Call me by your name – André Aciman

Call me by your name ist die Geschichte eines Sommerflirts, einer Sommerliebe: es ist ein Zufall, der Elio und Oliver aufeinander treffen lässt, beide sind voneinander hingerissen. André Aciman hat einen bittersüßen Roman geschrieben, voller Sehnsucht, aber auch voller Verzweiflung.

Aber was wünschte ich mir eigentlich? Und warum wusste ich nicht, was ich mir wünschte, obgleich ich durchaus bereit war, mir meine Wünsche mit rücksichtsloser Offenheit einzugestehen? Vielleicht war mein bescheidenster Wunsch, von ihm zu hören, mit mir sei alles in Ordnung, ich sei nicht weniger normal als jeder andere junge Mann in meinem Alter. 

Es ist ein bisschen komisch: ich bin von mir selbst überrascht, wie sehr ich Call me by your name mochte. Dieses Buch wirkt auf den ersten Blick wie der Inbegriff eines klassischen Liebesromans. Die Geschichte spielt in einem heißen Sommer, mitten in Italien. Die Sprache ist poetisch, versponnen – manchmal auch etwas kapriziös. Und ein Großteil des Buches kreist um das Innenleben des siebzehn Jahre alten Elios. Eigentlich sind das Bestandteile eines Buches, denen ich nicht viel abgewinnen kann – doch hier ist das anders, die Geschichte von Elio und Oliver, die weit über diesen einen Sommer hinausreicht, hat mich berührt.

Elio ist siebzehn und lebt zusammen mit seinen Eltern. Er ist ein bisschen anders als die anderen Jugendlichen um ihn herum, er liest gerne und ist ziemlich klug. Sein Vater ist Professor, im Sommer stellt er Studenten ein Zimmer im Haus zur Verfügung – zum Arbeiten und Schreiben. In diesem Sommer ist es der Harvard-Absolvent Oliver, der an die Rivera reist, um dort seine Arbeit über Heraklit zu schreiben.

“Später!” Das Wort, die Stimme, die Attitüde. Ich hatte noch nie erlebt, dass sich jemand mit einem “Später!” verabschiedete – kurz, schroff, wegwerfend, als könnte er nur mit Mühe verbergen, wie wenig ihm daran lag, den anderen je wieder zu sehen oder zu sprechen. Es ist das erste, was mir einfällt, wenn ich an ihn denke, und ich habe es bis heute im Ohr: “Später!”.

Call me by your name enthält alle Bestandteile einer klassischen Liebesgeschichte, aber die Geschichte, die Aciman erzählt, reicht viel tiefer: von der ersten Begegnung an, gibt es zwischen Elio und Oliver – der sieben Jahre älter ist – eine schmerzhafte Spannung. Elio ist fast schon obsessiv in Oliver verliebt: er sucht seine Nähe, er möchte ihn berühren, er möchte von ihm berührt werden. Stellenweise verzweifelt er selbst an seiner Sehnsucht, an seinen Wünschen, an seinen Bedürfnissen. Warum begehrt er einen Mann? Warum begehrt er es von einem Mann berührt zu werden.

An einer Stelle im Buch sucht sich Elio eine Freundin – er liebt sie nicht so, wie er in Oliver verliebt ist, aber vielleicht braucht er sie, um sich ein bisschen “normaler” zu fühlen. Oliver verhält sich ambivalent, manchmal flirtet er scheinbar, dann ist er wiederum eiskalt – auch Oliver hat die eine oder andere Begegnung mit einer Frau.

“Ich hätte mir niemals vorstellen können, dass jemand, der unter unserem Dach lebte, der mit meiner Mutter Karten spielte, an unserem Tisch frühstückte und zu Mittag aß, freitags nur so aus Spaß den hebräischen Segen sprach, in einem unserer Betten schlief, unsere Handtücher benutzte, unsere Freunde zu seinen Freunden machte, an Regentagen mit uns Fernsehen guckte, wenn wir im Wohnzimmer alle miteinander unter einer Decke saßen, der Kälte wegen, und es so gemütlich war, dem Regen zu lauschen, der an die Fenster schlug – dass jemand in meiner unmittelbaren Umgebung genau das mochte, was ich mochte, das begehrte, was ich begehrte, das war, was ich war. Ich hätte es mir niemals vorstellen können, weil ich mich allem, was ich in Büchern gelesen, Gerüchten entnommen und aus schlüpfrigen Reden aufgeschnappt hatte, noch der Illusion hingab, es sei wohl undenkbar, dass jemand in meinem Alter den Wunsch haben könnte, zugleich Mann und Frau – bei Männern und Frauen – zu sein.”

Call me by your name ist keine “schwule” Liebesgeschichte – André Aciman beschreibt Begehren und Anziehung zwischen zwei Männern, die nicht ausschließlich auf Männer stehen, sondern auch auf Frauen (“Wollte ich sein wie er? Wollte ich er sein? Oder wollte ich ihn nur haben?”). Das Wort bisexuell fällt an keiner Stelle, aber es ist offensichtlich. Am Ende des Buches ist Elio ein erwachsener Mann, der auf ein Leben zurückblickt, in dem er sich sein Bett sowohl mit Männern als auch mit Frauen geteilt hat. Ich glaube, dass es diese Art der Repräsentation viel zu selten gibt – umso wichtiger ist dieses Buch.

André Aciman erzählt die bewegende, traurige und mitreißende Geschichte einer Sommerromanze und verhandelt dabei wichtige Fragen: Wer bin ich? Wer darf ich sein? Wen liebe ich? Wen darf ich lieben? Es fühlte sich für mich so an, als würde ich diesen heißen Sommer gemeinsam mit Elio und Oliver verbringen, nachdem ich fertig gelesen hatte, fehlten mir die beiden und diese ganz besondere Atmosphäre in der italienischen Rivera. Eine Leseempfehlung!

André Aciman: Call me by your name. Aus dem amerikanischen Englisch von Renate Orth-Guttmann. dtv Verlag, München 2018. 10,90€, 285 Seiten. Weitere Rezension bei QueerBuch.

4 Comments

  • Reply
    Livia
    May 19, 2020 at 8:43 pm

    Hach, danke Linus

    Deine tolle Rezension hat mich gleich wieder in meine Teenagerzeit reisen lassen und ich erinnere mich noch so gut an die Stimmung und sogar an meine Gefühle, die mich beim Lesen genau dieser von dir zitierten Zeilen beschlichen haben. Seitdem ich dieses Buch gelesen habe, klingt “später” für mich anders und auch wenn einige Menschen die Sprache als ein wenig zu schwer und gewollt empfanden, so sind es meiner Meinung nach eben genau diese Worte, welche sich wie die Hitze des beschriebenen Sommers – wie ein feiner Schweissfilm, die dicke, schwüle Luft – auf den Leser legen, und dieses Buch so besonders machen.

    Ich habe den Film bisher nicht gesehen, aber ich hätte mir für dieses Buch eine französische, verboten erotische, verwegen flirrende und doch nie anrüchige Verfilmung gewünscht.

    Alles Liebe
    Livia

    • Reply
      Mara
      June 2, 2020 at 7:07 am

      Hallo Livia, keine Angst vor dem Film – er hat mindestens alles, was Du Dir von einer französischen Verfilmung wünschst, und noch mehr! Unglaublich schön photographiert, sehr langsam, extrem stimmungsvoll. Luca Guadagnino ist ein Genie und hat genau diese Traumwelt aus Verlangen, Angst vor der eigenen Courage und tiefer Erfüllung sehr sensibel eingefangen. Und alle Rollen sind so perfekt besetzt. Ich liebe zum Beispielt die Eltern… Trau Dich, Du wirst nicht enttäuscht sein!

  • Reply
    Pride Month 2020 - meine Buchempfehlungen
    June 1, 2020 at 1:39 pm

    […] mehr Info: dtv Verlag. […]

  • Reply
    Mara
    June 2, 2020 at 7:01 am

    Danke für diese schöne Rezension, Linus! Ich kann’s verstehen, wenn Du erst skeptisch warst, aber “Call me by your name” ist so viel mehr als eine Sommerromanze. Ich würde sogar so weit gehen, zu sagen, dass Aciman ein enorm wichtiges Buch geschrieben hat: nicht nur über’s Begehren und die Liebe, sondern über Bisexualität. Elio ist in diesem prägenden Sommer verwirrt und verunsichert, findet aber offensichtlich im Lauf der nächsten fünfzehn Jahre raus, dass er einfach Männer und Frauen mag. Ich kenne so wenig Bücher, in denen Bi-Sein thematisiert wird oder mehr als ein Experiment ist.
    Und davon abgesehen ist der Roman eine der schönsten Fassungen von “Erster Liebe” mit allem, was das Herz begehrt. Auch wenn einen der sexuelle Kontext nicht zu sehr interessiert, ist es eine lyrische Ode über Verlangen, Verzweiflung, Erfüllung, die eigentlich jeden von uns ansprechen kann. Und an die eigene verwirrte erste Liebe erinnert.

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