Länger als sonst ist nicht für immer – Pia Ziefle

Warum werden wir zu den Menschen, die wir sind? Dieser Frage spürt Pia Ziefle in ihrem neuen Roman Länger als sonst ist nicht für immer nach. Es ist ein Sommertag im Jahr 1976 der das Leben von drei Kindern für immer verändern und sie zu den Erwachsenen macht, die sie später werden sollten.

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Die Dinge entscheiden sich von ganz allein, wenn man ihnen nur genügend Zeit lässt.

Lew ist siebenunddreißig Jahre alt und auf der Suche nach seinem Vater in einem indischen Dorf gestrandet. Das erste Mal in seinem Leben, nimmt der junge Mann sich Zeit, um zurückzublicken. Lew ist in der DDR aufgewachsen, als er noch ein kleines Kind ist, flüchten die Eltern und lassen ihn und seinen Bruder Manuel zurück. Auf sich allein gestellt und mit so unendlich vielen Fragen. Lew und Manuel kommen in eine Pflegefamilie, doch dieser Bruch, der die Kindheit zersplittern und in zwei Teile teilen sollte, den können sie nie so ganz überwinden. Erst mit siebenunddreißig Jahren erfährt Lew, wo sein Vater lebt. Sein Bruder Manuel möchte nicht noch einmal in die Kindheit zurückkehren, doch Lew reist nach Indien – auf der Suche nach Antworten auf Fragen, die sein ganzes bisheriges Leben geprägt haben.

Was wird er diesem Vater erzählen können, wenn er ihn morgen wiedersieht, nach neunundzwanzig Jahren?

Auch Ira reist in Gedanken zurück in ihre Kindheit, sie reist zurück, weil sie Abschied nimmt. Ihr Vater ist schwer krank, er liegt im Sterben und plötzlich zieht all das an ihr vorbei, das ihr Leben geprägt und sie zu dem Menschen gemacht hat, der sie heute ist. Ihre Eltern sind nicht verschwunden und doch waren sie nie wirklich da für Ira. Von der Mutter wurde sie nicht geliebt, der Vater hat sich zwar gekümmert, doch zu nahe durfte sie ihm nicht kommen. Ein Zuhause hat sie nie wirklich gehabt, sie hat sich immer fehl am Platz gefühlt, unerwünscht, überflüssig. Ein Gefühl, das auch als Erwachsene noch wie klebriger Schleim an ihr haftet. Der einzige Ort ihrer Kindheit, der ihr Sicherheit bietet ist die Bäckerei, in der Tag ein und aus Evi hinter der Theke steht. Dort lebt auch Fido, der ihr bester Freund werden sollte.

Fido trägt ein Gepäck an ganz eigenen Geschichten mit sich – auch er wurde von der Mutter verlassen, sie ist nach Deutschland gereist um Geld zu verdienen. Als Fido und sein Großvater nachkommen, hat sich die Mutter schon längst ein eigenes Leben aufgebaut, in dem Fido keinen Platz hat. Er bleibt mit seinem Großvazer zurück und zieht in die Wohnung über Evis Bäckereistube.

Er will in seinem Haus bleiben zum Sterben, weil er glaubt, er kann unsere Geschichte einfach so mitnehmen. Aber sie wird bleiben, wenn er nicht mehr da ist, selbst dann, wenn ich die Möbel verschenke, die Teppichböden herausreiße und die Tapeten von den Wänden ätze, dann wartet sie noch immer in diesem Haus auf die nächsten Bewohner.

Sanft und mit viel Wärme umkreist Pia Ziefle die Frage danach, was uns so werden lässt, wie wir sind. Lew, Ira und Fido spüren dieser Frage selbst nach, wenden sich der Vergangenheit zu, erforschen diese, immer auf der Suche nach Gründen. Warum ist man, wie man ist? Warum ist man ein vorsichtiger Mensch, warum ein trauriger, warum ein ewig besorgter? Es müssen nicht immer die großen Brüche sein, wie die Republikflucht von Lews Eltern, die ein Leben nachhaltig prägen können. Manchmal sind es klitzekleine und ganz alltägliche Ereignisse, die einem Leben eine ganz andere Wendung geben. Manchmal liegt die Vergangenheit wie ein dunkler Schatten über dem eigenen Leben, der alles andere unter sich begräbt. Lew und Ira müssen sich von diesem Schatten befreien, um wieder atmen zu können. Lew muss seinen Vater finden, um all die unbeantworteten Fragen zu den Akten zu legen, Ira muss sich von ihrem Vater verabschieden, um ihre Kindheit endlich hinter sich zu lassen. Erst wenn dies gelingt, gelingt es auch, sich von den eigenen Wurzeln zu lösen. Eine Kindheit ist immer eine prägende Zeit, doch erst wenn man sich von dieser Altlast befreit, kann man irgendwann so leben, wie man leben möchte.

Und als er abermals das Wasser sieht und die winzigen Boote, die Häuserschluchten, die verdorrten Büsche an den rotschimmernden Abhängen und das Blau des Himmels, an den Rändern ein wenig lichter, da wird ihm klar, dass er diese Reise begonnen hat, um einem kleinen Jungen zu begegnen, der noch immer in einem längst verschwundenen Land hinter einer Mauer lebt und hoch oben auf einem Klettergerüst auf ihn wartet.

Pia Ziefle legt mit Länger als sonst ist nicht für immer einen feinsinnigen und nachdenklichen Roman vor, der seinen ganz eigenen Rhythmus hat. Überzeugend werden nicht nur mehrere Perspektiven miteinander verschränkt, sondern auch eine Vielzahl an Figuren und Zeitebenen. So bewegen wir uns wie auf einer sanften Welle durch das Leben von Lew, Ira und Fido und dabei ist nur eines sicher: nichts ist sicher und im Leben kann es immer Überraschungen geben.

15 Comments

  • Reply
    Astrid
    October 31, 2014 at 12:32 pm

    Danke für die tolle Rezension. Das Buch kommt auf meine Liste!

    • Reply
      Mara
      November 3, 2014 at 2:36 pm

      Liebe Astrid,

      danke für deinen Besuch, ich freue mich sehr darüber, dass ich dich mit meiner Besprechung zu neugierig machen konnte! 🙂

  • Reply
    magguieme
    October 31, 2014 at 12:34 pm

    Und mit derselben sanften Welle trägst du durch die Buchbesprechung. Sehr fein zu lesen. Als wäre man schon mitten im Buch (scheint mir).

    • Reply
      Mara
      November 3, 2014 at 2:37 pm

      Ich habe mich sehr über deine freundlichen Worte gefreut, ich danke dir dafür!

      Ganz liebe Grüße. 🙂
      Mara

  • Reply
    dj7o9
    October 31, 2014 at 3:54 pm

    Wie und wo findest Du nur immer diese wunderbar spannenden Bücher – auch eines das sich richtig richtig gut anhört 🙂 Könnte ich einfach 1x im Monat mein Hirn kurz mit Deinem verschmelzen und wir updateten uns auf diesem Wege über die jeweils gelesenen Bücher ab ? 😉 Seit ich Deinen Blog kenne, wächst meine To-Read-Liste ins unglaubliche Dimensionen ….

    • Reply
      Mara
      November 3, 2014 at 2:39 pm

      Hirnverschmelzung klingt super, könnte im Literaturblogbereich noch eine unentdeckte Marktlücke sein! Ich würde mein Hirn dann wohl gerne mal mit dem von Denis Scheck verschmelzen lassen. 😉
      Im Ernst: ich habe mich über deine Worte sehr gefreut, auch wenn ich das Dilemma mit ewig wachsenden To-Read-Listen natürlich nur allzu gut kenne. Ich lese übrigens gerade in den Tagebüchern von Susan Sontag, da wächst meine To-Read-Liste auch, weil sie andauernd über Bücher schreibt!

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    tlaoks87
    November 1, 2014 at 8:05 pm

    Liebe Mara,

    eine schöne Rezension! mir hat der Roman auch ausgesprochen gut gefallen. Pia Ziefle hat einen tollen Stil, gleichzeitig verbergen sich hinter den wunderschönen Worten ziemlich krasse Geschichten. Ein toller Roman, wirklich. Allerdings hätte ich gerne etwas mehr über Fido erfahren – er ist eine so interessante Figur und kommt neben den großen Geschichten von Lew und Ira ein wenig zu kurz, finde ich. 🙂

    Liebe Grüße,
    eva

    • Reply
      Mara
      November 3, 2014 at 2:28 pm

      Liebe Eva,

      herzlichen Dank für deinen Besuch un deinen Kommentar, darüber freue ich mich sehr. Schön, dass dir das Buch ebenso gut gefallen hat. Über Fido hätte ich auch gerne mehr erfahren, im Gegensatz zu Ira und Lew kommt seine Geschichte aber in der Tat etwas kurz – vielleicht wartet da ja noch eine Fortsetzung auf uns … irgendwann. Ich würde mich darüber auf jeden Fall freuen.

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    tlaoks87
    November 1, 2014 at 8:06 pm

    Ach so und das Bild der “sanften Welle” ist wirklich treffend für diesen Roman!

  • Reply
    skyaboveoldblueplace
    November 3, 2014 at 1:10 pm

    Liebe Mara,
    vielleicht muss ich doch mal ein Buch von Pia Ziefle lesen. Aber wann bloss, wann… – aber das hatten wir ja schon.
    Vielen Dank jedenfalls für die Besprechung, jetzt kommt Frau Ziefle doch zumindest schon mal auf meine Liste.
    Liebe Grüsse
    Kai

    • Reply
      Mara
      November 3, 2014 at 2:23 pm

      Lieber Kai,

      unbedingt!! Kennst du denn schon bereits Suna? Das war vor zwei Jahren eines meiner absoluten Highlights – lang ist’s schon her, die Lektüre habe ich aber immer noch eindrücklich in Erinnerung.
      Es ist auf jeden Fall aber schon mal schön zu hören, dass Frau Ziefle immerhin schon auf deiner Liste steht.

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    skyaboveoldblueplace
    November 9, 2014 at 4:28 pm

    Liuebe Mara,
    nein, Sauna hab ich auch noch nicht gelesen. Ich glaube, wenn, dann fang ich erstmal mit diesem hier an. Deine Besprechung klingt so…
    Liebe Grüsse, Kai

  • Reply
    Die Wärme einer wunderbaren Geschichte. | Klappentexterin
    February 6, 2015 at 8:00 am

    […] schöne Besprechung findet ihr bei Mara von Buzzaldrins Bücher. Und bei Bibliophilin von ihrer Gastrezensentin […]

  • Reply
    Pia Ziefle: Länger als sonst ist nicht für immer (2014). | Sätze&Schätze
    April 30, 2015 at 4:18 pm

    […] mehr fand ich auch bei Mara von „Buzzaldrins Bücher“ eine schöne Besprechung dieses Buches und ein interessantes Interview mit der […]

  • Reply
    Ein Jahr in Büchern | Buzzaldrins Bücher
    July 19, 2015 at 11:40 am

    […] Pia Ziefle – Länger als sonst ist nicht für immer […]

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