Kämpfen – Karl Ove Knausgård

Mit Kämpfen liegt nun auch endlich auf Deutsch der sechste Band von Karl Ove Knausgårds autobiographischem Romanprojekt vor – und damit gleichzeitig auch der Abschluss. Kaum ein anderer Schriftsteller polarisiert zurzeit so wie der Norweger, denn die Meinungen über Knausgård gehen immer wieder weit auseinander. Für die einen ist er ein Narzisst, für die anderen ein literarischer Star. Ich gehörte bisher zu seinen begeisterten Lesern, denn seine Bücher berühren mich und hauen mich gleichzeitig um.

“Dieser Roman hat allen in meiner Umgebung wehgetan, und er hat mir wehgetan, und in einigen Jahren, wenn sie groß genug sind, um ihn zu lesen, wird er meinen Kindern wehtun.

Während sich Karl Ove Knausgård in den ersten fünf Bänden seines Romanprojekts – das im Norwegischen den Titel Min kamp trägt – vor allem der Vergangenheit widmet und von seiner Kindheit und den Erfahrungen, die er als junger Mann gemacht hat, erzählt, liest sich der sechste Band ein wenig anders. Er berichtet darin von der Zeit zwischen 2008 und 2011. Das ist die Zeit, in der in Norwegen der erste Band seines Romanprojektes erschienen ist.

Knausgård erzählt von den Schwierigkeiten, die es mit der Veröffentlichung gegeben hat. Dazu muss man wissen, dass er in Min kamp schonungslos über sich und seine eigene Familie schreibt. Vor allem erzählt er davon, wie sein Vater Alkoholiker wurde und sich im Haus seiner eigenen Mutter zu Tode getrunken hat. Vor der Veröffentlichung seines Buches hat er das Manuskript seinen nächsten Angehörigen zum Gegenlesen gegeben. Sein Onkel Gunnar war nicht einverstanden damit, wie sein Bruder im Buch dargestellt wird und strengte deshalb eine Klage an.

Meine Frage ist, warum wir geheim halten, was wir geheim halten. Worin besteht das Schamvolle am Verfall? Ist es diese vollständige menschliche Katastrophe? Die vollständige menschliche Katastrophe zu erleben, ist furchtbar, aber darüber zu erzählen? Warum Scham und Geheimniskrämerei gegenüber Dingen, die im Grunde genommen vielleicht das Menschlichste überhaupt sind? Was ist daran so gefährlich, dass wir es nicht laut sagen können?

Einen Großteil des Buches machen die Sorgen und Ängste von Karl Ove Knausgård aus, der sich nicht nur vor den Reaktionen seiner Verwandten fürchtet, sondern auch davor, dass seine Wahrheit und Wahrnehmung in Zweifel gezogen wird. Während er selbst glaubt, dass sein Vater an Alkoholismus gestorben ist, glaubt Gunnar, dass das Herz seines Bruders einfach stehen geblieben ist.

Die Beschreibungen dieser Auseinandersetzungen werden immer wieder abgelöst durch Beschreibungen des banalen Alltags mit drei Kindern – diese Alltagserlebnisse aus dem Leben eines Vaters erstecken sich häufig über mehrere Seiten. Anders als in den anderen fünf Bänden gibt es dieses Mal aber auch viele essayistische Einschübe: Karl Ove Knausgård analysiert nicht nur Gedichte, sondern begibt sich auch zurück ins 20. Jahrhundert und erzählt aus dem Leben von Adolf Hitler und dem Aufstieg der Nationalsozialisten. Seine Betrachtung dieser Zeit liest sich – gerade auch vor dem aktuellen Hintergrund – beängstigend.

Ich halte es für richtig zu sagen, dass alles, was damals geschah, eben nicht unmenschlich, sondern menschlich war, und dass es gerade deshalb so schrecklich und so eng, ganz eng mit uns selbst und unserem Leben verbunden ist, und dass wir es, um es zu sehen und dadurch zu beherrschen, an einen Ort außerhalb des Menschlichen rücken, als etwas Unantastbares, das nur erwähnt werden kann, wenn es auf eine bestimmte, sorgsam kontrollierte Weise geschieht.

Leider ist es aber auch so, dass sich die essayistischen Einschübe mit der Zeit sehr angestrengt lesen – man hat das Gefühl, Karl Ove Knausgård wirft viele Themen in einen Topf und rührt dann einmal kräftig um. Das eine oder andere Mal verirrt er sich dann selbst in dieser Mischung, beispielsweise dann, wenn er über 50 Seiten lang ein Gedicht von Paul Celan interpretiert. Ich muss deshalb ganz ehrlich sagen: auch wenn ich ein großer Fan des norwegischen Autors bin, habe ich den einen oder anderen dieser Einschübe dann doch auch großzügig überblättert. Kämpfen ist mit großer Sicherheit nicht das stärkste der sechs Bände – vielleicht, weil Knausgård darin zu viel über sein Projekt erzählt und zu wenig von sich selbst. Der große Lesesog stellt sich bei mir dann wieder ein, wenn er über die Erkrankung seiner Frau Linda schreibt, die psychisch labil ist und nach dem Lesen des Manuskripts einen furchtbaren und sehr erschreckenden Zusammenbruch erlebt. Sie erhält die Diagnose einer bipolaren Störung und ist wochenlang nicht mehr in der Lage ein normales Leben zu führen. Hier öffnet Knausgård wieder alle Türen zu der privaten Sphäre seiner Familie und schreibt von seinen intimsten Gedanken und Gefühlen und hier schafft er es auch wieder – anders als bei seinen essayistischen Einschüben – mich zu packen.

Das, was mich für Karl Ove Knausgård so eingenommen hat, war die Art und Weise, wie er schonungslos und mit großer Offenheit Einblicke in sein Leben gegeben hat. In das tägliche Glück und Unglück, in seine dunklen Stunden, seine Schwächen und Schwierigkeiten, in Scham und Verzweiflung und in den banalen Alltag. Fünf Bände lang war ich fast eher eine Voyeurin und keine Leserin. Leider funktioniert all das im letzten Band nur noch bedingt – statt zu erzählen, liefert Knausgård über weite Strecken eher einen erklärenden Kommentarband ab.

Auf der anderen Seite ist dies ein Buch über mich und meinen Vater, es geht um meinen Versuch, ihn und das, was mit ihm passiert ist, zu verstehen. Um das zu tun, bin ich gezwungen, bis zum Kern vorzudringen, in das Inferno, das er am Ende entfachte, wo er nicht nur sich selbst und ihr Haus ruinierte, sondern auch Grußmutters letzte Jahre, abgesehen davon, dass er auch allen anderen um sich herum schadete.

Für mich hat sich nie die Frage gestellt, ob die Bücher von Karl Ove Knausgård große Literatur sein mögen: seine Bücher rühren mich, seine intensive Selbstreflexion regt mich dazu an, über meine eigene Vergangenheit nachzudenken. An anderer Stelle habe ich einmal geschrieben, dass das Lesen der Bücher von Karl Ove Knausgård mich nachdenklicher, weicher, offener und durchlässiger macht. Es gibt wohl keine anderen Bücher, aus denen ich so viel über mich selbst gelernt und so viel für mich mitgenommen habe. Ich glaube, dass das für viele einen großen Reiz bei der Lektüre ausmacht: wer Lust darauf hat, über sich selbst und sein eigenes Leben nachzudenken, wer Seite an Seite mit einem Autor nachforschen möchte, warum er so geworden ist, wie er ist, der sollte die Bücher von Karl Ove Knausgård lesen – aber vielleicht besser nicht mit dem sechsten Band anfangen.

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Karl Ove Knausgård: Kämpfen. Aus dem Norwegischen von Paul Berf und Ulrich Sonnenberg. Luchterhand, 2017. 1260 Seiten, €29. 

3 Comments

  • Reply
    letteratura
    June 7, 2017 at 3:04 pm

    Ich habe die ersten vier Bände gelesen, die ersten beiden mit sehr großer Begeisterung, die beim dritten und vierten nachließ, hier fand ich die Lektüre stellenweise mühsam, daher habe ich auch den fünften bisher nicht gelesen. Irgendwann mal, bestimmt. Vielleicht war ihm das Kommentieren im letzten Band ja ein Bedürfnis nach den ersten fünf, ein Abschluss, ein Abrunden? Ich weiß es nicht, und ich kann es auch nicht beurteilen, ohne das Buch gelesen zu haben. Auf jeden Fall eine erhellende Besprechung, danke dafür!

  • Reply
    Marina Büttner
    June 7, 2017 at 3:44 pm

    Einen solchen Verdacht hatte ich auch, als ich anfing zu lesen … Ich habe deshalb jetzt zwischendurch anderes gelesen. Vielleicht hätten es nicht die ganzen 1200 Seiten sein müssen, vielleicht ohne die Einschübe oder den detaillierten Familienalltag. Mal sehen, wann ich weiterlese. Und auf die Interpretation von Celan bin ich ja schon sehr gespannt …
    Viele Grüße!

  • Reply
    literaturreich
    June 8, 2017 at 2:31 pm

    Ich habe jetzt alle sechs Bände auf meinem Reader gesammelt, nicht zuletzt weil ihr alle so begeistert davon seid, aber noch keine Zeile gelesen, warum auch immer. Irgendwann muss ich mich einschließen und eine Knausgård Intensiv-Lesung machen 😉 Viele Grüße!

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