Jäger – James Salter

Beinahe 30 Jahre sollte es dauern, bis im vergangenen Jahr endlich wieder ein Roman von James Salter erschien, Alles, was ist  habe ich  als große und großartige Geschichte in Erinnerung. Nun legte der Berlin Verlag nach und veröffentlichte in diesem Herbst den Debütroman Jäger, der im Original bereits 1956 erschien. Jäger ist ein eindrücklicher Roman über den Krieg, der in der Luft geführt wird.

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Er bewegte sich allein gegen den Strom. So war es immer gewesen, überlegte er, das Gefühl, zu spät zu kommen, nachdem alles vorüber war.

Geschrieben wurde Jäger bereits 1956, kurz nach dem Ende des Koreakriegs. James Salter war damals selbst für mehrere Monate als Kampfpilot im Kriegseinsatz gewesen, stationiert an der Kimpo Air Base in Korea. Aus dem Tagebuch, das er damals geführt hat, entstand der vorliegende Roman und man kann davon ausgehen, dass  in dem, was die Hauptfigur Cleve Connell erlebt, viel von den Erfahrungen, Gefühlen und Gedanken des Autors stecken.

Und er hatte den Punkt erreicht, an dem ihn ein Gefühl von verlorener Zeit beschlich. Das ständige Zählen künftiger Tage, mit denen er früher so verschwenderisch umgegangen war. Er merkte, dass er zu oft an unglückliche Ereignisse dachte. Er dachte daran, dass er nicht sterben wollte, was etwas anderes war als der Wunsch zu leben. Es war eine düstere Krankheit, ein Zwang, der am Ende die Seele zersetzen konnte.

James Salter schildert in seinem Roman in nüchternen Worten den Alltag des Krieges aus der Perspektive eines Kampfpiloten. Cleve Connell ist einunddreißig Jahre alt, als er nach Korea kommt. Er ist zuvor sieben Jahre lang für die Air Force geflogen, hat viel Erfahrung und die Erwartungen, die die anderen an ihn richten, sind groß. Die Welt der Kampfpiloten ist eine harte Welt, unnachgiebig und ohne Mitleid. Wieviele gegnerische Flugzeuge abgeschossen werden ist das Einzige, was in dieser Welt zählt. Rücksicht nimmt man dabei weder auf sich selbst noch auf seine Kameraden. Schnell fühlt Cleve sich in seinem neuen Leben in Korea zu Hause und seine immer gleichen Tage werden einzig und allein davon bestimmt, in die Luft zu steigen und andere Flugzeuge abzuschießen. Tage, an denen er auf dem Boden bleiben muss weil das Wetter zu schlecht ist, sind verlorene Tage. James Salter beschreibt einen schrecklichen Krieg, der von jungen Männern geführt wird, die vergessen zu haben scheinen, dass der Krieg kein Spiel ist und dass sie mit ihren Flugzeugen über Menschenleben entscheiden können.

Es gibt eine Handvoll Männer, die weiter gehen als alle anderen. Und wenn man dazugehört, dann ist das so. Dann gibt es keinen anderen Weg. Wenn du mich also noch meinem Ziel fragst, dann ist es das. Nicht zu scheitern.

James Salter erzählt von Konkurrenz, Sehnsucht, Neid und Verrat und er beschreibt, wie Cleve Connell an all dem zerbricht, denn anders, als alle erwarten, wollen Cleve einfach keine Abschüsse gelingen. Die Sehnsucht nach dem ersten Abschuss und die Verzweiflung angesichts der Tatsache, dass seine Kameraden Flugzeug um Flugzeug abschießen, überwältigt Cleve irgendwann.

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James Salter, vor einem Einsatz als Kampfpilot

In Jäger geht es jedoch nicht nur um Männergetue und Kriegshelden, zwischen den Zeilen dringt James Salter noch tiefer in die Köpfe seiner jungen Helden ein – auf lakonische Art und Weise aber auch mit viel Mitgefühl. Sprachlich befindet sich der Roman, typisch für James Salter, auf sehr hohem Niveau und genau da, zwischen den Zeilen, geht es eben auch um die dunklen Schattenseiten des Krieges: um die Verzweiflung und Einsamkeit, um die Angst um das eigene Leben und den Verlust jeglicher Menschlichkeit, die irgendwo in den Kriegsmaschinerien verloren geht.

In einer Staffel zu sein war wie der Abriss eines ganzes Lebens. Man war ein Kind, wenn man eintrat. Es gab endlose Möglichkeiten, und alles war neu. Nach und nach, fast unbemerkt, zogen die Tage der schmerzlichen Lehre und Freuden an einem vorbei; man erreichte das Mannesalter; und dann plötzlich war man alt, zwischen neuen Gesichtern und Beziehungen, die man nicht verstand, die stetig um einen wuchsen, bis man sich schließlich in ihrer Mitte nicht mehr willkommen fühlte; die Männer aber, die man gekannt, mit denen man gelebt hatte, waren verschwunden, und der Krieg kaum mehr als die Erinnerung an Zeiten, die man mit niemandem mehr teilen konnte.

James Salter legt mit Jäger einen einfühlsamen Roman vor, dem es gelingt, auf hohem sprachlichem Niveau alle Facetten des Krieges einzufangen: das heroische Männergehabe, aber auch die dunklen Schattenseiten. Die Schilderungen der Kampfhandlungen in der Luft sind von einer beeindruckenden Intensität, genauso wie die Beschreibungen der einsamen und traurigen Stunden, die jeder Pilot mit sich allein verbringt, denn wer zu viel Schwäche zeigt, fällt heraus aus der Gemeinschaft. Jäger ist im Original vor sechzig Jahren erschienen, doch bis heute hat der Roman nichts von seiner Aktualität eingebüßt: ein Krieg ist kein Spiel, sondern bitterer Ernst, der geprägt ist von schrecklichen Verlusten auf beiden Seiten.

10 Comments

  • Reply
    jancak
    December 19, 2014 at 11:45 am

    Da habe ich mir doch letzten Winter die “Lichtjahre” um drei Euro gekauft und werde es heuer nicht mehr zu lesen schaffen.Dafür habe ich in meinen Regalen “Dusk and other stories” jetzt doch gefunden. Alles Liebe und schöne Weihnachten, wenn wir nichts mehr voneinander lesen sollten!

    • Reply
      Mara
      December 21, 2014 at 3:10 pm

      Liebe Eva,

      wie schön von dir zu lesen, nachdem ich das Gefühl hatte, schon länger nichts mehr von dir gelesen zu haben. “Lichtjahre” ist wohl mein Lieblingsbuch von Salter, ich hoffe, du findest im kommenden Jahr Zeit für die Lektüre, aber so ist das wohl mit den Leselisten … 😉 Auch ich wünsche dir und deiner Familie wunderbar erholsame Weihnachten und Feiertage und hoffe darauf, dass wir uns im kommenden Jahr wiederlesen werden.

      Liebe Grüße
      Mara

      • Reply
        jancak
        December 21, 2014 at 4:10 pm

        Gibt es alles im Literaturgeflüster und natürlich in den Büchern

  • Reply
    Isa Schikorsky
    December 19, 2014 at 1:52 pm

    Danke für den Tipp. Ich schätze James Salter sehr und habe viel von ihm gelesen. Das Thema von “Jäger” interessiert mich nicht so sehr, aber die Besprechung macht doch neugierig.

    • Reply
      Mara
      December 21, 2014 at 3:03 pm

      Liebe Isa,

      auch ich schätze Salter sehr und bin, seitdem ich vor vielen Jahren “Lichtjahre” gelesen habe, ein großer Fan. Auch ich lese Kriegsromane nicht unbedingt gerne und doch ist der Luftkrieg ja ein Thema, das bei Salter immer wieder auftaucht. Hast du auch seine Biographie “Verbrannte Tage” gelesen?

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    zeilentiger
    December 21, 2014 at 2:22 pm

    “Er dachte daran, dass er nicht sterben wollte, was etwas anderes war als der Wunsch zu leben.” Was für ein Satz! Überhaupt klingt es nach einem markanten, lesenswerten Buch.

    • Reply
      Mara
      December 21, 2014 at 2:55 pm

      Ein großartiger Satz, oder? Der Luftkrieg ist natürlich ein spezielles Thema, aber es ist eines, an dem sich Salter schon sehr lange abarbeitet und auch wenn ich mir wünschte, es müsste keine Kriege geben, habe ich diesen Roman doch gerne gelesen. Es ist einfach beeindruckend, wie es Salter gelingt, sich in das Innenleben seiner Charaktere hineinzuversetzen.

      • Reply
        zeilentiger
        December 21, 2014 at 7:01 pm

        Du machst das Buch nur noch schmackhafter. 🙂

  • Reply
    Lichtjahre | Literaturgefluester
    December 31, 2014 at 8:50 pm

    […] vor kurzem sein schon  1956 erschienener Roman “Jäger” auf Deutsch erschienen. Die Blogs berichteten darüber und das weckte meine Neugier, das Buch doch noch zu lesen, so habe ich es vor Weihnachten nach […]

  • Reply
    James Salter: Eine Leseeinladung | Buzzaldrins Bücher
    June 21, 2015 at 4:33 pm

    […] ist eines meiner Lieblingsbücher, aber auch In der Wand, Ein Spiel und ein Zeitvertreib, Jäger, Cassada und den Erzählungsband Dämmerung habe ich gerne gelesen. James Salter gehört zu einer […]

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