Sommer in Maine – J. Courtney Sullivan

J. Courtney Sullivan lebt als Autorin und Journalistin in New York und arbeitet unter anderem für The New York Times, Chicago Tribune, Elle und Men’s Vogue. Die Autorin betreibt eine eigene Homepage.

Es sind die Sommermonate, die die Familie Kelleher in ihrem Ferienhaus in Maine verbringt. Mittlerweile haben sie bereits die Sommer von sechs Jahrzehnten dort verbracht. Das Oberhaupt der Familie ist Alice, bei der nur die “verflixten Falten” auf die Tatsache hindeuten, dass sie bereits dreiundachtzig Jahre alt ist. Ihren Mann Daniel hat sie bereits vor einigen Jahren beerdigen müssen, nachdem er an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankte. Patrick, Kathleen und Clare – ihre drei Kinder – kommen aber immer noch jeden Sommer vorbei, um Maine einen Besuch abzustatten. Es gibt kaum einen Monat im Sommer, in dem das Haus nicht angefüllt ist mit Kindern und Enkelkindern, Cousinen und Cousins.

“Was da vor ihnen lag, war wie aus einem Märchenbuch: Ein sandiger Weg schlängelte sich durch einen Tunnel  aus üppigen Pinien, und als sie an seinem Ende ankamen, glitzerte vor ihnen das Meer in der Sonne. Es hob sich dunkelblau gegen einen kleinen Sandstrand ab, der die felsige Küste unterbrach.”

Das Strandhaus in Maine ist ein Paradies, würden sich nur die Frauen der Familie besser verstehen. J. Courtney Sullivan richtet ihren Blick auf vier Frauen der Familie Kelleher, neben der Perspektive von Alice werden die Kapitel auch aus der Sicht von Kathleen, Maggie und Ann Marie erzählt. Alice und ihre Tochter Kathleen haben ein schwieriges Verhältnis, das von einem eisigen Schweigen und unausgesprochenen Vorwürfen geprägt ist. Kathleen hat zwei Kinder, Maggie und Chris sind aus einer schwierigen Ehe heraus entstanden. Erst, als Kathleen sich von ihrem Mann trennt und den Anonymen Alkoholikern beitritt, beruhigt sich ihr Leben etwas. Damit ist sie die erste aus der Familie Kelleher, deren Ehe scheitert und die offen zu gibt, ein Problem mit Alkohol zu haben. Mit ihrem neuen Freund Arlo lebt Kathleen am anderen Ende von Amerika und betreibt dort eine Wurmfarm.

“Wenn jemand sie nach ihrem Beruf fragte, antwortete Kathleen, dass Arlo und sie einen Biokompostbetrieb führten, und hoffte, dass keine Nachfrage kam. Im Klartext hieß das, dass sie unter anderem Würmer und Sprühdünger, auch bekannt als Wurmcocktail, an Gärtnereien in ganz Kalifornien verkauften.”

Ihre Tochter Maggie ist mittlerweile erwachsen, sucht aber immer noch nach ihrem Platz im Leben. Lange Zeigt glaubte sie, diesen mit ihrem Freund Gabe endlich finden zu können, doch dann muss sie einsehen, dass dieser Traum keine Zukunft hat. Ann Marie führt das scheinbar perfekte Leben: sie ist die Schwägerin von Alice und ihr Mann Patrick ist derjenige der Familie, der es mit Abstand am Weitesten gebracht hat. Patrick verdient genug, um Ann Marie ein Leben als Hausfrau und Mutter zu ermöglichen. Ihre Freizeit verbringt sie mit dem Bau von Puppenhäusern, doch in letzter Zeit muss sie feststellen, dass ihr Leben nicht ganz so perfekt ist, wie es eigentlich scheint.

“Seit Daniels Tod hielt nichts die Familie zusammen. Sie hatten sich voneinander entfernt, und irgendwann hatte Alice bemerkt, dass sie plötzlich nicht mehr die Matriarchin und weise, ordnende Herrin war, sondern die alte Dame, um die man sich kümmern musste, bevor man sich den schönen Dingen des Tages zuwenden konnte.”

Es ist ein Zufall, der alle vier Frauen in diesem Sommer gemeinsam in das Haus nach Maine führt und damit Menschen vereint, die lange glaubten, keine Gemeinsamkeiten zu haben. Doch alle vier tragen ein Geheimnis mit sich herum und fürchten sich vor dem, was passieren könnte, wenn dieses enttarnt werden könnte.

“Kathleens Mutter hatte nie begriffen, wie wichtig es war, schmerzhafte Erfahrungen zu teilen. Nicht ihrer selbst willen, sondern zum Wohle anderer. Wenn Alice ihren Alkoholismus nicht versteckt, sondern darüber gesprochen hätte – darüber, wie er sie kaputtmachte und darüber, dass sie seinetwegen sich und ihre drei Kinder in Lebensgefahr gebracht hatte -, wäre Kathleen vielleicht nicht Jahre später in denselben Dreck gerutscht.”

Die Kapitel werden abwechselnd aus der Perspektive der vier Frauen erzählt. Mit sehr viel Gespür und Feingefühl zeichnet J. Courtney Sullivan diese Frauenporträts, die geprägt sind von einer tiefgreifenden Einsamkeit, von Verzweiflung und Traurigkeit. Das Leben der vier Frauen wird überschattet von Geheimnissen, die riesengroß und unaussprechlich erscheinen. Alice ist diejenige, die ihres am längsten bewahrt hat – fast ein ganzes Leben lang vertraut sie sich niemandem an. Doch auch Ann Marie trägt ein Geheimnis mit sich herum, das sie nicht aussprechen kann, um ihre kleine perfekte Welt nicht ins Wanken zu bringen. Das Zusammentreffen der vier Frauen führt dazu, dass einige dieser Geheimnisse endlich offen auf den Tisch kommen.

“Wo waren ihre Kinder in diesem Augenblick? Waren sie angeschnallt? Glaubten sie noch an Gott? Wussten sie, wie man einen Haushalt führte und auch warum? Hatte sie genug für sie getan? Konnte eine Mutter je genug für ihre Kinder tun?”

Übersetzt wurde dieser breit angelegte Familienroman, der an das Werk von Jonathan Franzen erinnert, von der gebürtigen Berlinerin Henriette Heise. Mit sehr viel Liebe zum Detail präsentiert uns die Autorin das Schicksal von vier ganz unterschiedlichen Frauen, die durch unsichtbare Bande dennoch miteinander verbunden sind. Die Lebensgeschichten der Frauen, die eine Zeitspanne von beinahe sechzig Jahren umfassen, sind jedoch nicht nur als Einzelschicksale zu lesen, sondern stehen für ganze Frauengenerationen. J. Courtney Sullivan zeigt an den Lebensläufen von Alice, Maggie, Kathleen und Ann Marie, wie sich die Situation der Frau in den letzten Jahrzehnten gewandelt und verändert hat. Der Roman lässt sich nicht nur als Familienroman lesen, sondern auch als feministischer und zeitgeschichtlicher Roman.

J. Courtney Sulliven tritt mit “Sommer in Maine” in die Fußstapfen der großen amerikanischen Literatur und beweist ein außerordentliches Talent zum Erzählen sowie eine feine Beobachtungsgabe. “Sommer in Maine” ist eine wunderbare Lektüre, die sich durch eine feine Balance zwischen Schwere und Leichtigkeit, Ernsthaftigkeit und Humor auszeichnet – ein wahrer Lesegenuss.

11 Comments

  • Reply
    dasgrauesofa
    May 6, 2013 at 10:15 am

    Liebe Mara,
    das ist ja nun der zweite Roman, der allein wegen der (Traum-)Umgebung und der Jhareszeit neugierig auf die Geschichte macht. Vielen Dank für das mal wieder ausführliche Vorstellen!
    Viele Grüße, Claudia

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      May 7, 2013 at 2:10 pm

      Liebe Claudia,
      ich muss gestehen, dass meine Erwartungen vor der Lektüre nicht all zu hoch war. Eigentlich wollte ich das Buch nur schnell hinter mich bringen. 😉 Doch dann hat es mich rettungslos mitgerissen und unheimlich tief beeindruckt. Ich hoffe, dass du es vielleicht auch lesen wirst, weil ich sehr gespannt wäre, ob es anderen genauso gut gefallen wird, wie mir.
      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    wildganss
    May 7, 2013 at 11:00 am

    Das wird ein Buch fürs Ferienhäuschen!

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      May 7, 2013 at 1:46 pm

      Klingt schön! 🙂 Ich habe beim Lesen ganz große Sehnsucht bekommen nach Meer, Sonne und einem kleinen Ferienhäuschen!

  • Reply
    haushundhirschblog
    May 7, 2013 at 8:13 pm

    Herzlichen Dank, liebe Mara.
    Wieder einmal eine ganz hervorragende Besprechung, die uns mehr als neugierig auf diese amerikanische Autorin gemacht hat.
    Dass ich immer wieder noch so sehr dazu neige, deutschsprachige Autorinnen und Autoren zu lesen und zu favorisieren, lässt sich vermutlich nicht so leicht erklären und ändern …

    Aber ich bin für jede gute Anregung dankbar,
    Dir heute,
    herzliche Grüße, mb

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      May 10, 2013 at 3:01 pm

      Liebe mb,
      ich freue mich sehr über deinen Kommentar, vor allem auch darüber, dass ich dich für eine amerikanische Autorin begeistern konnte, auch wenn du lieber zu deutschsprachigen Büchern greifst. Lange Zeit habe ich übrigens fast nur amerikanische Literatur gelesen und die deutschen Autoren und Autorinnen etwas stiefmütterlich behandelt. Geändert hat sich das erst im letzten Jahr und was durfte ich für tolle Entdeckungen machen! 🙂

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    Karo
    May 8, 2013 at 8:30 am

    Ich oute mich jetzt mal als großer Fan der englischsprachigen Frauenromane à la Judith Lennox und Maeve Binchy. Sullivans Roman scheint ja auch alles wichtige zu haben: Großartige Kulissen, kleine und große menschliche Tragödien und vier Charaktere, mit denen sich jede Leserin irgendwie identifzieren kann. Danke also, Mara, für diesen Tipp!

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      May 10, 2013 at 2:59 pm

      Liebe Karo,
      was für ein interessantes Outing, Karo! 😉 Von Judith Lennox und Maeve Blinchy habe ich bisher noch nichts gelesen – die Cover haben mich irgendwie immer etwas abgeschreckt. Durch Sommer in Maine bin ich nun aber absolut auf den Geschmack gekommen, da mich die Geschichte absolut mitgerissen hat. Ich werde mich also vielleicht doch noch mal an Judith Lennox versuchen. 😉
      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    Sommerbücher und Urlaubslektüre | buzzaldrins Bücher
    June 22, 2013 at 5:45 pm

    […] J. Courtney Sullivan: Sommer in Maine […]

  • Reply
    Lesesommer 2014 - Buzzaldrins Bücher
    August 22, 2014 at 8:54 am

    […] persönlicher Lesetipp für die letzten Sommertage ist der Roman Sommer in Maine von J. Courtney Sullivan – eine großartige Sommerlektüre mit genau der richtigen Mischung […]

  • Reply
    Sommerliche Lesetipps! | Buzzaldrins Bücher
    July 18, 2015 at 10:24 pm

    […] wunderbar, wie Thomas Montasser darüber schreibt, dass Literatur unser Leben verändern kann. Sommer in Maine von J. Courtney Sullivan ist für mich der Inbegriff von Sommerlektüre – das Buch gibt es […]

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