180° Meer – Sarah Kuttner

180° Meer ist ein Roman über Jule, eine junge Frau, die mit sich selbst und ihrer eigenen Vergangenheit ringt. Was soll man nur machen, wenn man die eigenen Eltern hasst? Was soll man machen mit einem Freund, den man aus Langeweile immer wieder betrügt? Was soll man machen mit einem Leben, mit dem man eigentlich gar nicht glücklich ist?

Sarah Kuttner

Ich bin nicht greifbar. Wie ein winziger Schauer, der einem über das Rückgrat fährt, ein Wort, das einem nicht einfällt, das ungute Bauchgefühl, wenn doch eigentlich alles glattgelaufen ist. So bin ich.

Als ich vor etwas mehr als drei Jahren Wachtstumsschmerz von Sarah Kuttner las, schämte ich mich noch ein wenig für die Lektüre. Ich erinnere mich, dass ich darüber nachdachte, ob ich die Besprechung überhaupt auf meinem Blog veröffentlichen dürfte, oder ob ich damit meinen eigenen literarischen Anspruch unterlaufe. Diese Gedanken mache ich mir heutzutage nicht mehr, stattdessen bin ich einfach Fan von Sarah Kuttner – ohne Scham und falsche Zurückhaltung. Deshalb war es für mich auch selbstverständlich, dass ich mir ihren neuen Roman 180° Meer sofort zum Erscheinungsdatum kaufen und kurz danach auch lesen musste. Und, was soll ich sagen? Die Lektüre hat sich mal wieder mehr als gelohnt!

Ich liebe Achselhöhlen, ich mag, dass sie im wahrsten Sinne des Wortes kleine Höhlen sind, in die man reinkriechen muss, um etwas zu finden. Für mich sind sie der intimste Ort eines Menschen. Oder sagt man Körperteil? Vermutlich nicht, eine Achselhöhle ist nichts, was man klar definiert abschneiden und in Gefriertüten verpacken könnte. Kein Teil also, ein Ort.

Jule, die Hauptfigur von Sarah Kuttner, ist – nachdem der Vater die Familie verlassen hat – alleine mit ihrem Bruder und ihrer selbstmordgefährdeten Mutter aufgewachsen. Mittlerweile ist sie schon längst erwachsen, aber irgendwie immer noch nicht so richtig im Leben angekommen: ihre Kindheit hat sie hinter sich gelassen, ohne sie jemals wirklich loslassen zu können. Stattdessen hat Jule sich in einem Leben eingerichtet, das sie nicht glücklich macht: sie singt nachts in einer Bar, wird immer wieder von Anrufen ihrer Mutter belästigt und betrügt ihren Freund. Es ist ein Leben, über dem ein schwerer Schatten liegt – es ist ein Schatten des Hasses: Hass auf die Welt, den Job, die eigenen Eltern  – und wahrscheinlich auch ganz besonders viel Hass auf sich selbst. Als es zwischen ihr und ihrem Freund Tim kriselt, flüchtet Jule zu ihrem Bruder nach England. Es ist eine Flucht vor den Scherben ihres Lebens, doch dann begegnet sie auf ihrer Reise plötzlich ihrem Vater, der sie ein ganzes Leben lang alleine ließ und nun im Sterben liegt. Schlagartig verwandelt sich Jules Flucht in eine Reise zu sich selbst und zurück in die eigene Vergangenheit.

Nur in seiner Weite und Unnahbarkeit berührt mich das Meer. Diese wunderbare, düstere Aussichtslosigkeit, die ein vor einem hingegossener Ozean vermittelt, fasziniert und rührt mich. Das empfand ich schon als kleines Kind so. Meer ist nichts wert, wenn es sich nicht zu 180° vor mir erstreckt. 

Für mein Empfinden lebt der Roman vor allen Dingen von seiner Hauptfigur und einer Art des Erzählens, die mich mitgerissen hat – weniger von der erzählten Geschichte. Sarah Kuttner hat in all ihren bisherigen Romanen ein Händchen für kompliziertere Charaktere gehabt – für Frauen, die zu viel fühlten, für Frauen, die zu verkopft sind, um glücklich und zufrieden sein zu können. Jule ist da keine Ausnahme und es würde mich nicht wundern, wenn sie, in all ihrem Hass und Unglück, die Leser und Leserinnen möglicherweise auch spaltet. Jule ist zickig und verbohrt, sie ist wütend – auf sich und die Welt. Es ist nicht immer leicht Jule zu mögen, es ist vielleicht sogar viel leichter, sie nicht zu mögen.

Weißte, kann schon sein, dass es schwer ist, jemanden zu lieben, der sich selbst nicht mag. Aber auf der anderen Seite muss so jemand vielleicht ganz besonders liebgehabt werden. Als Unterstützung quasi. Wie Stützräder. Solche Leute brauchen Stützräder. So!

Ich mochte Jule, sehr. Ich mochte Jule, ihre Liebe zum Meer und den Hund, den sie mitten im Buch adoptiert. Ich weiß nicht, ob 180° Meer tatsächlich so etwas wie ein Generationenroman ist, ich habe aber schon das Gefühl, dass Sarah Kuttner in all ihren Romanen ein ganz besonderes Lebensgefühl aufgreift. Vielleicht berühren mich ihre Romane so sehr, weil ich ihren Charakteren – zumindest alterstechnisch – nahe bin. Mich beschäftigen ganz ähnliche Fragen: wie ist eigentlich mein Verhältnis zu meinen Eltern? Habe ich mit meiner Vergangenheit abgeschlossen? Bin ich überhaupt glücklich mit meinem Leben? Oder mit meinem Partner?

Sarah Kuttner hat es als Fernsehmoderatorin, die auch noch schreibt, vielleicht etwas schwerer ernst genommen zu werden – gerade von der klassischen Literaturkritik. Ich würde mir wünschen, dass Leser und Leserinnen keine Scheu haben. Für mich ist 180° Meer eine lohnens- und lesenswerte Lektüre. Sarah Kuttner legt einen gut erzählten Roman vor, der sowohl komisch als auch tragisch ist und mich tief bewegt hat.

Sarah Kuttner: 180° Meer. S. Fischer Verlag, Frankfurt 2015. 272 Seiten, €18,99.                              

15 Comments

  • Reply
    Charlie, Lotti und Carmen
    February 11, 2016 at 7:48 am

    Traumhaft schöne Rezension, die durchaus nicht danach klingt, als würden Sie Ihren literarischen Anspruch unterschreiten. Zu lesen angefangen habe ich mit dem Gedanken: Das Buch interessiert mich nicht. Beim Fertigwerden hingegen bleibt: Ich glaube, das muss ich mir mal ansehen.

    • Reply
      Mara
      February 16, 2016 at 9:34 pm

      Liebe Charlotte,

      ganz lieben Dank für den Besuch und diesen wunderbaren Kommentar, den Sie mir hinterlassen haben! Mein Ziel, andere mit meiner Begeisterung anzustecken, habe ich dann wohl erreicht – das ist mir tatsächlich immer die größte Freude!

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    jancak
    February 12, 2016 at 7:14 am

    Mängelexemplar und Wachstumsschmerz habe ich gelesen, waren sehr beeindruckend, mal sehen ob auch dieses Buch zu mir kommt.

    • Reply
      Mara
      February 16, 2016 at 9:33 pm

      Ich drücke dir die Daumen und bin gespannt, wie es dir gefallen wird!

  • Reply
    susa
    February 14, 2016 at 8:39 am

    vor Jahren las ich im Urlaub mangels Alternativen “Mängelexemplar”, meine Erwartungshaltung tendierte gen Null und umso größer natürlich meine Überraschung, dass ich Fr.Kuttner aufgrund ihrer Fernsehselbstdarstellung völlig falsch eingeschätzt habe. Wie schön: mal wieder heftig an meinem Schubladendenken gerüttelt und eine tolle Autorin entdeckt !!! Auch Wachstumsschmerz hat mich begeistert und auf das Meer mit Frau Kuttner kann ich mich noch ein bisschen vorfreuen….
    lg,
    susa

    • Reply
      Mara
      February 16, 2016 at 9:30 pm

      Liebe Susa,

      ach, es ist doch immer wieder toll, wenn man an Schubladen rütteln kann, oder? Mir ging es ganz ähnlich vor meinem ersten Sarah-Kuttner-Buch! Wenn dir Wachstumsschmerz und Mängelexemplar schon so gut gefallen haben, dann wirst du das Meer-Buch sicherlich auch mögen – ich wünsche dir auf jeden Fall schon jetzt ganz viel Freude bei der Lektüre!

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    Thomas
    February 14, 2016 at 9:24 pm

    Ich mag Sarah Kuttner und würde sie gerne (wieder) öfter im Fernsehen sehen. Von ihr als Autorin kenne ich bisher nur ihre Kolumnensammlungen (Das oblatendünne Eis des halben Zweidrittelwissens etc.) die mir schon sehr gut gefielen. IHre Romane habe ich mir jetzt auch vorgemerkt. Danke für die schöne Besprechung.
    Gruß
    Thomas

    • Reply
      Mara
      February 16, 2016 at 9:28 pm

      Lieber Thomas,

      ich kenne dagegen die Kolumnensammlung noch nicht und habe sie mir gleich bestellt – ich freue mich auf die Lektüre! Wenn du Sarah Kuttner eh schon magst, wirst du ganz sicherlich auch ihre Romane mögen, mir haben alle drei sehr gut gefallen und ich beneide dich ein wenig, dass die Entdeckung dieser Geschichten noch vor dir liegt.

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    Blogbummel Februar 2016 – 1. Teil – buchpost
    February 15, 2016 at 3:26 pm

    […] von Buzzaldrins Blog hat es wieder getan – nämlich ein Buch von Sarah Kuttner gelesen und für gut […]

  • Reply
    Cara
    February 15, 2016 at 7:57 pm

    Liebe Mara, vielen Dank für deine wunderbaren Worte. Mir ging es 2014 mit Wachstumsschmerz sehr ähnlich: Das (Hör)Buch ist überraschend eines meines Lieblingsbücher des Jahres gewesen, die mitunter sehr kritischen Meinungen haben mich damals auch ein bisschen davon abgehalten, von dem Buch zu schwärmen. Vielleicht hängt das doch auch vom Alter des Lesers ab. Sarah Kuttner trifft die Stimmung und das Lebensgefühl zwischen 25 und Anfang 30 einfach so ungemein gut. Momentan sind bei mir leider keine Hardcover drin, aber dieses Buch wird definitiv gelesen!
    Liebe Grüße, Cara

    • Reply
      Mara
      February 16, 2016 at 9:25 pm

      Liebe Cara,

      ich bin erleichtert, dass es mir mit Sarah Kuttner nicht allein so erging – ich fand das Buch damals toll, hatte aber doch Schwierigkeiten, offen darüber zu sprechen, da ich das Gefühl hatte, dass das Buch nicht meinen eigenen literarischen Standards entspricht. Das sehe ich heute zum Glück deutlich entspannter und so habe ich mich schon seit einigen Wochen auf das Buch vorgefreut,

      Ich hoffe, dass du das Buch bald in die Finger bekommst und wünsche dir bei der Lektüre viel Freude!

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    Die unbesiegbare Wut in einem oder „180 Grad Meer“
    March 13, 2016 at 10:11 am

    […] Rezensionen auf anderen Blogs: Buchrevier Buzzaldrins […]

  • Reply
    Sarah Kuttner: 180° Meer | Bücherwurmloch
    March 28, 2016 at 7:30 am

    […] 180 ° Meer von Sarah Kuttner ist erschienen bei S. Fischer Verlage (ISBN 978-3-10-002494-7, 18,99 Euro). Mehr über das Buch erfahren könnt ihr auf standard.at, readpack.de und buzzaldrins.de. […]

  • Reply
    Katharina
    May 10, 2016 at 1:28 pm

    Hallo Mara,

    ich habe das Buch nicht gelesen, finde aber deine Rezension aus so vielen Aspekten richtig toll! Den ausführlichen Blick in deine Gedanken, den du gewährst, dann das Verhältnis von U- und E-Literatur (Darf man das lesen? Darf man das mögen?) das du ansprichst ist mir aus dem Studium nur zu bekannt. Die Zitate finde ich zudem wahnsinnig schön gewählt.

    Unterm Strich finde ich, dass man eigentlich Sarah Kuttner mögen muss, um ihre Bücher und ihre Figuren zu mögen. Denn sie sind in großen Teilen sehr deckungsgleich mit ihr selbst. Zumindest in ihren ersten Büchern hat man eigentlich immer sie selbst vor dem eigenen inneren Auge. Ihren Sprachstil und den zynischen Humor finde ich dabei außerdem sehr entscheidend. Sie schafft es von dunklen Tagen zu erzählen, aber dabei nicht weinerlich oder mitleidig zu klingen.

    Bisher habe ich nur “Mängelexemplar” gelesen – übermorgen kommt nun endlich die Verfilmung ins Kino und ich kann sie dir nur empfehlen. Morgen kommt dazu auf unserem Blog die Filmrezension, falls dich Details interessieren. 😉

    Liebe Grüße & weiter so! 🙂
    Katharina von
    Großstadtgedanken

    • Reply
      Mara
      May 21, 2016 at 11:39 am

      Liebe Katharina,

      vielen Dank für deinen Kommentar – vor allen Dingen auch danke für deinen Hinweis auf die Verfilmung von “Mängelexemplar”! Da ich ansonsten kein Kinogänger bin, wäre das wohl komplett an mir vorbeigegangen.

      Ich teile übrigens deinen Eindruck, dass man wahrscheinlich ein Faible für die Person Sarah Kuttner haben muss, um auch ihre Bücher zu mögen. Ich finde dieses Verhältnis von Autor und Werk immer ganz spannend und musste zuletzt bei Maxim Biller darüber nachdenken, den ich aufgrund seiner Fernsehauftritt überhaupt nicht mögen kann, dessen Buch mich aber dennoch reizt.

      Liebe Grüße
      Mara

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