Alles beginnt und endet im Kentucky Club – Benjamin Alire Sáenz

Benjamin Alire Sáenz legt mit Alles beginnt und endet im Kentucky Club einen wunderbaren Erzählband vor. Die sieben Geschichten spielen im Grenzland zwischen El Paso und Juárez und erzählen vom Leben, der Liebe, dem Tod und den Grenzen, die wir immer wieder überwinden müssen.

Ich wollte ihm diesen Satz beibringen, bis er in sein Herz passte. Aber ich wusste, er würde immer glauben, dass er verdient hätte, was ihm passiert ist.

Benjamin Alire Sáenz habe ich vor ein paar Jahren durch seinen wunderbaren Jugendroman Aristoteles und Dante entdecken die Geheimnisse des Universums entdeckt, den ich damals verschlungen habe. Zwei Jahre später habe ich es endlich geschafft, auch einmal seine Kurzgeschichten in die Hand zu nehmen: in Alles beginnt und endet im Kentucky Club erzählt Benjamin Alire Sáenz sieben Geschichten aus dem Grenzland zwischen dem texanischen El Paso und Juárez in Mexiko.

Alle sieben Geschichten spielen im berühmten Kentucky Club, einem traditionsreichen und mythenumwobenen Lokal in Juárez, das 1920 eröffnete. Beim Lesen hatte ich ganz stark das Gefühl, mich dort zu all den Figuren aus den Erzählungen an die Bar zu setzen und bei einem kühlen Getränk ihren Geschichten zu lauschen, die mich berührten, unterhielten und nachdenklich zurückließen.

Dass so viele Leute meinen Namen kannten, hat mich nie besonders gefreut. Im Gegenteil, ich kam mir eher noch einsamer vor. Und außerdem wusste niemand wirklich, wer ich war. Nicht einmal ich selbst.

Neben dem Kentucky Club sind es vor allem die Grenzen, die in allen sieben Geschichten eine Rolle spielen: da ist ein einsam lebender Schriftsteller, der sich in einen jungen Mann verliebt, der immer wieder über die Grenze nach Mexiko reist, bis er eines Tages verschwindet. Da ist ein junger Mann, der brutal zusammengeschlagen wird und Schwierigkeiten hat, sich in seinem Leben nach dem Überfall zurechtzufinden. Zwischen ihm und der restlichen Welt ist eine unsichtbare Grenze – eine Sprachbarriere, die sich nicht übersetzen lässt. Da gibt es den Jungen, der von einem auf den anderen Tag von seiner Mutter alleine gelassen wird und fortan bei einem Vater aufwächst, den er nicht kennt. Da ist Brian, der vor lauter Angst vor seinen Gefühlen für einen anderen Jungen, lieber nach Da Nang geht, um im Vietnamkrieg zu kämpfen.

In allen sieben Geschichten geht es um das Leben, die Liebe, den Tod, um eine Angst, die alles beherrschen kann, um Gefühle, die wir uns nur schwer eingestehen und um Wünsche, die wir uns nicht trauen zu äußern. Erzählt werden diese kleinen Miniaturen in einer wunderbaren und zarten Sprache – und einer hervorragenden Übersetzung. Es ist schon eine Weile her, dass mich Figuren und ihre Geschichten so lange und so nachdrücklich begleitet haben.

Und dann wusste ich, dass ich die Bedeutung eines jeden Wortes, das ich je gelernt hatte, neu lernen muss. Lernen muss, alle diese Worte neu zu übersetzen. Tausende. Millionen. Ich lächelte und fühlte die Tränen über mein Gesicht laufen. Endlich hatte ich verstanden. Nicht die Worte waren wichtig. Sondern ich. Ich war wichtig. Also würde ich jetzt darum kämpfen, mich selbst zurück in die Welt der Lebenden zu übersetzen.

Erzählungen werden – im Vergleich zur Langform des Romans – leider immer etwas stiefmütterlich behandelt. Davon solltet ihr euch hier nicht abschrecken lassen: Benjamin Alire Sáenz gelingt es, jede der sieben Geschichte so dicht zu konzipieren, dass ich an ihrem Ende immer wieder das Gefühl hatte, gerade einen kompletten Roman gelesen zu haben. Lasst euch also nicht davon abschrecken, dass auf dem Cover das Wort Erzählungen steht – denn diese Erzählungen lohnen sich wirklich.

Benjamin Alire Sáenz: Alles beginnt und endet im Kentucky Club. Übersetzt von Sabine Hedinger. Ripperger & Kremers Verlag, Berlin 2014. 237 Seiten, €18,90.

Weitere Bücher des Autors:

Die unerklärliche Logik meines LebensAristoteles und DanteAlles beginnt und endet im Kentucky Club

1 Comment

  • Reply
    Bri
    June 28, 2017 at 11:25 am

    <3 Dieses Buch gehört viel mehr in die Öffentlchkeit. Mir ging es genau wie Dir. Die einzelnen Erzählungen sind so dicht, dass ich nach Beendigung einer jeden, erst mal nichts lesen wollte, um die Geschichte richtig aufnehmen zu können. Abstand zwischen den Erzählungen war mir wichtig. Dante und Aristoteles kenne und liebe ich auch. Die unerklärliche Logik meines Lebens allerdings noch nicht. Danke für den Tipp. Das muss ich lesen. Wer Lust hat darf gerne hier auch mal reingucken – bin mal so frech 😉 – https://feinerbuchstoff.wordpress.com/2014/10/17/grenzgange/ …LG, Bri

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