Roman Ehrlich im Gespräch!

EHRLICH_ROMAN_2014_G-sRGBVor ein paar Monaten hat Roman Ehrlich noch beim Debütantenball gelesen, doch mittlerweile liegt bereits sein zweites Buch in den Läden: Urwaldgäste ist ein lesenswerter Erzählband. Ich habe dies zum Anlass genommen, mich mit Roman Ehrlich über das Debütieren im Literaturbetrieb und den Beruf des Schriftstellers zu unterhalten.

Du hast vor einiger Zeit an einem literarischen Debütantenball in Göttingen teilgenommen – wie fühlst du dich als Debütant im Literaturbetrieb?

Es ist interessant zu sehen, wie mein Buch aufgenommen wird. Es ist spannend für mich, wie die Presse darauf reagiert, aber auch die Veranstaltungen, zu denen man eingeladen wird sind oft interessant. Einiges, was passiert ist, habe ich erwartet, weil ich an einem Literaturinstitut studiert habe, wo Leute, die man kennt, auch Bücher geschrieben und veröffentlicht haben. Freunde von mir waren da etwas schneller als ich, deswegen ist der Literaturbetrieb für mich keine komplett unbekannte Welt. Ich bin jetzt glücklich, dass es dem Buch ganz gut geht und sehr nervös, was die zweite Veröffentlichung angeht. Wie beim ersten Buch habe ich auch jetzt kein Gefühl dafür, wie es aufgenommen werden wird. Ich habe versucht meine Hoffnungen niedrig zu halten und tue das jetzt auch wieder.

Dein erster Roman ist vor beinahe einem Jahr erschienen – bist du insgesamt zufrieden damit, wie er aufgenommen wurde?

Also ich bin begeistert, dass es so gut funktioniert hat. Er wurde viel besprochen und war in der Wahrnehmung vorhanden. Das habe ich nicht erwartet, es hat mich aber sehr gefreut.

Ist es dir damals schwergefallen, den Text aus den Händen zu geben?

Es war ja die verrückte Situation, dass die Erstveröffentlichung des Textes beim Bachmannpreis war und ich zu diesem Zeitpunkt bereits wusste, dass es in einem Verlag escheinen würde. Beim Bachmannpreis war dann ich anwesend, da war das Publikum anwesend und da war die Kritik anwesend. Da war all das in einem Raum, was sonst eigentlich – räumlich und zeitlich – getrennt voneinander stattfindet. Ich glaube, dass das für eine Erstveröffentlichung eine unwahrscheinliche Konstruktion war.  Das hat dann auch erst einmal meinen Geist gesprengt. Es ist natürlich toll, weil man wirklich wie bei einer Geburt mit dabei ist.

Beim Bachmannpreis wird man sehr direkt mit der Kritik konfrontiert, wie verfährst du darüber hinaus mit Kritik – liest du Besprechungen oder googelst du nach dir selbst?

Ich lese das schon! Man bekommt auch, wenn man das möchte, all diese Kritiken vom Verlag zugeschickt. Man kriegt dann einen Ordner, wo alles ganz ordentlich aufgelistet ist: alle Besprechungen des Buches. Ich finde das unheimlich interessant, auch wenn es negativ ist. Das ist ja eben diese Öffentlichkeit und das ist auch das, wonach man hungrig ist, dass es eine Reaktion auf das gibt, was man veröffentlicht hat. Das ist mit Sicherheit auch ein bisschen Narzissmus, dass man das gerne liest und dass man da vorkommen möchte. Aber es ist auch einfach wertvoll, sich das anzuschauen. Kritik ist grundsätzlich erst mal produktiv. Das können auch Verrisse sein, es gab auch im Internet Kritiken die äußerten, dass das Buch langweilig sei – ich nehme das alles mit auf, auch wenn ich das nächste Buch nicht schreibe, um diese Leute glücklich zu machen, aber ich überprüfe mich dennoch selbst.

Gibt es im Rückblick einen Punkt, den du festmachen könntest, an dem du wusstest, dass du schreiben möchtest?

Ich kann mich erinnern wie das war, als ich irgendwann mal festgestellt habe, dass selbst wenn ich Tagebuch geschrieben habe, die Aufzeichnungen eigentlich nie für mich alleine waren, sondern alles auf eine Art geschrieben war, dass eine Öffentlichkeit impliziert wurde. Obwohl das ja ganz lange nicht passiert ist, dass irgendetwas veröffentlicht wurde. Mir ist aufgefallen, dass ich beim Schreiben einen Leser oder eine Leserin immer mitgedacht habe. Ich habe dann auch angefangen viel zu lesen. Es gab aber kein Erweckungserlebnis, es gab keinen biographischen Knackpunkt, wo ich dachte: jetzt werde ich Schriftsteller. Ob ich mittlerweile an diesem Punkt angekommen bin, ist auch immer noch Verhandlungssache.

Wenn man sich deinen Lebenslauf ansieht, fällt auf, dass du am Literaturinstitut in Leipzig studiert hast. Hast du das Studium dort als hilfreich empfunden?

Ich weiß es nicht, ich weiß es bis heute nicht. Ich denke immer noch darüber nach und ich dachte, irgendwann würde das dann mal vorbei sein und ich würde das dann einfach wissen. Vor allem auch, seitdem ich dort meinen Abschluss erworben habe und fertig mit dem Studium bin. Das Studium hat mir mit Sicherheit einiges eröffnet und mir auch geholfen. Ich habe viele Leute kennengelernt, was mit Sicherheit das Wichtigste gewesen ist – die Menschen, die ich dort getroffen habe und mit denen ich teilweise bis heute noch befreundet bin. Es war auf jeden Fall eine Bereicherung. Wenn ich die Wahl gehabt hätte, etwas anderes zu studieren, Biologie oder Medizin, dann hätte ich mir das im Nachhinein wohl empfohlen zu tun. Es ist einfach auch ein schwieriger Weg. Ich musste erst dort fertig werden und tatsächlich ganz aus Leipzig weggehen, bevor ich dieses Buch schreiben konnte und auch das zweite. Bevor ich das Gefühl hatte, ich kann wieder so nah an das heran, was ich eigentlich will und was eigentlich der Text ist, den wirklich nur ich schreiben kann. Dazu musste ich erst aus diesem Kontext raus, aus dieser Blase von schreibenden Leuten.

Vor einigen Monaten tobte eine Schreibschuldebatte, ausgelöst durch Florian Kessler – die fällt mir natürlich ein, wenn wir über das Literaturinstitut sprechen. Bist du auch ein typischer Schreibschüler, also ein gutsituierter Arztsohn?

Nee. Man muss mittlerweile wahrscheinlich den Hut ziehen vor dem Text, den Florian Kessler geschrieben hat, auch wenn ich ihn inhaltlich nicht gut finde. Es ist einfach offenbar, dass die Polemik des Textes so gut funktioniert hat, weil wir alle die ganze Zeit darüber sprechen müssen. Ich bin kein Arzt-, Lehrer- oder Akademikerkind. Meine Mutter hat irgendwann später noch mal studiert, die ist jetzt also auch Akademikerin. Meine Eltern waren Gärtner und Buchdrucker, als ich mit ihnen aufgewachsen bin. Aber das bedeutet einfach nichts. Für mich hat es das Schreiben nicht leichter oder schwerer gemacht.

Obwohl du zu den jungen Autoren gehörst, liegt nun bereits dein zweites Buch vor – ist Schriftsteller eine Art Traumberuf, das, was du für immer machen möchtest? Oder gibt es auch einen Plan B?

Es muss eigentlich immer einen Plan B geben, glaube ich. Es ist ja noch nicht das letzte Wort darüber gesprochen, ob Schreiben überhaupt ein Beruf ist. Es gibt viele Leute, die das machen, die schreiben und davon leben können, die ihre Steuern bezahlen und ihre Miete bestreiten können. Aber ich kann das nicht für mich annehmen als meinen Beruf, als das, was ich tatsächlich immer mache und immer machen werde. Ich versuche es so zu betrachten, dass ich im Schreiben immer das sehe, was für mich selbst als Mensch gewinnbringend ist. Also etwas, das mir beim Leben hilft oder beim Umgang mit der Welt. Jetzt gerade ist der glückliche Fall eingetreten, dass ich davon leben kann und für ein oder zwei Jahre nichts anderes tun muss. Ich werde auch nicht für den Rest meines Lebens diese Jobs machen können, die ich gemacht habe, bevor das der Fall gewesen ist. Ich werde mir also etwas ausdenken müssen, wie ich Geld verdienen und schreiben kann.

7 Comments

  • Reply
    madameflamusse
    December 10, 2014 at 1:45 pm

    Ich mag deine Interviewes und finde sie sollten wirklich auch mal in einer zeitung erscheinen 😉

    • Reply
      Mara
      December 12, 2014 at 12:47 pm

      Das freut mich sehr, dass du das sagst! 🙂 Ich träume natürlich auch davon und wer weiß, vielleicht wird das ja irgendwann wahr …

  • Reply
    Lara
    December 10, 2014 at 3:48 pm

    Genau! So geschickt wie du die Fragen stellst um interessante Antworten zu bekommen, könntest du ganz gut für eine Zeitung schreiben.
    Triffst du die Autoren persönlich um sie zu interviewen oder machst du das telefonisch?
    Lg Lara

    • Reply
      Mara
      December 12, 2014 at 12:50 pm

      Liebe Lara,

      danke dir! 🙂 Ich freue mich sehr über deine Worte! Was die Interviews betrifft: das ist ganz unterschiedlich, manche Interviews führe ich per Mail, die allermeisten Interviewpartner treffe ich jedoch auf Buchmessen und transkribiere dann unser Gespräch. Da ich in Göttingen lebe habe ich Roman Ehrlich im Anschluss an die Lesung interviewt.

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    macg82
    December 10, 2014 at 5:18 pm

    Dem schließe ich mich an. Speziell dieses Interview finde ich ehrlich und geht auch Dingen auf den Grund, die sich manch Feuilletonist nicht trauen würde zu fragen. Wenn Roman Ehrlich so schreibt, wie er auf die Fragen antwortet, sollte ich mal einen Blick in seine Bücher riskieren. Lieben Dank für das Interview.

    • Reply
      Mara
      December 12, 2014 at 12:53 pm

      Lieber Marc,

      dankeschön! 🙂 Mir machen diese Interviews sehr viel Spaß, gerade mit jungen Autoren und Autorinnen, da ich es einfach spannend finde, mehr über ihre Lebenssituation herauszufinden. Wenn du etwas von Roman Ehrlich lesen möchtest, würde ich dir sehr sein Romandebüt ans Herz legen, das mir ausgezeichnet gefallen hat.

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    Florian Berg, der Postheros
    February 8, 2016 at 9:36 am

    […] des Romans nötig. Und noch aus einem anderen Grund ist dieser Romananfang so wichtig. In einem Interview antwortete Ehrlich auf die Frage, wie er seine Studienzeit in Leipzig (Studiengang: Literarisches […]

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