James Salter: ein literarisches Comeback!

James Salter1

Es sind beinahe 30 Jahre, die sich James Salter Zeit ließ, bevor er mit mittlerweile 88 Jahren einen weiteren Roman veröffentlichte. “Alles, was ist”, aus dem Englischen übersetzt von Beatrice Howeg, sorgte bereits in Amerika für Furore und wird seit vergangener Woche auch hierzulande in größeren Stapeln in den Buchhandlungen ausgelegt und in den Feuilletons besprochen. Diese Entwicklung ist erstaunlich, denn bis zu seinem literarischen Comeback galt James Salter vorwiegend als literarischer Geheimtipp, als ein sogenannter “writer’s writer”, der von seinen Kollegen und Kolleginnen zwar gelesen und geschätzt, aber in der breiten Öffentlichkeit nicht rezipiert wurde. Die Erstausgabe von “Lichtjahre” verkaufte sich lediglich siebentausend Mal, andere Bücher verschwanden mit den Jahren aus den Regalen und waren nicht mehr lieferbar.  “Alles, was ist” erfährt nun einen großen internationalen Erfolg und damit erlebt James Salter etwas, das vielen seiner Kollegen – ich muss vor allen Dingen an den Schriftsteller Richard Yates denken – verwehrt wurde: den späten Ruhm und eine Form der Wiederentdeckung und all dieses noch zu Lebzeiten.

James Salter wurde 1925 geboren und diente nach einem Studium an der Militärakademie von 1945 bis 1957 in der amerikanischen Luftwaffe. Seine Erfahrungen als Kriegspilot haben sein literarisches Werk maßgeblich geprägt und beeinflusst – diesen Einfluss sieht man am deutlichsten in seinem Roman “Cassada”, aber auch in seiner Autobiographie “Verbrannte Tage”.

“Es gibt Menschen, die unzerstörbar sind, unerschütterliche Staffelführer und ihre besten Gefolgsleute; Mechaniker, die mit tauben Fingern in der Kälte arbeiten; düstere Colonels mit von Schlafmangel geröteten Augen – sie alle haben eins gemeinsam: Sie sind die Deiche, die gegen Ziellosigkeit und Gleichgültigkeit stehen, die das dunkle Wasser zurückhalten, das sonst alles überfluten würde.”

Meine erste Begegnung mit James Salter fand an einem schäbigen Büchertisch mit bunt zusammengewürfelten Mängelexemplaren statt. Ich griff in die Kiste und hatte den Roman “Lichtjahre” in der Hand – weder Autor noch Titel sagten mir etwas, doch irgendeine mysteriöse Kraft zog mich zu dem Buch hin, so dass es in meiner Büchertasche landete und den Weg zu mir nach Hause fand. “Lichtjahre” ist die Geschichte von Nedra und Viri, einem Paar, das zwar noch zusammenlebt, doch in diesem Zusammensein schon lange nicht mehr glücklich ist. Beide kommen aus einer besser gestellten Schicht, doch in dem Versuch, zusammenzuhalten, was nicht mehr zusammengehört, verlieren sie jeglichen Anstand und jegliche Moral.

“Und er ließt ihnen vor, wie jeden Abend, als würde er sie begießen, als würde er die Erde zu ihren Füßen umgraben. Es gibt Geschichten, von denen er selbst noch nie gehört hat, und andere, die er schon als Kind kannte, diese Treppen, die für jeden da sind. Was ist die eigentliche Bedeutung dieser Geschichten, fragt er sich, dieser Wesen, die es nicht einmal mehr in unserer Vorstellung gibt: Prinzen, Holzfäller, ehrbare Fischer, die in Hütten leben? Er will, dass seine Kinder ein altes und ein neues Leben haben, ein Leben, das untrennbar mit allen vergangenen Leben verbunden ist, das aus ihnen erwächst, das über sie hinausgeht, und ein anderes, das neu, rein und frei ist, das weiter reicht als das uns schützende Vorurteil, die Gewohnheit, die uns Form verleiht. Er will, dass sie sowohl Entbehrung als auch Heiligkeit kennen, die eine ohne Erniedrigung, die andere ohne Unwissenheit. Er bereitet sie auf diese Reise vor. Es ist, als hätte er nur eine Stunde Zeit, und in dieser Stunde muss aller Proviant gepackt, aller Rat erteilt sein. Er sehnt sich nach dem einen Satz, den er ihnen mitgeben kann, an den sie sich immer wenden, der alles umschließt, der den Weg weisen wird, aber er kann den Satz nicht finden, er kann ihn nicht erkennen. Er weiß, er ist kostbarer als alles, was sie jemals besitzen könnten, aber er hat ihn nicht.”

In diesem Roman, der im Original bereits 1975 erschien, zeigt James Salter all sein Können: prosaisch, poetisch und doch gleichzeitig kühl und mit wenigen Worten die Charaktere analysierend und sezierend. Nach “Lichtjahre” habe ich mich mit Begeisterung und viel Vergnügen an der großartigen Sprache durch das restliche Werk von James Salter gelesen: über seine Memoiren (“Verbrannte Tage”) und eine Bergsteigergeschichte (“In der Wand”) bis hin zu einem erotischen Roman (“Ein Spiel und ein Zeitvertreib”). Nicht weniger beeindruckend sind die gesammelten Kurzgeschichten (“Letzte Nacht”).

Salter Collage

James Salter steht in einer Reihe mit den großen amerikanischen Autoren John Updike, Saul Bellow und Philip Roth und hat sich mit seinem neuen Roman “Alles, was ist” möglicherweise sogar aus dieser Reihe heraus- und emporgeschrieben. Er ist bereits ein weit hin anerkannter Autor gewesen, doch nun wird er vielleicht im hohen Alter endlich auch ein berühmter Autor – ich würde mich für ihn freuen und freue mich bereits darauf, euch seinen neuen Roman vorzustellen!

Wer James Salter noch nicht kennen sollte, kann ihn in diesem Video treffen und kennen lernen. 🙂

20 Comments

  • Reply
    Karthause
    September 17, 2013 at 12:16 pm

    Du machst mich wirklich neugierig. Von Salter habe ich noch nichts gelesen. Das soll sich ändern.

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      September 17, 2013 at 12:26 pm

      Wenn du noch nichts von Salter gelesen hast, dann gibt es ganz vieles, auf das du dich freuen kannst – “Lichtjahre”, aber auch seinen neuen Roman “Alles, was ist”, kann ich dir nur wärmstens ans Herz legen. 🙂

    • Reply
      Xeniana
      September 17, 2013 at 12:49 pm

      Oh ich bin auch neugierig geworden…

      • Reply
        buzzaldrinsblog
        September 17, 2013 at 12:51 pm

        Oh, ich freue mich! 🙂 Mir geht es immer so, dass ich den Wunsch habe missionieren zu gehen, wenn mir ein Autor ganz besonders gut gefällt!

  • Reply
    ODudek
    September 17, 2013 at 1:58 pm

    Ich habe bis auf die Erzählungen alles von Salter gelesen (allerdings lange her) und habe das neue Buch sofort bestellt. Nach dem Regener werde ich dann auch gleich damit anfangen.

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      September 17, 2013 at 5:17 pm

      Oh Oliver, toll, dass du auch ein Fan von James Salter bist, wenn man das so sagen mag – die Erzählungen von Salter sind ebenso empfehlenswert wie die Romane, solltest du dir also mit der Lektüre noch einmal überlegen. Ich habe “Alles, was ist” gerne gelesen, mehr dazu in meiner morgigen Besprechung und ich bin schon ganz gespannt, wie es dir gefallen wird.

  • Reply
    Letzte Zeilen 1 – James Salter – Lichtjahre | A Readmill of my mind
    September 17, 2013 at 5:37 pm

    […] Und hier buzzaldrins Kritik des neuen Buches von James Salter: Alles was ist – All that is […]

  • Reply
    seitengeraschel
    September 17, 2013 at 6:06 pm

    Ich habe “Ein Spiel und ein Zeitvertreib” gelesen, das wurde nämlich bei “Zirkuskind” von John Irving mehrfach erwähnt. Das hat mir ganz gut gefallen. Danke für den interessanten Beitrag! Ich bin auch neugierig geworden. 🙂

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      September 19, 2013 at 1:58 pm

      Oh toll, ich finde solche literarischen Querverweise immer genial … ich habe auch schon ganz viele Bücher gelesen, die in Büchern erwähnt wurden. So habe ich zum Beispiel überhaupt erst Richard Ford für mich entdeckt. 🙂 Das neue Buch von James Salter kann ich dir nur empfehlen! 🙂

  • Reply
    Eva Jancak
    September 18, 2013 at 7:50 am

    Vielen Dank für die Empfehlung, ich bin ja nicht so ein großer Fan, der großen Amerikaner, habe in meinem Katalog aber nachgesehen und bin darauf gekommen, daß ich “Dusk and other stories” einmal im Schrank gefunden haben und mich offenbar angesprungen hat, weil ich den Namen schon gespeichert hatte, etwas worauf ich ja sehr anspreche. Jetzt muß ich das Buch noch auf meine Leseliste setzen, denn ich bin ja allgemein interessiert, wenigstens einen Überblick über das Literaturgeschehen zu bekommen und zu behalten.

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      September 19, 2013 at 2:02 pm

      Liebe Eva,

      ach, einen klitzekleinen Überblick über das Literaturgeschehen zu bekommen – diesen Versuch habe ich schon lange aufgegeben. Dann erscheinen schon wieder irgendwelche Preislisten, von denen ich gar keinen Titel kenne … 😉 Ich lese einfach das, was mir gefällt und das neue Buch von James Salter hat mir ausgesprochen gut gefallen, genauso wie seine andere Titel. Ich kann dir alles von ihm, auch seine Kurzgeschichten, nur uneingeschränkt ans Bücherherz legen.

      🙂

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    perlengazelle
    September 18, 2013 at 9:00 am

    Ich liebe die Amerikaner. Besonders Updike, Yates … Deshalb danke für die Vorstellung von Salter, von dem ich bisher noch nichts gelesen habe. Verspricht spannende Lektüre!

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      September 19, 2013 at 1:56 pm

      Yates liebe ich auch, nur Updike habe ich bisher immer noch nicht für mich entdecken können – ich hoffe darauf, dies bald zu ändern. 🙂 Falls du dich entscheiden solltest, etwas von James Salter zu lesen, wünsche ich dir ganz viel Vergnügen. Er ist ein wahrer Großmeister!

  • Reply
    Silberdistel
    September 18, 2013 at 9:54 am

    Eine interessante Empfehlung. Ich muss gestehen, ich habe bisher auch noch nichts von Salter gelesen. Vielleicht sollte ich endlich einmal damit anfangen. Danke für diesen Tipp.
    Liebe Grüße von der Silberdistel

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      September 19, 2013 at 1:55 pm

      Liebe Silberdistel,

      gern geschehen, ich freue mich, dass ich hier endlich einmal die Möglichkeit habe, Menschen mit meiner Begeisterung anzustecken – gezwungenermaßen, aber vielleicht auch mit einem längeren Effekt. Ich würde mich sehr freuen, falls du Salter für dich entdecken solltest, denn er ist ein Schriftsteller, den ich wirklich sehr schätze.

      Ganz liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    nweiss2013
    June 4, 2014 at 5:58 pm

    Liebe Mara,
    ich habe das Buch mit etwas Verzögerung gelesen und fand, daß es sich gelohnt hat. Ein durchaus empfehlenswertes Buch mit Stil und Klang.
    http://notizhefte.wordpress.com/2014/05/04/so-wie-sterne-schwerkraft-haben-james-salters-roman-lichtjahre/

    • Reply
      buzzaldrinsblog
      June 6, 2014 at 1:23 pm

      Ich freue mich, dass du meinen Eindruck teilst – ich bin eine große Verehrerin Salters und freue mich, dass er ein wenig wiederentdeckt wurde mit seine neuen Roman, auch wenn mir Lichtjahre von ihm am besten gefällt! 🙂

  • Reply
    Jäger - James Salter - Buzzaldrins Bücher
    December 19, 2014 at 10:10 am

    […] Jahre sollte es dauern, bis im vergangenen Jahr endlich wieder ein Roman von James Salter erschien, Alles, was ist  habe ich  als große und großartige Geschichte in Erinnerung. Nun […]

  • Reply
    James Salter: Eine Leseeinladung | Buzzaldrins Bücher
    June 21, 2015 at 4:50 pm

    […] ist James Salter gestorben. Er ist erst vor kurzem neunzig Jahre alt geworden und hatte immer davon geträumt, so […]

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