Zuhause: Die Suche nach dem Ort, an dem wir leben wollen – Daniel Schreiber

Wo ist der Ort, den wir als unser Zuhause bezeichnen würden? Wie findet man einen Ort, an dem man sich wohl fühlt? Einen Ort, an dem man zufrieden ist? Einen Ort, an dem man sich niederlassen möchte? Und was ist überhaupt ein Zuhause? All das sind Fragen, die uns wahrscheinlich alle immer mal wieder beschäftigen. Der Autor und Kunstkritiker Daniel Schreiber hat ihnen mit Zuhause ein ganzes Buch gewidmet, in dem er sich auf eine poetische und persönliche Art und Weise auf die Suche nach Antworten begibt.

Ich sehnte mich nach einem Zuhause, jedoch ohne eine Ahnung davon zu haben, wo und was dieses Zuhause sein könnte.

Daniel Schreiber beginnt seinen schmalen Essayband mit einem Frühlingsspaziergang durch London und mit vielen großen Fragen: Was ist ein Zuhause und welche Gefühle verbindet man mit einem Ort, an dem man sich willkommen fühlt? Wie wichtig sind Geborgenheit und Sicherheit? Und was hat ein Zuhause mit Heimat und Identität zu tun? Während vor einigen Jahrzehnten die Menschen sich nicht weit von dem Zuhause entfernt haben, in das sie hineingeboren wurden, sieht das Leben vieler Menschen heutzutage ganz anders aus: es geht um Flexibilität, Mobilität und darum, dorthin zu gehen, wo der nächste interessante Job wartet.

Daniel Schreiber steht exemplarisch für dieses Leben: einen Großteil des Jahres verbringt er in den Wohnungen von Freunden, lebt mal in Berlin, mal in London und dann wieder in den USA. In der restlichen Zeit befindet er sich häufig auf Lesereise und übernachtet jede Nacht in einem anderen Hotel. Das Leben, das Daniel Schreiber führt, ist natürlich speziell und ganz sicherlich nicht auf jeden von uns übertragbar – doch bei seiner ganz individuellen Suche nach einem Zuhause, habe ich auch vieles für mich mitnehmen können.

Das Bedürfnis nach einem Ort der Sicherheit empfand ich in dieser Zeit als nahezu überwältigend. Es war ein essentieller Wunsch, der sich damals seinen Weg bahnte, ein Wunsch, dem ich lange wenig Raum zugestanden hatte und der viel mit der inneren Ruhelosigkeit zu tun hatte, von der mein Leben in den vorangegangenen Jahren bestimmt gewesen war.

Der Essay besteht aus acht Texten, in denen sich Daniel Schreiber mit der Suche nach einem Zuhause beschäftigt – Ausgangspunkt ist die langwierige und schwierige Trennung von seinem Partner, die bei ihm viele Fragen, Wünsche und Sehnsüchte weckt. Sein plötzliches Alleinsein steht in einem grellen Kontrast zu all den Menschen um ihn herum, die Partner haben, heiraten, Wohnungen kaufen oder Kinder kriegen. Daniel Schreiber sehnt sich nicht nur nach dem Menschen, von dem er sich getrennt hat, sondern vor allem auch nach dem Gefühl eines Zuhauses, das er durch die Trennung verloren hat. Er entscheidet sich deshalb dazu, sich auf die Suche nach Antworten auf seine drängendsten Fragen zu begeben: diese Suche führt ihn zunächst zurück in seine Kindheit. In sehr eindrücklichen Worten und Bildern erzählt er davon, wie er auf der mecklenburgischen Seenplatte aufwuchs, früh feststellte, dass er homosexuell ist und deshalb von seiner Lehrerin und seinen Mitschülern ausgegrenzt und misshandelt wurde. Seine Eltern wehrten sich dagegen, dass er zur “Umerziehung” in ein Heim geschickt wird – doch das Gefühl von einem Zuhause können sie ihm nicht geben, denn man kann nicht dort zu Hause sein, wo man ausgegrenzt und diskriminiert wird.

War das Gefühl des Zuhauseseins früher mit dem konkreten Ort verbunden, aus dem wir stammen, ist es heute eher mit einem imaginären Ort verknüpft, zu dem wir hinwollen. Zuhause ist inzwischen etwas, das wir uns in einem lebenslangen Prozess suchen und selbst aufbauen müssen: gleichermaßen ein realer wie ein innerer, ein spiritueller und ein sozialer Ort, an dem wir uns aus Gründen, die uns nicht einmal bewusst sein müssen, niederlassen.

Dass der Begriff des Zuhauses heutzutage viel weiter gefasst wird als früher – ein Zuhause kann der Wohnort, aber auch die Wahlheimat sein; ein Zuhause kann eine WG oder auch eine Partnerschaft sein – kam für Daniel Schreiber einer Rettung gleich.

Vor allem diejenigen, die den Normen der Welt, in die sie hineingeboren wurden, nicht entsprechen, die mit ihrem Herkunftsort Erfahrungen von Ausgrenzung und Stigmatisierung verbinden, können anderswo Menschen finden, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben wie sie selbst, oder auch schlicht Menschen, die sie so akzeptieren und lieben, wie sie sind.

Der Leser begleitet den Autor weiter durch sein Leben, geht mit ihm nach New York, wo er zum ersten Mal das Gefühl hat, seine Sexualität frei ausleben zu können und landet schließlich in Berlin, wo Daniel Schreiber in einer Wohnung lebt, die er viele Jahre dafür genutzt hat, schnell mal eben den Koffer umzupacken. Aus seinen sehr persönlichen – aber nie indiskreten – Erinnerungen entwickelt Daniel Schreiber kluge soziologische und philosophische Reflexionen.

Das, was mich so sehr für dieses Buch eingenommen hat, ist die Offenheit, mit der sich Daniel Schreiber auf die Suche nach Antworten begibt und sich dabei seinen Erinnerungen und seinem Schmerz stellt. Das ist berührend zu lesen. Der schmale Band umfasst gerade einmal 140 Seiten und ich habe das Buch tatsächlich an einem einzigen Tag durchgelesen: Daniel Schreibers Essay Zuhause ist für mich eine kluge und poetische Sinnsuche und Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben.

Daniel Schreiber: Zuhause. Die Suche nach dem Ort, an dem wir leben wollen. Hanser Berlin, 2017. 140 Seiten, €18. Mehr zu Daniel Schreiber auf der Homepage des Autors. Ein Vorabdruck eines der Kapitel gab es in der Wochenzeitung DIE ZEIT.

Weitere Bücher des Autors:

 

10 Comments

  • Reply
    Auroria
    April 8, 2017 at 9:24 pm

    Ich glaube, in meinem Bücherregal findet sich kein einziger Essay. Die Vorstellung dieses Buches macht mich allerdings schon recht neugierig. Das Thema Zuhause ist für mich wichtig, gleichbedeutend mit wohlfühlen. Ich bin z. B. nicht gern allein auf Reisen – und sei es nur auf einer Dienstreise. Das Gefühl des Wohlfühlens oder Wohlerfühlens stellt sich bei mir eigentlich immer erst ein, wenn ich mit mindestens einer weiteren Person unterwegs bin, die ich mag.
    Sicherlich finden sich in diesem Buch noch viele weitere interessante Gedanken, in die ich mich gern einmal vertiefen möchte.

    • Reply
      Mara
      April 11, 2017 at 4:25 pm

      Liebe Auroria,

      ich mag an Essays sehr gerne den persönlichen Zugang zu einem Thema – die Meisterin der Essays ist wohl Joan Didion, die ich dir nur sehr empfehlen kann. Ich freue mich auf jeden Fall, dass ich dich auf das Buch von Daniel Schreiber neugierig machen konnte und bin schon sehr gespannt, was du aus der Lektüre ziehen wirst!

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    Silvia
    April 9, 2017 at 12:19 pm

    Liebe Mara,
    mein Zuhause ist dort, wo meine Familie ist. Ich bin gespannt, ob sich dieses Bild ändert, wenn die Kinder mal ausgezogen sind.
    Ich bin so gar kein Nomade, doch lese ich gerne über Menschen, die sich oft verändern. Von daher ein Buchtipp für mich.
    Viele Grüße
    Silvia

    • Reply
      Mara
      April 11, 2017 at 4:23 pm

      Liebe Silvia,

      toll, dass ich dich neugierig machen konnte. Die Frage, wo mein Zuhause ist, würde ich ähnlich beantworten, wie du. Dennoch waren die Gedanken von Daniel Schreiber dazu sehr interessant zu lesen.

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    Buchgefieder
    April 9, 2017 at 6:51 pm

    Hallo liebe Mara,
    das klingt nach einem tollen Buch. Ich mag es, wenn man sich mit Fragen beschäftig, auf die es so viele unterschiedliche Antworten, wie Persönlichkeiten gibt. Was ist Zuhause für mich? Was macht mich glücklich? Was bedeutet Glück überhaupt. Ich werde das Buch mal ganz schnell auf meine Bücherliste packen und hoffen, dass es bei mir dann bald ein Zuhause haben wird.
    Ganz liebe Grüße
    Karin

    • Reply
      Mara
      April 11, 2017 at 4:21 pm

      Liebe Karin,

      ich freue mich sehr, dass ich dich auf dieses schmale Büchlein neugierig machen konnte. Ich glaube auch, dass Daniel Schreiber ganz wichtig Fragen behandelt, die uns wahrscheinlich alle mal mehr und mal weniger intensiv umtreiben. Ich habe aus der Lektüre viel mitnehmen können und freue mich darüber, andere auf den Autor und das Buch aufmerksam machen zu können.

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    frannym
    April 10, 2017 at 12:52 pm

    Hallo Mara,
    Essays habe ich bisher nur für die Uni gelesen, aber dieses kleine Büchlein hört sich wirklich interessant an. Ich lebe selbst im Ausland und habe ein ganz anderes Verständnis von zu Hause als z.B. meine Eltern, für die es wirklich gleichbedeutend mit Familiennähe ist. Falls du irgendwo die Tagebücher 1966-1971 von Max Frisch im Regal hast, dort gibt es einen Fragebogen zum Thema Heimat, der wirklich Diskussionsmaterial liefert. Daniel Schreibers Buch wird auf jedenfall auf meine Wunschliste wandern.

    Liebe Grüße

    • Reply
      Mara
      April 11, 2017 at 4:20 pm

      Liebe Frannym,

      vielen Dank für deinen Besuch und einen Kommentar – ich habe erst ganz spät meine Leidenschaft für die Gattung des Essays entdeckt. Toll daran finde ich, dass die Autoren sich einem Thema auf sehr persönliche Art und Weise nähern. Ich freue mich auf jeden Fall darüber, dass ich dich auf “Zuhause” neugierig machen konnte und wünsche dir viel Freude bei der Lektüre!

      Liebe Grüße
      Mara

  • Reply
    franzischoenbach
    April 18, 2017 at 4:14 pm

    Liebe Mara,

    vielen Dank für diesen wundervollen Buchtipp. Ich mag Essays an sich ja sehr und das Thema ist wirklich schön und beschäftigt mich auch immer mal wieder, gerade jetzt wo ich erst umgezogen bin, denkt man ja auch immer mal wieder über das Zuhause nach. Ich glaube, dass es wirklich bedeutend anders ist, als früher, was Zuhause und Heimat eigentlich bedeutet und das es für jeden auch etwas anderes ist. Für mich ist es eher meine Familie und mein Freund, dort wo sie sind, ist auch irgendwie zu Hause, immer. Gleichzeitig aber natürlich auch ein Ort, an dem ich mich wohlfühl und an dem ich mir vorstellen kann, die nächsten Jahrzehnte zu leben. Das Buch werde ich mir auf jeden Fall holen und bin schon sehr gespannt darauf.

    glg Franzi

    • Reply
      Mara
      April 23, 2017 at 9:52 am

      Liebe Franzi,

      ich freue mich, dass ich dein Interesse an dem Buch wecken konnte! Ich wohne mittlerweile auch weit entfernt von meinem Geburtsort und bin in den vergangenen Jahren immer wieder umgezogen – daher habe ich vieles aus dem Buch auch für mich mitnehmen können und hoffe, dass es dir beim Lesen ganz ähnlich ergehen wird.

      Liebe Grüße
      Mara

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