Die Mutter aller Fragen – Rebecca Solnit

In Die Mutter aller Fragen setzt sich Rebecca Solnit mit den Geschlechterverhältnissen und dem Schweigen der Frauen auseinander – entstanden ist dabei ein wichtiger, kluger und scharfsichtiger Essayband, der es schafft aufzurütteln und Mut zu machen.

“Dies hier ist ein feministisches Buch, aber keines, das nur mit der Erfahrungswelt von Frauen zu tun hat, sondern mit der von uns allen – von Männern, Frauen, Kindern und von Menschen, die Geschlechterbinarität und -grenzen infrage stellen.”

Die letzten Monate wurden online vor allem von einer Debatte bestimmt: unter dem Hashtag #metoo brachen tausende Frauen und Männer ihr Schweigen und sprachen offen über sexuelle Belästigung und Gewalt. Rebecca Solnit gehört zu denjenigen, die bereits lange vor dieser öffentlichen Debatte darum bemüht war, sexuelle Gewalt zu thematisieren. Das tut sie auch in den zwölf Essays, die in Die Mutter aller Fragen versammelt sind: sie schreibt ausführlich über die Fälle von Bill Cosby und Jian Ghomeshi, über Vergewaltigungen an amerikanischen Universitäten, über das Schweigen der Frauen und über Männer, die sich reflexhaft auf die Unschuldsvermutung berufen. Darüber hinaus geht es um die Frage, ob es erlaubt sein sollte, Witze über Vergewaltigungen zu machen, es geht um Geschlechterschubladen und die Frage wie viel das Schweigen der Frauen auch mit Machtverhältnissen zu tun hat.

Im titelgebenden Essay Die Mutter aller Fragen berichtet Rebecca Solnit von Erlebnissen, die sie während unterschiedlicher Veranstaltungen hatte: während einer Lesung fragte ein Interviewer sie, warum sie keine Kinder habe. Nach einer ganzen Reihe solcher Erfahrungen ist Rebecca Solnit dazu übergegangen in solchen Momenten eine einfache Gegenfrage zu stellen: Würden Sie einem Mann diese Frage stellen?

Gewalt gegen Frauen passiert oft als Gewalt gegen unsere Stimmen und unsere Geschichten. Sie ist die Zurückweisung unserer Stimmen – und dessen, was eine Stimme überhaupt bedeutet: das Recht auf Selbstbestimmung, auf Teilhabe, auf Zustimmung oder eine abweichende Meinung, das Recht darauf, zu leben und mitzumachen, zu interpretieren und zu erzählen. Ein Ehemann schlägt seine Frau, um sie zum Schweigen zu bringen; jemand, der sein Date oder seine Bekannte vergewaltigt, weigert sich, dem Nein seiner Opfer die Bedeutung zu lassen, die es hat: dass nämlich der Körper einer Frau unter die Gebietshoheit allein dieser Frau fällt.

Den größten Teil des Buches nimmt die Frage ein, warum Frauen immer wieder Opfer von sexueller Gewalt werden, warum sie häufig darüber schweigen und was für Bedingungen geschaffen werden müssen, um dieses Schweigen zu brechen. Warum trauen sich so wenige Frauen, Gewalt zur Anzeige zu bringen? Warum bleiben so viele dieser Anzeigen folgenlos? Besonders interessant dabei ist, dass – auch im Zuge der #metoo-Debatte – Männer bei Vergewaltigungsvorwürfen häufig auf den Plan treten und über die Unschuldsvermutung und das Problem mit falschen Verdächtigungen sprechen und damit automatisch den Fokus vom weiblichen Opfer auf ein mögliches männliches Opfer verschieben, das möglicherweise zu Unrecht beschuldigt wird.

An einer anderen Stelle schreibt Rebecca Solnit darüber, dass die Rolle der Frau viel damit zu tun hat, wie viel Raum, Macht und Sprechzeit ihr gegeben wird. Das Geena Davis Institute on Gender in Media hat diese Frage in Hinsicht der Rolle der Frau in Hollywood-Familienfilmen untersucht: “Der Anteil weiblicher Sprechrollen beträgt in jugendfreien Filmen 32,4 Prozent, in bedingt jugendfrien Filmen 30 Prozent und in Filmen, die erst ab 13 Jahren freigegeben sind, 27,7 Prozent.” In eine ähnliche Richtung geht der sogenannte Bechdel-Test: von der Autorin Alison Bechdel stammt die Forderung, dass “es in einem Film zwei weibliche Figuren geben sollte, die miteinander über etwas anderes sprechen als über einen Mann.” In einer anderen Untersuchung wurde festgestellt, dass in der ersten Star-Wars-Trilogie die Frauen – abgesehen von Prinzessin Leia – einen Redeanteil von 63 Sekunden haben. Bei drei Filmen und insgesamt 386 Filmminuten.

Und trotzdem werden solche Filme nicht als Jungs- oder Männerfilme bezeichnet, sondern als Filme für alle, wohingegen Filme mit einem ähnlich ungleichen aber geschlechtertechnisch gegenteiligen Verhältnis unweigerlich als Mädchen- oder Frauenfilme wahrgenommen würden. Von Männern wird nicht erwartet, dass sie sich in Empathiebekundungen ergehen, sich also mit dem anderen Geschlecht identifizieren – genauso, wie von Weißen nicht verlangt wird, sich mit Menschen anderer Hautfarbe zu identifizieren, was umgekehrt people of color ständig tun müssen. Dominant zu sein heißt: nur sich selbst zu sehen und andere nicht, privilegiert zu sein begrenzt oder verhindert oft die Entfaltung der Vorstellungskraft.

Ebenso lesenswert ist der Essay über eine vom Esquire veröffentlichte Liste mit 80 Büchern, die jeder Mann gelesen haben sollten – 79 davon natürlich selbst von Männern geschrieben. Rebecca Solnit hat einen klugen und vielbeachteten Text darüber geschrieben, was an solchen Listen so schwierig und problematisch ist und warum es eine zweite Liste geben müsste, die 80 Bücher, die keine Frau lesen sollte heißen müsste.

In meiner Reaktion darauf habe ich argumentiert, es gehe nicht darum, dass nur noch von Frauen geschriebene Bücher gelesen werden sollten – obwohl etwas Ausgewogenheit nicht schaden könnte -, aber dass es beim Lesen doch darauf ankomme, die eigene Gender-Rolle (und Hautfarbe, soziale Klasse, sexuelle Orientierung, Nationalität, Begabung, das eigene Alter und den historischen Moment, in dem man lebt) zu erkunden. Und mehr noch, sie zu überschreiten und die Erfahrung zu machen, auch mal jemand anders zu sein.

Ich habe den Essayband zur Hand genommen und in einem Rutsch durchgelesen. Rebecca Solnit schreibt nicht nur klug und scharfsinnig über die Themen, die ihr am Herzen liegen, sondern auch wütend und kraftvoll. Die Texte sind gleichsam Bestandsaufnahmen wie auch Handlungsaufforderungen. In keinem ihrer Essays bleibt sie an der Oberfläche, stattdessen widmet sie sich ausführlich den kulturellen, psychologischen und historischen Gründen dafür, dass so viele Schichten unserer Gesellschaft von Sexismus, Gewalt und Schweigen durchsetzt sind.

Mich hat das Lesen der Essays kraftvoller und mutiger gemacht und mich darin bestärkt, wie wichtig es ist, dass es den Feminismus gibt und wie wichtig es ist, dass alle von uns für mehr Menschlichkeit und mehr Gleichberechtigung kämpfen. Rebecca Solnit sagt, dass Mutigsein und Reden ansteckend sein kann, deshalb werde ich weiterhin versuchen mutig zu sein und über mich zu sprechen – in der Hoffnung, damit zumindest ein klein wenig bewirken zu können. Wenn ich dieses Jahr nur ein Buch empfehlen dürfte, bei dem ich mir wünsche, dass es von so vielen Menschen wie möglich gelesen und verstanden wird, dann dieses hier – bitte lest alle Die Mutter aller Fragen.

Die Aufgabe, die Dinge beim Namen zu nennen, so weit wie möglich die Wahrheit zu sagen, zu wissen, wie wir es bis hierher geschafft haben, jenen zuzuhören, die in der Vergangenheit zu schweigen hatten, zu erkennen, wie Abertausende von Geschichten zusammenpassen und worin sie sich jeweils unterscheiden und jedes uns zuteilgewordene Privileg zu nutzen, um Privilegien aufzubrechen oder auf mehr Menschen umzuverteilen, ist unser aller Aufgabe. So gestalten wir die Welt.

Rebecca Solnit: Die Mutter aller Fragen. Aus dem amerikanischen Englisch von Kirsten Riesselmann. Hoffmann & Campe, Hamburg 2017. 320 Seiten, €20. Linktipp: The Public Voice of Women (wegweisender Essay von Mary Beard), Does Gender Matter (Ben Barres über die Voreingenommenheit gegenüber Frauen).

5 Comments

  • Reply
    Andrea
    January 8, 2018 at 12:49 pm

    Hi Linus, danke für die Rezension. 🙂

    Ich denke nun darüber nach, das Buch einer Freundin zum Geburtstag zu schenken, die viel feministisch liest und sich engagiert. Ich weiß allerdings, dass sie das Thema Vergewaltigung unsicher und unwohl macht, und sie zum Beispiel Roman schwer aushält, wenn solche Szenen detailliert beschrieben werden.

    Würdest Du sagen das Buch ist sachlich distanziert genug, dass es OK ist? Es ist nicht so, dass sie sich gar nicht auseinandersetzen möchte.

    Ich weiß es ist schwer, wenn man den Menschen nicht kennt, aber nun kenne ich nur die Freundin und Du nur das Buch. Vielleicht könntest Du einen Tipp abgeben?

    Vielen Dank!

    • Reply
      Buzzaldrins Bücher
      January 11, 2018 at 8:10 am

      Liebe Andrea,

      puh … das ist natürlich echt schwer einzuschätzen! Es gibt im Buch keine expliziten Beschreibungen von sexueller Gewalt, sie wird thematisiert, aber tatsächlich eher distanziert beschrieben. Menschen sind unterschiedlich, aber ich glaube, dass das Buch Mut machen kann und dabei helfen könnte, eine Sprache und eine Stimme zu finden. Ich würde es ihr schenken!

      Liebe Grüße
      Linus

  • Reply
    Bea
    January 10, 2018 at 2:44 pm

    Lieber Linus, danke für den Buchtipp! Ich habe an anderer Stelle auch schon über ‘Die Mutter aller Fragen’ gelesen und es steht unbedingt auf meiner aktuellen Leseliste: und jetzt noch mehr. Passt auch super zu den Themen, mit denen ich mich beschäftige: das Sprechen (oder Schweigen) von Frauen. Herzliche Grüße durch den heute so dicken Berliner Nebel, Bea

    • Reply
      Buzzaldrins Bücher
      January 11, 2018 at 8:08 am

      Liebe Bea, vielen lieben Dank für deinen Kommentar – ich freue mich, dass dich mein Buchtipp interessiert. In welchem Rahmen beschäftigst du dich denn mit dem Sprechen und Schweigen von Frauen? Das klingt sehr interessant!

      Liebe Grüße
      Linus

  • Reply
    Bea
    January 18, 2018 at 9:31 pm

    Lieber Linus, ich mache Rhetorik Trainings für Frauen und biete Vortrags-Coachings an. Mich beschäftigen dabei vor allem Fragen rund um gendertypische Kommunikation und wie sie kraftvoll eingesetzt werden kann. Wenn ich nicht ganz falsch liege, hast Du mir doch letztens im Buchladen in FH das Buch über Schlagfertigkeit (weitere Recherche für ein Seminar) verkauft! Da kannte ich aber Deinen schönen Blog noch gar nicht; hierauf bin ich erst kurz danach über Indres Interview mit Dir gestoßen. So klein ist Berlin dann doch! Liebe Grüße, Bea

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