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Autobiographie

Durch Mauern gehen – Marina Abramović

Marina Abramović ist eine renommierte zeitgenössische Künstlerin. Mit dem 500 Seiten umfassenden Durch Mauern gehen ist im vergangenen Herbst ihre Autobiographie erschienen – darin erzählt sie nicht nur von der Kunst, sondern auch aus ihrem Leben: das ist schonungslos, spannend, witzig und unglaublich inspirierend.

“Wenn ich las, hörte alles um mich herum auf zu existieren. Das ganze Unglück meiner Familie – die erbitterten Streitereien zwischen meinen Eltern, die Traurigkeit meiner Großmutter darüber, dass ihr alles genommen worden war – verschwand. Ich mischte mich unter die Romanfiguren.”

Beginnen muss ich meine Besprechung direkt mit einem Bekenntnis: auch wenn mir der Name von Marina Abramović zuvor bereits begegnet war, habe ich vor der Lektüre ihrer Autobiographie nichts über ihr Leben oder ihre künstlerische Arbeit gewusst. Neugierig auf das Buch bin ich durch den Blog Brain Pickings von Maria Popova geworden: Bücher über starke und beeindruckende Frauen haben mich schon immer interessiert. Wem es genauso geht wie mir, der muss vor diesem Buch also keine Angst haben – die Autobiographie ist keine, die für Fans und Kenner geschrieben wurde. Man kann Durch Mauern gehen auch mit  großem Gewinn lesen, wenn einem die Autorin und ihre Kunst nicht bekannt sind.

Marina Abramović wurde 1946 in Belgrad geboren und wuchs als Kind von Kriegshelden im Nachkriegsjugoslawien auf. Ihr Vater und ihre Mutter hatten mit den Partisanen gegen die Nazis gekämpft und wurden nach dem Krieg mit wichtigen und gut bezahlten Posten betraut. Obwohl Marina Abramović privilegiert aufwächst, erlebt sie keine glückliche Kindheit: vor allem die Beziehung zu ihrer strengen Mutter Danica ist durch Kälte, Lieblosigkeit und Schwierigkeiten geprägt.

Als Kommunistin war sie vielleicht ambivalent, aber sie war unglaublich zäh. Wahre Kommunisten waren bereit, “durch Mauern zu gehen”, jedes Hindernis zu überwinden – sie waren willensstark wie die Spartaner. “Schmerzen kann ich aushalten”, sagte Danica in einem Interview, das ich mit ihr viele Jahre später führte, als sie schon gebrechlich war. “Niemand hat mich je schreien hören, und niemand wird mich je schreien hören.” Beim Zahnarzt bestand sie darauf, keine Spritze zu bekommen, wenn ihr ein Zahn gezogen werden musste. Die Selbstdisziplin habe ich von ihr gelernt, und ich habe mein Leben lang Angst vor meiner Mutter gehabt. 

Gerettet hat Marina Abramović die Kunst – sie selbst schreibt, dass sie schon im Alter von sechs oder sieben Jahren wusste, dass sie Künstlerin werden möchte. Um sich diesen Traum zu erfüllen, beginnt sie 1965 ein Studium der Malerei; acht Jahre später führt sie ihre erste Performance auf. Mit ihren Performances, in denen sie große und schmerzhafte körperliche Risiken eingeht, wird sie auch über Belgrad hinaus bekannt. In ihrer Autobiographie betont sie immer wieder, dass es in jeder Performance einen Moment gibt, über den sie hinausgehen muss, um den Schmerz nicht mehr zu spüren.

In Durch Mauern gehen schreibt Marina Abramović sowohl über ihre Arbeit als auch über ihr Privatleben, beides ist zumeist eng miteinander verschränkt. Einen großen Platz im Buch nimmt Frank Uwe Laysiepen ein, der unter seinem Künstlernamen Ulay einem größeren Publikum bekannt geworden ist. Beide verbringen zwölf gemeinsame Jahre, in denen sie zahlreiche Performances zusammen entwickeln und aufführen. Ihre Wege – als Paar und als Künstler – trennen sich nach der gemeinsamen Begehung der Chinesischen Mauer. Jahre später sehen sie sich vor den Augen der Weltöffentlichkeit bei der Performance The Artist is Present im New Yorker Museum of Modern Art wieder.

Ich bin es leid, berufliche Entscheidungen treffen zu müssen, mir hängen Vernissagen und langweilige Empfänge zum Hals heraus, ich bin es leid, mit einem Glas Mineralwasser herumzustehen und so zu tun, als wäre ich an einer Unterhaltung interessiert. Ich bin meine Migräneanfälle leid, einsame Hotelzimmer, Zimmerservice, Ferngespräche, grottenschlechte Fernsehfilme. Ich bin es leid, mich immer in den falschen Mann zu verlieben. Ich habe es satt, mich für meine zu große Nase, meinen zu dicken Arsch und den Krieg in Jugoslawien zu schämen. Ich will fortgehen, so weit weg, dass ich weder per Fax noch per Telefon erreichbar bin. Ich will alt werden, richtig alt, so dass nichts mehr eine Rolle spielt. Ich will verstehen und deutlich sehen, was hinter all dem steckt. Ich will nicht mehr wollen.

Wenn man heutzutage einen Blick auf Marina Abramović wirft, dann sieht man eine starke, bekannte und erfolgreiche Künstlerin. Doch das ist nicht immer so gewesen. Das, was mich an Durch Mauern gehen besonders fasziniert hat, ist die Tatsache, dass ihr Weg zur weltweit bekannten Künstlerin schwierig und steinig gewesen ist, dass sie immer wieder mit Rückschlägen und dunklen Momenten zu kämpfen hatte, dass sie falsche Entscheidungen getroffen und andere Menschen verletzt hat und wie offen und schonungslos sie darüber schreibt. Vor allem in den zwölf Jahren, die sie gemeinsam mit Ulay verbracht hat, hatte Marina Abramović nur wenig finanzielle Mittel und hat lange Zeit sogar in einem Bus gelebt.

Durch Mauern gehen lässt sich unkompliziert und ohne Vorkenntnisse lesen und genießen – die Sprache ist schlicht und schnörkellos. Ich bin von der ersten Seite an abgetaucht in die faszinierende Lebensgeschichte dieser ganz besonderen Frau. Marina Abramović schreibt in großer Offenheit darüber, wie sie es geschafft hat, schwere Momente, Verletzungen und dunkle Erlebnisse in eine Kunst zu verwandeln, die Grenzen durchbricht und überschreitet – körperliche und emotionale Grenzen. Für mich ist Marina Abramović das, was man gemeinhin unter dem Wort Powerfrau verstehen könnte: sie ist klug, willensstark, mutig und eine Kämpferin – egal was ihr im Leben auch passiert ist, sie hat nie aufgegeben. Es sollte also nicht verwundern, dass sie sich mit dreiundsechzig Jahren noch entschlossen hat, den Führerschein zu machen. An einer Stelle im Buch bezeichnet sie sich selbst als Kriegerin, Spirituelle und Jammertante – wobei sie die Jammertante jedoch am liebsten versteckt.

VERHALTEN EINES KÜNSTLERS
Ein Künstler sollte weder sich selbst noch andere belügen.
Ein Künstler sollte nicht die Ideen eines anderen stehlen.
Ein Künstler sollte keine Kompromisse eingehen – weder persönlich noch hinsichtlich des Kunstmarkts.
Ein Künstler sollte niemanden töten.
Ein Künstler sollte sich nicht zum Idol machen …
Ein Künstler sollte sich niemals in einen Künstler verlieben.

VERHÄLTNIS EINES KÜNSTLERS ZUR STILLE
Ein Künstler muss die Stille verstehen.
Ein Künstler muss in seinem Werk Raum für die Stille schaffen.
Die Stille ist wie eine Insel inmitten eines aufgewühlten Meeres.

VERHÄLTNIS EINES KÜNSTLERS ZUR EINSAMKEIT
Ein Künstler muss sich Zeit nehmen und lange Phasen der Einsamkeit auf sich nehmen
Einsamkeit ist extrem wichtig.
Weit weg von zu Hause, weit weg vom Atelier, weit weg von der Familie, weit weg von Freunden sein.
Ein Künstler sollte sich lange an Wasserfällen aufhalten.
Ein Künstler sollte sich lange an Vulkanen aufhalten, die ausbrechen.
Ein Künstler sollte lange schnell fließende Flüsse betrachten.
Ein Künstler sollte lange den Horizont betrachten, die Stelle, an der Himmel und Meer sich treffen.
Ein Künstler sollte lange die Sterne des Nachthimmels betrachten.
– Lebensmanifest einer Künstlerin: Marina Abramović

Marina Abramović erzählt in Durch Mauern gehen nicht nur von ihrer faszinierenden Lebensgeschichte und ihrem ungewöhnlichen Zugang zur Kunst, sondern schafft es dabei auch, mich daran zu erinnern, wie wichtig es ist, nie aufzugeben und mit offenen Augen durch die Welt zu laufen. Dort gibt es so viele Möglichkeiten und Dinge, die darauf warten, entdeckt zu werden. Ich wünsche Durch Mauern gehen ganz viele Leser und Leserinnen, die ebenfalls Freude daran haben, in das Leben dieser starken und bewundernswerten Frau einzutauchen.

Marina Abramović (gemeinsam mit James Kaplan): Durch Mauern gehen. Aus dem Englischen von Charlotte Breuer und Norbert Möllemann. Luchterhand Verlag, München 2016. 475 Seiten, €28. 

Von Beruf Schriftsteller – Haruki Murakami

Zu Beginn muss ich wahrscheinlich zugeben, dass ich ein gespaltenes Verhältnis zu den Büchern von Haruki Murakami habe. Viele seiner Geschichten sind mir zu magisch, nur wenig habe ich bisher von ihm gerne gelesen. Als ich jedoch erfuhr, dass von ihm mit Von Beruf Schriftsteller eine Art Biographie erscheint, wusste ich, dass ich das Buch sofort lesen möchte. Ich habe einfach eine große Leidenschaft für Bücher, die sich mit dem Schreiben und dem Lesen beschäftigen.

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„Und ich wünsche mir, dass auch die Leser meiner Bücher dieses Gefühl von Neuanfang genießen können. Als würden sich in ihren Herzen Fenster öffnen, durch die frische Luft hereinweht. Das ist es, was ich mir beim Schreiben inständig erhoffe. Jenseits aller Theorie, einfach nur das.“

Da ich im Vorfeld kaum etwas über den Menschen Haruki Murakami wusste, hat mich doch vieles bei der Lektüre dieser äußert lesenswerten Essays überrascht: ich habe nicht gewusst, dass Murakami nicht nur schreibt, sondern daneben auch übersetzt. Ebenso habe ich nichts über sein Vorleben gewusst: als junger Mann hat er gemeinsam mit seiner Frau eine kleine Jazzkneipe betrieben, für die er sich hoch verschulden musste.

„Wir hatten keinen Fernseher, kein Radio und keinen Wecker. Unsere Wohnung hatte keine Heizung, und in kalten Wintern konnten wir nur schlafen, wenn wir unsere vier Katzen fest im Arm hielten.“

In insgesamt elf Essays, die allesamt von Ursula Gräfe aus dem Japanischen übertragen wurden, spürt Haruki Murakami der Frage nach, was ihn zum Schriftsteller gemacht hat und was ihn Schriftsteller bleiben ließ. Gleichzeitig lotet er sein schwieriges Verhältnis zu Literaturpreisen und Auftritten in der Öffentlichkeit aus. Er übt auch leise Kritik an der japanischen Gesellschaft, stellt das dortige Schulsystem infrage und den Umgang mit einer Katastrophe wie Fukushima. Obwohl Haruki Murkami mittlerweile ein weltweit erfolgreicher Autor ist, spürt man doch in all seinen Texten eine große Bescheiden- und Zurückgenommenheit. Er profiliert sich nicht und er klopft sich auch nicht selbst auf die Schulter. Ganz im Gegenteil: da, laut seiner Einschätzung, nur fünf Prozent der Weltbevölkerung regelmäßig Bücher konsumieren, betreibt er mit seinem Schreiben lediglich eine Tätigkeit für eine Minderheit. Überhaupt: Schreiben könnte nach seiner Meinung eigentlich jeder, es bedarf keiner Ausbildung, um ein Buch schreiben und veröffentlichen zu können. Haruki Murakami schränkt jedoch ein, dass die wahre Kunst sei, nicht nur ein Buch zu schreiben, sondern über viele Jahre Texte zu veröffentlichen und tatsächlich vom Schreiben leben zu können. Den Durchhaltewillen, der dafür erforderlich ist, über den verfügt nicht jeder.

„Ich habe mir die Regel gesetzt, während der Arbeit an einem Roman täglich zehn Blätter japanischen Manuskriptpapiers zu füllen. Auf einem Blatt ist Platz für 400 Zeichen. Das entspricht ungefähr zweieinhalb Bildschirmseiten auf meinem Computer, aber es ist eine alte Gewohnheit von mir, in Blättern à 400 Zeichen zu rechnen. Auch wenn ich gern noch mehr schreiben würde, höre ich nach zehn Seiten auf. Aber auch wenn mir an einem Tag noch eine fehlt, zwinge ich mich dazu, die zehn Seiten vollzuschreiben. Bei sehr langfristigen Projekten spielt Regelmäßigkeit eine große Rolle. Schreibt man jedoch nur, wenn es fließt, und macht Pause, wenn nicht, dann entsteht keine Regelmäßigkeit. Deshalb schreibe ich jeden Tag zehn Seiten. Wie nach Stechuhr.“

Ich habe mit großem Interesse über den Arbeitsprozess von Haruki Murakami gelesen, der auch davon erzählt, dass ein Manuskript bei ihm immer wieder ruht, um sich dann mit einem neuen Blick auf den Text zu stürzen und von seiner Frau berichtet, die die erste Leserin und Kritikerin all seiner Texte ist. Beim Lesen seiner Essays, die allesamt sehr nüchtern und klar geschrieben sind und dazu einladen, das Buch in einem Stück zu verschlingen, wird deutlich, wie bescheiden Haruki Murakami ist und wie hart er für seinen Erfolg gearbeitet hat. Die romantischen Vorstellungen, die ich ab und an noch vom Schreiben eines Buches habe, werden hier klar als das Resultat harter und unnachgiebiger Arbeit enttarnt.

Das Buch hat mir auch persönlich viel mitgeben können: Haruki Murakami hat eine grundlegend positive Einstellung dem Leben und seiner Arbeit gegenüber. Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir eine Szene im Buch, in der er und seine Frau dringend auf eine bestimmte Geldsumme angewiesen sind und genau diese dann abends auf ihrem Heimweg finden. Natürlich mag das kitschig klingen, ich habe aber versucht, mir eine Scheibe von seinem Glauben, dass sich auch in ausweglosen Situationen Lösungen finden lassen, abzuschneiden. EEbenso deutlich formuliert Haruki Murakami sein Bestreben, auch mal anzuecken: man kann es nicht allen Menschen Recht machen, es wird immer Kritik geben (auch Murakami musste das leidvoll erfahren) – er hat es sich deshalb zum Lebensmotto gemacht, zunächst einmal sich selbst zufriedenzustellen. In diesem Zusammenhang erwähnt Murakami auch ein sehr passendes Zitat des polnischen Dichters Zbigniew Herbert: „Man muss gegen den Strom schwimmen, um zur Quelle zu gelangen. Denn mit dem Strom schwimmt der Abfall.“

„Sieht man die Welt nur aus der eigenen Perspektive, schmort man zu sehr im eigenen Saft. Der Körper wird steif, die Beinarbeit wird mühsam, und die Beweglichkeit leidet. Aber wenn man es schafft, den eigenen Standpunkt aus mehreren Perspektiven zu betrachten, mit anderen Worten, sich auf andere Denksysteme einzulassen, nimmt die Welt an Plastizität und Flexibilität zu.“

Für mich ist Von Beruf Schriftsteller ein großartiger Schreib- und Lebensratgeber, voller philosophischer und autobiographischer Momente. Die biographischen Essays lassen sich leicht aber anregend lesen, ich habe schon lange nicht mehr so viel aus einem Buch für mich mitgenommen. Eine große und sehr persönliche Leseempfehlung!

Deborah Feldman – Unorthodox

Deborah Feldman erzählt in Unorthodox die Geschichte ihres Lebens. Es ist eine Geschichte der Befreiung, denn die Autorin wächst in einer streng limitierten und abgeschotteten jüdischen Gemeinde auf. Es ist aber auch eine Geschichte, die von der Kraft der Literatur erzählt.

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Ich bin überzeugt davon, dass meine Fähigkeit, tief zu empfinden, mich außergewöhnlich macht und dass sie meine Fahrkarte ins Wunderland ist.

Unorthodox ist kein Roman, sondern die wahre Lebensgeschichte von Deborah Feldman – eindrücklich und sehr berührend erzählt die Autorin davon, wie sie in eine ultraorthodoxe Gemeinde hineingeboren wird, die sie schon früh im Leben hinterfragt und aus der sie sich als junge Frau schließlich befreit. Dafür zahlt sie den hohen Preis, aus der einzigen Gemeindschaft, die sie ihr Leben lang kannte, ausgeschlossen zu werden. Das Buch, das sich in Amerika millionenfach verkaufte, machte die Aussteigerin zu einer Aussätzigen: die Satmarer Gemeinde, in der sie in Brooklyn aufwuchs, überzog sie nach der Veröffentlichung mit Hassbriefen – von ihren Angehörigen wurde sie für verstorben erklärt. Ihr Wünsche und Vorstellungen vom Leben waren mit den Glaubenssätzen ihrer Familie nicht vereinbar. Die Satmarer glauben, dass der Holocaust eine Bestrafung ist, die über sie gekommen ist, da sie sich zu sehr assimiliert haben – das Ziel der Gemeinde ist es, so weit wie möglich allem zu entsagen und ein Leben in einem stark abgegrenzten Raum zu führen.

Deborah Feldman wirft in Unorthodox ein erschütternden Blick auf dieses Leben in einer abgeschotteten Gemeinde – all das, was für viele von uns ein normaler Teil des Lebens ist, ist für sie als junges Mädchen lange unbekannt gewesen. Weder darf sie Musik hören, noch in einem Rock zur Schule gehen – nur das Recht auf Literatur erkämpft sie sich heimlich und die Bücher liest sie unter der Bettdecke, immer mit der Angst im Hinterkopf, entdeckt zu werden. Das, was die Gemeinde lebt, hat in der Welt, in der Deborah Feldman aufwächst, alleinigen Geltungsanspruch. All diejenigen, die nicht Teil der Gemeinde sein können, werden ausgeschlossen. Da ist zum Beispiel ein psychisch kranker Verwandter, der versteckt in einem Zimmer leben muss, weil die Scham zu groß ist, sich Hilfe zu suchen.

Ich besitze keinen Bibliotheksausweis, also kann ich keine Bücher mit mir mit nach Hause nehmen. Ich wünschte, ich könnte es, da ich mich immer so außergewöhnlich glücklich und frei fühle, wenn ich lese, dass ich überzeugt bin, es könnte alles andere in meinem Leben erträglich machen, dürfte ich nur immer Bücher mit mir haben.

Unorthodox ist jedoch nicht nur ein Buch über eine abgeschottete Gemeinde, sondern vor allen Dingen auch ein Buch über eine starke Frau. Deborah Feldman empfindet ihre Herkunft von Beginn an als etwas, von dem sie sich befreien möchte. Statt den einfachen Weg zu gehen und sich dem zu fügen, was ihr vorgelebt wird, versucht sie immer wieder auszubrechen. Es sind vor allen Dingen die Bücher, die ihr eine Vorstellung von dem Leben geben, das sie auch so gerne führen würde. In Little Woman. Matilda oder auch Stolz und Vorurteil findet sie Frauenfiguren, an denen sie sich orientiert.

Wenn irgendwer jemals versuchen sollte, Dir vorzuschreiben, etwas zu sein, was Du nicht bist, dann hoffe ich, dass auch Du den Mut findest, lautstark dagegen anzugehen.

Statt bei ihren Eltern aufzuwachsen, wird das junge Mädchen zu ihren Großeltern abgeschoben. Trotz der Strenge und Lieblosigkeit, die in ihrem Zuhause herrscht, erhält sie sich ganz viel Neugier, Wissensdurst und Mut. All dies bewahrt sie sich ihr ganzes junges Leben lang: als junge Frau, die verheiratet wird, steht für sie schnell fest, dass sie mehr sein möchte als eine Ehefrau und Lehrerin. Als sie Mutter wird, schreibt sie sich dann heimlich als Literaturstudentin ein und saugt das auf, was ihr von den Dozenten erzählt wird. Deborah Feldman ist nie zufrieden mit dem vorgefertigten Leben, in das sie sich bedingungslos fügen muss und kämpft so lange um Freiheit und Unabhängigkeit, bis sie das Leben führen kann, was sie sich wünscht.

Wenn du keine Wurzeln hast, hast du auch kein Erbe. Unser ganzer Wert ist durch den Wert unserer Vorfahren definiert. Wir machen uns einen Namen für unsere Kinder. Wer sollte mich wollen, wo ich doch keinen Namen habe, den ich weitergeben kann?

Ich habe mit Unorthodox ein berührendes und tief beeindruckendes Buch gelesen, das nicht nur die Lebensgeschichte einer starken und unabhängigen Frau erzählt, sondern auch von der Kraft der Literatur. Bücher können retten und heilen – und sie können einen aus seinen begrenzten Verhältnissen ausbrechen lassen und ganz neue Vorstellungen vom Leben vermitteln. Unorthodox ist ein Buch, dem ich ganz viele Leser wünsche.

Deborah Feldman: Unorthodox. Übersetzt aus dem Amerikanischen von Christian Ruzicska. Secession Verlag, Zürich 2016. €22, 319 Seiten.  Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog Zeilensprünge und bei der Buchhändlerin und Bloggerin Jacqueline Masuck

Fragen Sie Ihren Bestatter: Lektionen aus dem Krematorium – Caitlin Doughty

Wie rasiert man eine Leiche? Warum werden übergewichtige Leichen eigentlich morgens eingeäschert und die dünneren erst am Nachmittag? Und wie bekommt man überhaupt die Knochen in die Urne? All das sind Fragen, mit denen man sich eigentlich lieber nicht beschäftigen möchte – Caitlin Doughty will trotzdem eine Antwort darauf geben.

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Doch das Verdrängen des Todes ist kein Segen, weil wir unsere Ängste lediglich unter die Oberfläche verbannen.

Fragen Sie Ihren Bestatter lässt sich als Mischung aus Sachbuch und Autobiographie lesen. Caitlin Doughty ist dreiundzwanzig Jahre alt, als sie einen Job als Krematoriumsfachkraft bei Westwind & Burial antritt. Der Tod hat die junge Frau schon immer fasziniert – eine Faszination die wahlweise zwischen nacktem Grauen und morbider Neugier schwankt. Sie selbst bezeichnet sich als funktional morbid – dass sie schließlich bei Westwind & Burial landet, ist also kein Zufall sondern folgerichtig. Endlich möchte sie nicht nur über den Tod nachdenken, sondern ihm ganz nahe kommen – sie möchte richtige Leichen, den richtigen Tod.

Wir bemühen uns nach Kräften, den Tod an den Rand unseres Daseins zu verdrängen, indem wir die Toten hinter rostfreien Stahltüren wegschließen, die Kranken und Sterbenden in Krankenhauszimmer auslagern. Wir verbergen den Tod so perfekt, dass man fast glauben könnte, wir seien die erste Generation von Unsterblichen.

Auf der Buchrückseite wird Fragen Sie Ihren Bestatter als teuflisch witzig und urkomisch beschrieben – das Buch ist mitunter tatsächlich unterhaltsam, wenn auch manchmal unfreiwillig. Die Autorin widmet sich zahlreichen praktischen Fragen: Wie rasiert man eine Leiche? Warum werden übergewichtige Leichen eigentlich morgens eingeäschert und die dünneren erst am Nachmittag? Und wie bekommt man überhaupt die Knochen in die Urne? Bei manchen Anekdoten aus dem Krematorium musste ich zwangsläufig lachen – auch wenn ich mich dabei ein klein wenig morbide gefühlt habe. Dieser unterhaltsamen Ausflüge in die Praktiken von Krematorien bilden für mich jedoch nur einen kleinen Teil von dem, was dieses Buch für mich ausgemacht hat. Eigentlich ist Fragen Sie Ihren Bestatter nämlich ein wahnsinnig trauriges Buch, das einen nachdenklich zurücklässt – so habe ich es zumindest gelesen.

Drüben in Marin, gleich hinter der unweit von Westwind gelegenen Brücke, gibt es einen Friedhof, auf dem man sich natürlich begraben lassen kann. Dort saß ich manchmal auf den sanften Hügeln, ließ den Blick über die Gräber schweifen und meditierte über mein Rendezvous mit dem Zerfall. In der Konfrontation mit dem Unausweichlichen erfuhren die Mönche Befreiung, und in gewisser Weise tat ich es ihnen gleich. Indem ich ins dunkle Herz meiner Ängste blickte, vor denen ich als Kind stets die Augen verschlossen hatte, gelang es mir Schritt für Schritt, sie zu überwinden.

Caitlin Doughty erzählt nämlich nicht nur komische Anekdoten, sondern schreibt auch über Todesrituale aus anderen Kulturen und darüber, wie wir früher mit dem Sterben umgegangen sind. Es geht um die Frage, ob man sterbende Menschen zu Hause pflegen möchte oder sie ins Krankenhaus gibt. Es geht um tragische Geschichten: eine Mutter, deren Sohn an einer Überdosis stirbt. Eine Tochter, die sich weigert für die Einäscherung ihrer Mutter zu zahlen. Um Menschen, die auch noch bei der Beerdigung versuchen, den günstigsten Preis und den besten Rabatt zu ergattern.

Neben dem Buch hat Caitlin Doughty auch lange einen Blog betrieben: auf The order of the good death widmet sie sich alternativen Bestattungsmethoden. Dieses Anliegen findet auch in Fragen Sie Ihren Bestatter ihren Platz – vielleicht könnte man sogar von einer Mission sprechen: Caitlin Doughty möchte nicht nur den Tod wieder zurück in unser Gedächtnis holen, sondern wirbt auch dafür, sich viel intensiver darüber Gedanken machen, was nach dem eigenen Tod mit einem geschehen soll.

Der Tod ist der Motor, der uns am Laufen hält, der uns zum Lernen und Lieben motiviert, uns Ehrgeiz und Erfindungskraft verleiht. Ob mich der Tod nun mit achtundzwanzig oder dreiundneunzig ereilte – ich nahm mir vor, im Frieden mit mir selbst aus der Welt zu scheiden, eins mit dem Nichts, zu ebenjenem Nebel zu werden, der in den Bäumen hing. Die Grabesstille um mich herum war keine Strafe. Sie war der Lohn für ein erfülltes Leben.

Caitlin Doughty legt mit Fragen Sie Ihren Bestatter ein kluges, komisches und vor allen Dingen lehrreiches Buch vor: ich habe häufig gelacht und vor lauter Rührung geweint. Zugeklappt habe ich es mit dem Gefühl, dass ich mich ein klein wenig darauf vorbereitet fühle, auf das zu schauen, was allen von uns am Ende unseres Lebens bevorsteht: es war kein angsterfüllter Blick, sondern ein Blick, der darauf gerichtet ist, mich möglichst gut um mein eigenes Ableben kümmern zu können. Schwere Themen, ich weiß – aber ist es nicht umso wichtiger, sich diesen auch ab und an zu widmen?

Caitlin Doughty: Fragen Sie Ihren Bestatter. Lektionen aus dem Krematorium. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Sky Nonhoff. C.H. Beck Verlag, München 2016. 270 Seiten, €19,95.

The Art of Asking – Amanda Palmer

Amanda Palmer legt mit The Art of Asking ein wunderschönes und so wichtiges Buch vor: es geht um Menschlichkeit, um Angst, Scham und Vertrauen. Vor allen Dingen geht es aber auch darum, wie wichtig es ist, um Hilfe bitten zu können.

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Ich habe kein Problem mit dem Bitten. Egal, um was. Ich habe KEINE SCHAM. Glaube ich.

Der Untertitel des Buches ist gleichzeitig auch schon die treffendste Zusammenfassung: Wie ich aufhörte, mir Sorgen zu machen, und lernte, mir helfen zu lassen. Fragen sind eigentlich etwas ganz Alltägliches – fast jeder von uns stellt wahrscheinlich mehrmals am Tag Fragen, ohne viel darüber nachzudenken. Schwierig wird es für viele erst, wenn sie nach Hilfe fragen müssen: Kannst du mir Geld leihen?, Hast du einen Schlafplatz für mich?, Magst du ein wenig Geld für meinen Blog spenden? Viele Menschen haben nie gelernt, dass es nicht nur völlig in Ordnung ist, um Hilfe zu bitten, sondern dass es auch häufig notwendig sein kann, sich Unterstützung zu holen. Niemand ist wirklich alleine – wenn er sich denn traut, um Hilfe zu bitten.

Beinahe jeder menschliche Kontakt läuft am Ende auf den Akt und die Kunst des Bittens hinaus. Das Bitten an sich IST der fundamentale Baustein jeder Beziehung. Fortwährend und meist indirekt, oftmals ohne Worte, BITTEN wir uns gegenseitig um etwas – unsere Chefs, unsere Partner, unsere Freunde -, damit wir die jeweilige Beziehung aufbauen und aufrechterhalten können.

The Art of Asking erzählt Amanda Palmers Lebensgeschichte – es ist eine Geschichte des Bittens und des Helfens. Heutzutage ist sie vielen als Musikerin bekannt, doch am Anfang ihrer Karriere versuchte sie sich zunächst als Straßenkünstlerin durchzuschlagen. Erst mit der Zeit lernt sie, wie wichtig es ist, andere um Hilfe zu bitten. Heutzutage gilt sie als Pionierin des Crowdfunding: für ihr Album Theatre is evil hat sie finanzielle Unterstützung in der Höhe von 1,2 Millionen Euro eingesammelt – von Fans, die sie für ihre Musik schätzen und die bereit dazu sind, Geld zu dafür zu zahlen, um ein neues Album in den Händen halten zu können. Amanda Palmer gilt auch als Pionierin des Couchsourfings – statt in Hotels einzuchecken, die sie sich nicht leisten könnte, übernachtet sie während ihren Tourneen bei ihren Fans auf dem Sofa.

Doch die Überwindung, ihre Fans um Hilfe zu bitten, war zunächst riesengroß. Genauso groß, wie die Überwindung, ihren Ehemann um Hilfe zu bitten. Habe ich versagt, wenn ich um Hilfe bitte? Bin ich zu schwach, wenn ich Unterstützung brauche? Verdiene ich die Hilfe von anderen überhaupt?

Ich hoffte, ich könnte ihnen eine Art kosmische, allumfassende Erlaubnis geben, sich nie wieder übertrieben zu entschuldigen, zu quälen, zu rechtfertigen und verdammt noch mal einfach zu …. BITTEN. 

Amanda Palmer hat ihre Lebensphilosophie in The Art of Asking gegossen. Sie zeichnet ihren eigenen Weg nach und erzählt davon, wie sie gelernt hat, zu bitten. Sie erzählt davon, wie sie es aushält sich verletz- und angreifbar zu machen. Sie erzählt davon, wie sie es zu ertragen gelernt hat, auch mal die Kontrolle abzugeben. Sie erzählt vor allen Dingen aber auch von ihrer wichtigsten Erkenntnis: Bitten und Helfen sind zentrale Bestandteile jeder Beziehung. In den allermeisten Fällen freuen sich Menschen darüber gebeten zu werden und im Rahmen ihrer Möglichkeit helfen zu können. Wer nicht fragt, wird nie erfahren, von wie viel Hilfsbereitschaft und Menschlichkeit er umgeben ist. Gerade auch im sozialen Netz gibt es ganz viele tolle Beispiele für diese Art der Unterstützung: von #hollerkaputt bis zu Willkommen im Meer

Wie können wir eine Welt erschaffen, in der Kunst nicht einfach eine Ware, sondern eine Beziehung ist? Während Kunst wieder zum Gemeingut und mehr und mehr digital, befreit und frei teilbar wird, müssen wir uns überlegen, wie wir eine neue Ökonomie des schöpferischen Geistes unterstützen können.

The Art of Asking ist ganz sicherlich kein literarisches Meisterwerk auch sprachlich habe ich schon bessere Bücher gelesen – dafür ist es aber eine berührende Lektüre, es ist ein menschliches und so wichtiges Buch. Amanda Palmer erzählt von ihren Ängsten, von ihrer Unsicherheit und von ihrer Verletzbarkeit. Mich hat ihre Geschichte dazu gebracht, innezuhalten und nachzudenken. Zugeklappt habe ich The Art of Asking mit der Hoffnung, in Zukunft häufiger um Hilfe bitten zu können. Bitten ist nämlich keine Schwäche, sondern eine große Stärke. Deshalb bitte ich euch alle nun auch darum, dieses Buch zu lesen – ich wünsche The Art of Asking ganz viele Leser und Leserinnen, die sich ebenso berühren lassen wie ich!

Amanda Plamer: The Art of Asking. Eichborn Verlag, Köln 2015. 445 Seiten, 16,99€. Auf der Homepage der Autorin gibt es eine Playlist zum Buch.

M Train – Patti Smith

M Train trägt Erinnerungen als Untertitel und verweigert sich jeder Genreeinordnung: das Buch gleicht einem Gedankenstrom, voller Erinnerungsfetzen, voll von Kaffee, Büchern, Reisen, Liebe, Trauer und Krimiserien. Ich habe selten zuvor ein schöneres Buch gelesen, das von nichts erzählt.

Patti Smith

Es ist nicht so leicht, über nichts zu schreiben: Ich kritzele es immer wieder mit einem Stück roter Kreide auf eine weiße Wand.

Patti Smith ist nicht nur eine gefeierte Musikerin, sondern auch eine bekannte Schriftstellerin: M Train ist nach Just Kids und Traumsammlerin bereits ihre dritte Veröffentlichung. In M Train erzählt Patti Smith von ihren Lebenserinnerungen: sie erzählt von ihrem Ehemann, ihren Kindern, den Büchern, die sie liest und von ihrer Leidenschaft für Krimiserien. Sie erzählt von Dingen, die ihr wichtig gewesen sind, die sie jedoch verloren hat. Sie erzählt von ihren Lieblingsschriftstellern: Murakami, Wittgenstein, Bolano, Bulgakow. Ich begleite Patti Smith auf unzähligen Reisen, gehe mit ihr immer wieder in Cafés, trinke dabei Kaffee um Kaffee und besuche die Gräber seelenverwandter Schriftsteller. Wir stehen am Grab von Sylvia Plath, bei Arthur Rimbaud und Frida Kahlo. Patti Smith nimmt mich mit in ihre Träume, ich begleite sie auf ihre Gedankenreisen.

Wenn ich mich unterwegs verirrte, benutze ich einen Kompass, den ich auf einem Weg in einem nassen Laubhaufen gefunden hatte. Der Kompass war alt und verrostet, aber er funktionierte noch und verband die Erde mit den Sternen. Er sagte mir, wo ich stand und in welcher Richtung Westen lag, aber nicht, wohin ich ging und was ich wert war.

Es ist nicht so leicht, über nichts zu schreiben: so lautet der erste Satz von M Train. Ob es leicht ist, oder nicht – Patti Smith tut es auf unnachahmliche Art und Weise: ihre Gedanken sind in Fetzen gerissen, ihre Erinnerungen sind lose und experimentell, doch gleichzeitig auch poetisch, wunderschön und berührend. Unterbrochen wird der Text immer wieder von stimmungsvollen Fotografien, die alle in schwarz-weiß gehalten sind. Patti Smith schreibt nicht nur über nichts, sondern setzt alle diese Bestandteile zu einem einzigartigen Kunstwerk zusammen: ich habe M Train als Ode an das Leben, das Lesen und die Liebe gelesen. Voll von kleinen Anekdoten, Gedankensprüngen und Erinnerungen.

Zu Hause, das ist ein Schreibtisch. Die Verschmelzung eines Traums. Zu Hause, das sind die Katzen, meine Bücher und meine unerledigte Arbeit. All die verlorenen Dinge, die mich vielleicht eines Tages rufen, die Gesichter meiner Kinder, die mich eines Tages rufen werden. Vielleicht können wir Träumereien nicht lebendig machen oder staubige Reste zurückholen, aber wir können den Traum selbst einfangen und ihn heil und ganz zurückbringen.

M Train ist teils ein Erinnerungsbuch, teils ein Traumbuch – gewidmet all dem, was nicht mehr da ist und schmerzlich vermisst wird. Patti Smith trauert nicht nur um Gegenstände, die sie verlegt und verliert, sondern auch um ihren verstorbenen Mann und ihren Bruder, den sie ebenfalls verloren hat. Vielleicht ist genau das, das wichtigste Geschenk des Buches: die Erkenntnis, das wir unser ganzes Leben lang von Dingen Abschied nehmen müssen, die wir lieben, dass die Erinnerungen und Fußstapfen, die diese in uns hinterlassen, aber für immer ein Teil von uns sein können.

Patti Smith legt mit M Train ein wunderschönes und poetisches Buch vor, das sowohl zart als auch schrecklich schmerzhaft ist. Ich glaube, dass das Buch vielleicht nicht für jeden Leser und jede Leserin etwas ist: dem einen oder anderen mag es zu verkopft oder gar zu esoterisch sein. Für mich war M Train eine philosophische Entdeckungsreise, auf der ich ganz viel über das Leben gelernt habe – über die Trauer, den Glauben und die Kreativität. Für mich ist M Train nicht nur ein Buch, sondern ein Herzensbuch, das ich wohl genau zur richtigen Zeit gelesen habe – ich würde mir wünschen, dass ganz viele von euch ebenfalls dieses Buch für sich entdecken werden.

Patti Smith: M Train. Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Brigitte Jakobeit. Kiepenheuer & Witsch Verlag, März 2016. 336 Seiten, €19,99.

On the move. Mein Leben – Oliver Sacks

Oliver Sacks ist ein britischer Neurologe und Schriftsteller. Bekannt geworden ist er durch seine medizinischen Fallstudien, die sich häufig so spannend lesen wie ein Roman. Nun hat er seine Autobiographie vorgelegt und erzählt darin von seinem ganz besonderen Leben.

Oliver Sacks

Jetzt bin ich achtzig und versuche, eine Art Autobiographie zu rekonstruieren.

Oliver Sacks hat in den vergangenen Jahren schon mehr als zehn Bücher veröffentlicht: Eine Anthropologin auf dem Mars, Die Insel der Farbenblinden, Drachen, Doppelgänger und Dämonen oder auch Der einarmige Pianist. Zu seinen bekanntesten Büchern gehört wohl Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte, das bereits 1985 veröffentlicht wurde. Awakenings – ein weiteres Buch von ihm – wurde sogar verfilmt, mit Robert de Niro in der Hauptrolle. Allein diese große Anzahl an erfolgreichen Büchern wäre schon beachtlich, doch auch darüber hinaus war das Leben von Oliver Sacks keineswegs langweilig. Noch heute, mit zweiundachtzig Jahren, reist und schwimmt er viel, arbeitet immer noch an mehreren Büchern gleichzeitig und ist im hohen Alter sogar noch seiner großen Liebe begegnet. Eine glückliche Partnerschaft ist das einzige, was dem ungewöhnlichen Mediziner lange verwehrt geblieben ist. Die Zeit, die ihm bleibt, diese Liebe zu genießen, ist begrenzt: im Februar diesen Jahres machte Oliver Sacks seine erneute Krebserkrankung öffentlich. Nachdem ihm zunächst erfolgreich ein Melanom aus dem Auge entfernt werden konnte, ist mittlerweile seine Leber von Metastasen befallen. Ihm bleiben nur noch wenige Monate Lebenszeit, doch diese Zeit nutzt er so intensiv wie möglich.

Ich kam praktisch zu keiner allgemeinen Lektüre mehr, abgesehen von Maynard Keynes’ Essays in Biography, außerdem wollte ich meine eigenen “Biographischen Essays” schreiben, wenn auch mit klinischer Ausrichtung – Essays über Menschen mit ungewöhnlichen Schwächen oder Stärken, in denen ich den Einfluss dieser speziellen Merkmale auf ihr Leben schildern würde, kurzum, ich wollte klinische Biographien schreiben – Fallgeschichten in gewissem Sinne.

Das Faszinierende an Oliver Sacks ist die Doppelidentität, die er lebt: er ist nicht nur ein erfolgreicher Schriftsteller, der mit spannenden Fallgeschichten eine Vielzahl an Lesern und Leserinnen gefesselt hat, sondern er ist auch noch praktizierender Neurologe. Die Perspektive, mit der er als Mediziner auf seine Patienten blickt, findet sich auch in seinen Büchern wieder: im Zentrum steht immer die individuelle Fallgeschichte. Dabei begreift Oliver Sacks viele der neurologischen Erkrankungen, die ihm als Arzt begegnen, nicht nur als Einschränkung, sondern auch als bemerkenswerte Spielart des Normalen.

Der Titel der Autobiographie – On the move – und das Coverfoto, das einen jungen Oliver Sacks auf dem Motorrad zeigt, deuten bereits an, dass es hier nicht ausschließlich um einen Rückblick auf die Karriere eines Mediziners geht. Man erfährt in diesem Buch nicht nur, dass diese Karriere weit weniger geradlinig verlief, als man sich das vielleicht vorgestellt hat, sondern auch noch reichlich anderes Ungewöhnliches. Oliver Sacks erzählt von seiner Leidenschaft für Motorräder, die auch nach schweren Unfällen nie weniger geworden ist. Er erzählt von seiner liebsten Freizeitbeschäftigung, dem Gewichtheben. In den sechziger Jahren stellt er sogar einen  Rekord im Kniebeugen auf. Die Fotos des muskelbepackten Gewichthebers sind schwer mit den Fotos des graumelierten Wissenschaftlers zu vereinbaren. Das ist vielleicht auch das Spannende an dieser Autobiographie: es ist ganz faszinierend zu sehen, wie viele unterschiedliche Leidenschaften ein Mensch in sich vereinen kann. Die Zeit des Gewichthebens war auch die Zeit der Drogenexperimente. Erst durch die Hilfe einer langjährigen Therapie gelingt es Oliver Sacks seine Amphetaminsucht zu überwinden.

Aber ihre Worte verfolgten mich während des größten Teils meines Lebens und waren dafür verantwortlich, dass der freie und freudige Ausdruck meiner Sexualität immer von Hemmungen und Schuldgefühlen beeinträchtigt wurde.

Oliver Sacks erzählt auch von seiner Sexualität: schon früh entdeckt er, dass er sich nicht für Mädchen interessiert. Doch während es heutzutage um die Ehe für alle geht, stand Homosexualität damals in Großbritannien noch unter Strafe. Als die Eltern herausfanden, welche Neigungen ihr Sohn hat, nannte seine Mutter ihn ein Gräuel und wünschte sich, ihr Sohn wäre nie geboren worden. Außer ein paar kurzen Affären war Oliver Sacks ein längeres Liebesglück mit einem Mann nicht vergönnt – bis er dann im hohen Alter endlich seine große Liebe traf.

Wir unterhalten uns über das, was wir lesen, wir sehen uns alte Filme im Fernsehen an, wir schauen gemeinsam in den Sonnenuntergang oder teilen uns Sandwiches zum Mittagessen. Wir führen ein friedliches Leben, das wir auf vielen Ebenen teilen – ein großes und unerwartetes Geschenk in meinem fortgeschrittenen Alter, nachdem ich mein ganzes Leben lang Distanz gewahrt hatte.

Von seiner Karriere als Arzt erzählt Oliver Sacks aber auch: um dem Wehrdienst zu entgehen, beschließt er mit siebenundzwanzig nach Amerika auszuwandern. Dort schlägt er sich alleine durch und träumt davon, seinen Forschungen im Labor nachzugehen. Doch schnell erweist er sich im Umgang mit Proben und Daten als völlig ungeeignet. Stattdessen widmet er sich der Arbeit mit seinen Patienten und dieser Arbeit geht er in den kommenden Jahren fast rund um die Uhr nach.

Bevor ich On the move zu lesen begann, war mir Oliver Sacks natürlich bereits ein Begriff: vor Jahren las ich mal ein Buch von ihm über Augenerkrankungen und war fasziniert von seinem Blick auf diese ungewöhnlichen Krankheitsphänomene, die er beschrieb. Seine Autobiographie ist dann am fesselndsten, wenn Oliver Sacks von seiner eigenen Fallgeschichte erzählt: es ist bewegend, wie dieser gestandene Neurologe von seiner Liebesscheu und Schüchternheit berichtet, von seiner Angst vor Small-Talk und seiner Unfähigkeit Gesichter wiederzuerkennen.

Ich bin ein Geschichtenerzähler, ob ich will oder nicht. Ich vermute, dass ein Gefühl für Geschichten, das Erzählen, in allen Menschen angelegt ist. Das hat mit unserem Sprachvermögen, Ichbewusstsein und autobiographischen Gedächtnis zu tun. Der Akt des Schreibens bereitet mir, wenn er gut von der Hand geht, eine Lust und eine Freude wie keine andere Tätigkeit. Er versetzt mich unabhängig von dem Thema an einen anderen Ort, an dem ich vollkommen versunken und frei bin von allen Ablenkungen – von störenden Gedanken, Verpflichtungen, Sorgen und selbst dem Verstreichen der Zeit. 

Oliver Sacks hat so unglaublich viel zu erzählen und vieles davon erzählt er so mitreißend, dass ich das Buch nur noch sehr schwer aus der Hand legen konnte. Sein Leben ist nicht immer leicht gewesen und doch ist der Blick zurück von einer ungeheuren Leichtigkeit getragen: Oliver Sacks ist dankbar für all das, was er erleben durfte, für all das, was ihm widerfahren ist. All das Glück, das er erlebt hat, aber auch die dunklen Stunden, teilt er mit schonungsloser Offenheit. On the move ist ein Buch, das ich nicht so schnell vergessen werde.

Oliver Sacks: On the move. Mein Leben. Autobiographie. Aus dem Englischen von Hainer Kober. Rowohlt Verlag, Hamburg 2015. 448 Seiten, €24,95.

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