      Bei Kastelau befinde ich mich auf den letzten Seiten und bin bisher sehr beeindruckt! 🙂

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    Tom
    September 2, 2014 at 2:36 pm

    Liebe Mara, vielen Dank! Ich habe das Buch letzte Woche zusammen mit den Meisen von Uusimaa erworben, das ich gerade lese (und das mir bisher sehr gut gefällt). Auf dieses Buch bin ich sehr gespannt, gerade wegen der historischen Bezüge und weil ich der Person Churchills mit so vielen Vorbehalten begegne. Ich hoffe, bis Ende der Woche dazu zu kommen.

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    Kastanie
    September 2, 2014 at 3:58 pm

    „Zwei Herren am Strand“ gehört neben dem Buch von Marlene Streeruwitz zu den Titeln, die mich von der Buchpreisliste am meisten interessieren. Dennoch bin ich etwas skeptisch, ob mir das Buch wirklich gefallen wird. Ich kenne mich mit den Biografien von Churchill und Chaplin nur ganz grob aus und würde vermutlich Fiktion und Wirklichkeit nicht auseinander halten können. Es stört mich immer ein bisschen an Romanen mit realen Personen, dass ich nicht weiß, was wahr ist und was nicht. Wenn ich es dann allerdings erfahre, bin ich oft enttäuscht, wenn eine historische Persönlichkeit stark verfremdet dargestellt worden ist. Aber in diesem Fall bin ich schon neugierig darauf geworden, jetzt auch durch Deine positive Rezension beeinflusst, wie es Köhlmeier gelingt, die Freundschaft zwischen Churchill und Chaplin in einen Roman zu packen.

  • Reply
    dasgrauesofa
    September 2, 2014 at 4:17 pm

    Da habe ich ja durch Deine Besprechung einen schönen Eindruck bekommen, von dem, was mich bei der Lektüre erwartet. Bald geht´s los.
    Viele Grüße, Claudia

  • Reply
    Ute
    September 2, 2014 at 7:58 pm

    Liebe Mara,
    mir großer Spannung habe ich auf deinen Bericht gewartet und freue mich jetzt sehr auf dieses Buch.
    Deine Rezension macht große Lust es zu lesen!
    Ich lese übrigens gerade die “Pfaueninsel” und befinde mir damit in einer skurrilen Welt. Sprachlich gefällt es mir sehr. Leider muss ich ab Donnerstag wieder arbeiten, da bleibt wieder wenig Lesezeit.
    Herzliche Grüße
    Ute

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    Desirée Löffler
    September 4, 2014 at 4:53 pm

    Mensch, wann schreibt der Herr Köhlmeier all diese interessant klingenden Bücher? Das Abendland steht auch bei mir noch ungelesen im Regal, und den Churchill /Chaplin – Roman werde ich wohl dringend auf meine Wunschliste setzen müssen. Ich bin sehr gespannt auf die nächste Longlist-Rezension. Auch wenn ich das Gefühl habe, dein Blog wird, genau wie der von Jarg, langsam zur Belastungsprobe für mein Portemonnaie.

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    madameflamusse
    September 5, 2014 at 4:01 pm

    Erinnert mich ein bisschen an ein Bch von Kundera, den ich früher mal gerne las, da trafen sich Hemingway und Goethe im Himmel, fand ich ne Klasse Idee 🙂

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    Endlich steht sie fest, die Shortlist! - Buzzaldrins Bücher
    September 11, 2014 at 12:18 pm

    […] der Titel, die ich auf meinem Blog bisher vorgestellt habe: schmerzlich vermisse ich Köhlmeiers Zwei Herren am Strand genauso wie Kastelau von Charles Lewinksy. Einzig April von Angelika Klüssendorf habe ich […]

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    Abendland - Michael Köhlmeier | Buzzaldrins Bücher
    August 25, 2015 at 1:26 pm

    […] Taschenbuchverlag, München 2008. 775 Seiten, €9,90. Auf Buzzaldrins Bücher wurden außerdem Zwei Herren am Strand und Die Abenteuer des Joel […]

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