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Autobiographie

Von Geist und Geistern – Hilary Mantel

Hilary Mantel erzählt in ihrer Autobiografie Von Geist und Geistern von ihrem bewegten Leben, ihrer Kindheit und den Geistern, die sie ihr Leben lang begleitet haben. Das Leben der Schriftstellerin wurde durch eine schwere Krankheit geprägt, doch Hilary Mantel hat nie den Mut verloren. Ihre Autobiografie ist schonungslos, offen und wunderbar mutmachend.

Hilary Mantel

Früher habe ich gedacht, eine Autobiografie sei eine Form von Schwäche, und vielleicht denke ich das immer noch. Aber ich glaube auch, wenn du schwach bist, ist es kindisch, so zu tun, als wärst du es nicht.

Bekannt geworden ist Hilary Mantel als erste Frau in der Geschichte, die den Booker-Preis zweimal gewonnen hat. Ausgezeichnet wurde sie für ihre beiden historischen Romane Wölfe und Falken – zwei Bücher, die zur Zeit der Tudors spielen. Doch um ihre Erfolge als Schriftstellerin geht es in dieser Autobiografie nicht, ganz im Gegenteil: Hilary Mantel setzt sich mit den dunklen Momenten ihres Lebens auseinander, mit ihren Geistern, ihrer schwierigen Kindheit und einer Krankheit, die ihr Leben für immer verändern sollte.

Jetzt, da ich einen autobiografischen Text schreibe, lege ich jedes Wort auf die Goldwaage. Ist das Geschriebene klar – oder ist es täuschend klar? Ich sage mir, erzähle einfach, wie du dazu kamst, ein Haus mit einem Geist darin zu verkaufen. Aber diese Geschichte lässt sich nur einmal erzählen, und ich muss sie richtig hinbekommen.

Durch das Leben von Hilary Mantel zieht sich die Wahrnehmung einer zweiten Ebene, einer erweiterten Realität: da gibt es den Geist ihres Kindes, das sie nie bekommen konnte. Oder den Geist des Stiefvaters, der auch nach seinem Tode noch durch das Cottage in Norfolk spukt. Das Vorkommen von Geistern und Untoten mag sich leicht esoterisch anhören, doch diese Erscheinungen sind durch die Erkrankung der Autorin bedingt. Hilary Mantel leidet immer wieder an schweren Migräneanfällen mit Aurawahrnehmung. Nicht nur das Sprechen fällt ihr während dieser Zustände schwer, sondern auch die Wahrnehmung ist verzerrt. Die Migräneanfälle sind eine Begleiterscheinung von Hilary Mantels Erkrankung. Bereits als junges Mädchen hat sie sich jahrelang mit schweren Schmerzen gequält. Von Ärzten wurde sie belächelt, falsch diagnostiziert und schließlich als verrückt abgestempelt. Einige Zeit musste sie in einer Psychiatrie verbringen, doch mit ihrem Kopf war alles in Ordnung, ihr Körper hätte Hilfe gebraucht. Doch diese Hilfe wurde ihr viel zu lange verweigert und als sie endlich richtig diagnostiziert wird, ist es bereits zu spät: mit siebenundzwanzig Jahren erhält sie die niederschmetternde Nachricht, keine Kinder mehr bekommen zu können. Das Kind, das sie sich immer gewünscht hatte, doch nie bekommen konnte, bleibt wie ein Geist in ihrem Leben haften.

Wenn du dich umdrehst und auf die Jahre zurückblickst, erkennst du die Geister anderer Leben, die du hättest führen können. Deine Häuser werden von den Personen heimgesucht, die du hättest sein können. Du denkst an die Kinder, die du hättest bekommen können, aber nicht bekommen hast.

Diese Erkrankung schwemmt die Autorin, die ein Leben lang zu dürr gewesen ist, später auch noch stark auf. Sie muss Hormone einnehmen und ihr Körper verändert sich dadurch, wird fett, massig, gesetzt, grotesk. Hilary Mantel fühlt sich fremd in ihrem eigenen Körper. Ein Gefühl, das sie schon ihr ganzes Leben hindurch begleitet. Als die kleine Hilary eingeschult wird, möchte sie nur wieder zurück nach Hause und glaubt lange daran, dass sie selbst die Entscheidung treffen kann, ob sie zur Schule gehen möchte oder nicht. Sie glaubt auch daran, sich in einen Jungen zu verwandeln. Hofft darauf, möchte ein Ritter werden, der bestialisch Rache nimmt für all die erlittenen Kränkungen. Die einzige Zeit, in der sie glücklich gewesen ist, ist die Zeit, bevor sie in die Schule kam. Es ist die Zeit, in der die Familie noch eine richtige Familie ist. Eines Tages kommt immer häufiger ein fremder Mann ins Haus, der Hilary, ihre Mutter und ihren Bruder irgendwann mitnimmt. Sie ziehen alle gemeinsam in ein Haus nur wenige Kilometer entfernt, doch die Autorin sollte ihren Vater nie wiedersehen, auch auf eine Erklärung hat sie vergebens gewartet.

Und ich weiß auch, dass sich die Erinnerung einer Familie zu verzerren beginnt, wenn sie sich zum Verschweigen von etwas entschließt, da ihre Mitglieder die entstehende Lücke konfabulierend schließen: Du musst immer einen gewissen Sinn und eine Schlüssigkeit in dem erkennen, was um dich herum vorgeht, und so stoppelst du, so gut es geht, eine entsprechende Geschichte zusammen. Fügst etwas hinzu, redest darüber, und die Verzerrungen produzieren weitere Verzerrungen.

Hilary Mantel erzählt ihre Lebensgeschichte, ihre Kindheitsgeschichte, doch sie erzählt diese nicht chronologisch. Sie setzt immer wieder an, beschreibt einzelne Szenen, ohne diese miteinander zu verbinden. Manches bleibt zunächst im Dunkeln, anderes wird erst später klarer. Es ist nicht immer einfach der Autorin gedanklich zu folgen, doch es lohnt sich, ihr zuzuhören und sich auf ihren Ton und die Perspektive einzulassen.

Als diese Autobiografie im Jahr 2003 geschrieben wurde, hatte Hilary Mantel zwar schon einige Bücher veröffentlicht, doch der ganz große Erfolg war damals noch ausgeblieben. Vor diesem Hintergrund ist es umso bewundernswerter, wie viel Mut, Kraft und Stärke in diesem Buch stecken. Der Autorin gelingt es, sich aus einem engen und lieblosen Elternhaus zu befreien und ihr eigenes Leben zu leben. Dieses Leben war nie einfach und immer von Schmerzen bestimmt, doch Hilary Mantel hat nie aufgehört zu glauben, zu leben und zu kämpfen. Eigentlich wollte sie Anwältin werden, doch dann entschied sie sich zu schreiben und wenn man dieses Buch liest, dann kann man nur glücklich darüber sein, dass sie sich dafür entschieden hat. Hilary Mantel setzt sich mit den Geistern ihres Lebens auseinander und tut das auf so beeindruckende und mutmachende Art und Weise, das man sich den Worten von Susan Sontag nur noch anschließen möchte: Eine erstaunliche, hinreißende Autobiografie. Und eine große Leseempfehlung.

Hilary Mantel: Von Geist und Geistern. Autobiografie. DuMont Verlag, Köln 2015. 240 Seiten, €19,99. Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog von Karin Braun.

Meine wundervolle Buchhandlung – Petra Hartlieb

Meine wundervolle Buchhandlung ist ein wundervolles Buch über Bücher und Buchhandlungen und darüber was man mit einer großen Portion Begeisterung, Durchhaltewillen und Energie alles schaffen kann. Es geht um eine Schnapsidee, eine Buchhandlung in Wien und einen gelebten Traum.

Petra Hartlieb

Wir haben eine Buchhandlung gekauft: In Wien. Wir haben eine Mail mit einer Zahl geschrieben, ein Gebot, einen Betrag, den wir gar nicht hatten, und nach einigen Wochen kam die Antwort: Sie haben eine Buchhandlung gekauft!

Es gibt Bücher, die nimmt man in die Hand und legt sie erst wieder weg, wenn man sie ausgelesen hat. Genauso erging es mir mit dem Buch Meine wundervolle Buchhandlung, in dem Petra Hartlieb die Geschichte ihres Ladens erzählt. Genau genommen gehört Hartliebs Bücher, so heißt die Buchhandlung, auch ihrem Mann. Es war eine gemeinsame Schnapsidee, ein spontaner Entschluss aus dem dann Wirklichkeit wurde. Es war die Idee etwas gemeinsam zu machen, etwas zusammen aufzubauen. Beide leben eigentlich in Hamburg als sie auf die Buchhandlung bieten. Mit Geld, das sie nicht haben. Doch dann bekommen sie die Buchhandlung und statt vor lauter Schreck einen Rückzieher zu machen, brechen beide ihre Zelte ab, packen ihr Hab und Gut und die Kinder ein und gehen nach Wien. Beide lassen einen guten Job zurück – Petra Hartlieb war Literaturkritikerin und ihr Mann in einem Verlag tätig – und ziehen in eine ungewisse Zukunft. Doch das tun sie mit ganz viel Mut, Lust und Energie im Gepäck.

Ich verspüre plötzlich eine große Müdigkeit und denke an mein Latte-Macchiato-Leben in Hamburg. Statt Halbtagsstelle, schicker Wohnung und freier Zeiteinteilung nun also Tag und Nacht arbeiten, zunächst mal kein eigenes Zuhause und Schulden für die nächsten zehn Jahre. Oder länger? Wie gut, dass meine Vorstellungskraft dafür nicht ausreicht. 

Petra Hartlieb erzählt die Geschichte ihrer Buchhandlung, die sie erst einmal herrichten musste und über der sie später mit ihrer Familie eingezogen ist. Eine Wendeltreppe verbindet den Ort der Arbeit mit dem Wohnbereich. Es ist eine Geschichte voller Rückschläge, voll von Ängsten und Zweifeln. Es ist aber auch eine Geschichte, die von helfenden Händen erzählt und von dem Mut, die eigenen Träume zu leben. Petra Hartlieb hätte es wohl nie alleine geschafft, die Buchhandlung zu renovieren und bezugsfertig zu machen, auch das Weihnachtsgeschäft hätte sie in den ersten Jahren wohl kaum alleine überstanden – doch ihr Glück ist es, keine Hemmungen dabei zu haben, um Hilfe zu bitten.

Was ich so wunderbar an diesem Buch fand, ist die Tatsache, dass Mut belohnt wird. Eigentlich ist das ambitionierte Projekt zum Scheitern verurteilt, es gibt keinen ausgereiften Businessplan, es gibt nicht einmal eine ausreichende Finanzierung. Doch irgendwie wurtscheln sich die Hartliebs auf unkoventionelle aber herrlich charmante Art und Weise durch die ersten Monate.

Wir wohnen plötzlich in unserer Arbeit. Die Wendeltreppe, die das Hinterzimmer der Buchhandlung mit dem Vorzimmer unserer Wohnung verbindet, wird zum zentralen Dreh- und Angelpunkt unserer Lebens.

Doch auch die Zeit nach den ersten Monaten wird nicht unbedingt leichter, denn eine Buchhandlung zu führen bedeutet ein stetiger Kampf darum, neue Kunden zu gewinnen und alte Kunden zu halten. Dazu muss man im besten Fall innovativ und aufgeschlossen sein: Lesungen müssen organisiert werden und ein Webshop sollte aufgebaut werden. Petra Hartlieb beschreibt all die Menschen, die mit ihr in dieser Buchhandlung werkeln, die mit 40 Quadratmetern übrigens ziemlich klein geraten ist, mit so viel Liebe und Wärme, dass ich irgendwann das Gefühl hatte, selbst mit dabei zu sein. Als ein neues EDV-System ausprobiert wird und die Mitarbeiter regelmäßig zur Verzweiflung bringt, habe ich fast am eigenen Leibe mitgelitten. Auch die Beschreibungen der Weihnachtszeit, in der die Hartliebs noch bis spät in die Nacht hinein im Laden stehen und Bücher einsortieren, hat mein Mitgefühl geweckt. Es sind die Weihnachtsmonate, in denen sie ihr Geld verdienen. Wirkliches Geld, das nicht nur für die Miete und die Personalkosten draufgeht.

Irgendwann steht mitten in Wien die nächste Buchhandlung leer und wider des besseren Wissens – sollte man zumindest meinen – erwerben die Hartliebs auch diese. Doch anders als dem ersten Buchhandlungskauf liegt diesem ein ausgereiftes Konzept zugrunde. Beim ersten Mal hat es auch ganz spontan funktioniert, doch warum sollte man nicht auch einmal ein bisschen planen? Und so betreiben die Hartliebs mittlerweile gleich zwei Buchhandlungen in Wien und das wohl sogar ganz erfolgreich. Wer weiß, was da noch so kommen wird …

Das Bedarf einiger Fantasie, denn vierzig Quadratmeter sind keine Großfläche. Es ist und bleibt ein kleiner Raum, auf dem wir große Buchhandlung spielen, und die Lösung sieht so aus, dass jeder Verkaufspsychologe uns als Negativbeispiel in seinem Seminar anführen würde: Nach oben.

Meine wundervolle Buchhandlung ist ein wundervolles Buch darüber, wohin einen Mut und Begeisterung bringen können. Es ist ein wundervolles Buch darüber, dass es sich lohnt auch mal ein Risiko einzugehen oder etwas zu wagen. Petra Hartlieb lebt ihren Traum, weil sie immer daran geglaubt hat, dass sich dieser erfüllen könnte. Neben allem anderen ist ihr Buch also vielleicht auch ein guter Ratgeber dafür, häufiger auf das eigene Herz zu hören und den Träumen und Wünschen nachzuspüren – bevor es zu spät ist, denn schließlich haben wir nur dieses eine Leben.

[…] wir verkaufen das schönste Produkt, das es gibt. Wir verkaufen Geschichten. Und ich kann mich für einen guten Unterhaltungsroman genauso begeistern wie für die sogenannte ernsthafte Literatur, und manchmal finde ich diese Unterscheidung im deutschen Sprachraum sehr mühsam.

Meine wundervolle Buchhandlung ist aber auch ein wundervolles Buch über Bücher und ein flammendes Plädoyer für die kleinen und inhabergeführten Buchhandlungen. Genau das, wäre auch mein Wunsch, dass uns die kleinen und individuellen Buchläden noch lange erhalten bleiben.

Not that kind of girl: Was ich im Leben so gelernt habe – Lena Dunham

Lena Dunham legt mit Not that kind of girl ein seltsames Buch vor. Es ist ein buntes Sammelsurium, das aus Essays, Anekdoten, E-Mails und langen Listen besteht. Doch diesen Versatzstücken, die mal unterhaltsam und mal traurig sind, fehlt auf den ersten Blick der Kleber, der alles zusammenhält. Sie präsentieren sich als bröselige Bruchstücke, denen alles fehlt, was eine gute Geschichte ausmacht. Das Buch konnte ich trotzdem nicht aus der Hand legen …

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Ich glaube, dass ich einer der wenigen Menschen bin, die Lena Dunham nicht gekannt haben – erst im Nachhinein habe ich erfahren, dass sie mit der Fernsehserie Girls berühmt geworden ist. Sie hat die Serie nicht nur geschrieben und produziert, sondern sie hat auch Regie geführt und spielt darin die Hauptrolle. Vor zwei Jahren wurde sie auf die Liste der 100 einflussreichsten Menschen der Welt gewählt und vom Time Magazine zur Coolest Person of the Year gekürt. All das mit gerade einmal achtundzwanzig Jahren.

Not that kind of girl erinnert in der Hinsicht an die Fernsehserie Girls, dass auch hier alles um Lena Dunham kreist – wenn man sich auf einen Themenschwerpunkt festlegen wollen würde, dann wäre es wohl Lena Dunham, in allen Facetten. Sicherlich ist das bei einem autobiographischen Erinnerungsbuch (das wahrscheinlich aber auch fiktional angehaucht ist) nicht ungewöhnlich, doch wie sehr die Autorin um sich und ihr Leben kreist, ist mitunter dann doch ein wenig verstörend: es geht (natürlich) um Liebe und Sex, um die schönen und ekligen Seiten des eigenen Körpers, um Freundschaften, die Arbeit und zwischendurch auch mal um das große Ganze (Ängste, Krankheiten, das Sterben). Es ist eine bunte Mischung, der jede Verbindung fehlt, der Anfang und Ende fehlt, ganz zu schweigen von so etwas wie einem Erzählfaden: Lena Dunham ist mal vier, mal neunzehn, mal neun, mal elf Jahre alt. Beim Lesen hatte ich zwischendurch das Gefühl, dem Redeschwall eines hyperaktiven Kindes zuzuhören. ADHS in Papierform.

Man sieht mir das alles nicht an, wenn ich auf Partys gehe. Unter Leuten bin ich gnadenlos komisch, aufgetakelt in Second-Hand-Kleidern, mit aufgeklebten Fingernägeln, im ewigen Kampf gegen die Müdigkeit von 350mg Tabletten, die ich abends nehme. Ich tanze am wildesten, lache am lautesten über meine eigenen Witze und rede von meiner Vagina wie andere über ihr Auto oder ihre Kommode.

Doch trotz allem: einmal angefangen konnte ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen, ich habe es an einem Sonntagnachmittag in einem Rutsch gelesen und habe alles andere darüber vergessen. Es ist leicht Not that kind of girl nicht zu mögen, es ist dagegen sehr viel schwieriger herauszufinden, warum man dieses seltsame Buch mögen könnte. Wenn man von Not that kind of girl all die selbstbezogene Geschwätzigkeit abkratzt, bleibt darunter nicht viel übrig, doch das, was übrig bleibt, hat mich fasziniert: Lena Dunham ist für ihr junges Alter eine wahnsinnig erfolgreiche Frau, doch dieser Erfolg hat sie in ihrem Inneren kein bisschen selbstsicherer, glücklicher oder zufriedener gemacht. Diesem Erfolg gingen sogar zahlreiche Fehler voraus, viele dunkle Momente und Stunden, ganz viel Unsicherheit und Unzufriedenheit.

[…] ich will meine Geschichten erzählen, mehr noch, ich muss es tun, um nicht wahnsinnig zu werden: Geschichten darüber, wie es ist, morgens in meinem erwachsenen Frauenkörper aufzuwachen, voller Angst und Ekel. Wie es sich anfühlt, bei einem Praktikum den Arsch getätschelt zu bekommen, mich in Meetings vor lauter fünfzigjährigen Männern beweisen zu müssen und zu einer Abendveranstaltung mit der schlimmsten Rotznase zu gehen, die die Welt je gesehen hat.”

Wir lernen in Not that kind of girl ein neurotisches Mädchen kennen, das sich selbst bemitleidet. Ein Mädchen, das kaum Freunde hat, sich hässlich fühlt und mit Jungs schläft, um Aufmerksamkeit zu bekommen und dazuzugehören. Ohne Scham erzählt Lena Dunham von ihren Versuchen, nicht nur Gewicht zu verlieren (Versuche, die häufig in Fressattacken enden), sondern auch ihre Jungfräulichkeit. Sie erzählt von der Abneigung, die sie empfunden hat, als ihre jüngere Schwester geboren wurde. Sie erzählt wenig von ihrem heutigen Erfolg, im Zentrum stehen vielmehr die Ängste, die sie überwinden musste, um überhaupt das Selbstbewusstsein dafür zu haben, kreativ zu sein und erfolgreich zu werden. Und trotz des Erfolgs ist dieses Selbstbewusstsein auch heute noch fragil und leicht angreifbar. Viele ihrer Geschichten sind natürlich auch unterhaltsam und mitunter hochkomisch, doch die Anekdoten und Essays von Lena Dunham funktionieren dort am besten, wo sie sich mit ihren Themen ernsthaft und mit großer Ehrlichkeit auseinandersetzt. An anderen Stellen hatte ich das Gefühl, mussten Lücken gefüllt werden: 13 Dinge, die man besser nicht zu seinen Freunden sagt; 10 Gründe, warum ich New York liebe; 15 Dinge, die ich von meiner Mutter gelernt habe. Diese Listen sind nicht nur banal, sondern auch von zweifelhafter literarischer Qualität.

Nein, ich bin keine Sexpertin, keine Psychologin, keine Ernährungswissenschaftlerin. Ich bin keine Mutter von drei Kindern oder die Besitzerin eines erfolgreichen Strumpfhosenimperiums. Ich bin eine junge Frau mit dem ausgeprägten Interesse zu bekommen, was mir zusteht, und was hier folgt, sind die hoffnungsvollen Nachrichten von der Front, an der ich dafür kämpfe.

Not that kind of girl ist ein schwieriges Buch, das ich keinesfalls empfehlen kann und möchte. Doch wem es gelingt, nicht nur die einzelnen Anekdoten zu sehen, sondern hinter diese Fassade zu schauen, der hat vielleicht ein ähnliches Leseerlebnis wie ich: ich habe ein keinesfalls perfektes Buch gelesen, das von einer mutigen Autorin geschrieben wurde, die ganz ohne Scham dazu einlädt, aus ihren Fehlern zu lernen und dabei vielleicht sich selbst ein Stückchen näher zu kommen – auch auf die Gefahr hin, plötzlich der eigenen Versicherung und Verletzlichkeit ebenso wie seinen Ängsten gegenüberzustehen.

Der große Trip – Cheryl Strayed

Der große Trip trägt den Untertitel Tausend Meilen durch die Wildnis zu mir selbst und in der Tat könnte man das Buch nicht besser beschreiben. Cheryl Strayed hat ihre eigene Geschichte aufgeschrieben, die sie quer durch Kalifornien geführt hat, bis hin zu der Brücke der Götter. Es ist die Geschichte einer Reise, einer Reise zu sich selbst und einer Reise zurück zu dem Menschen, der man mal gewesen ist. Eine Reise, einer jungen Frau, die von ihrer Trauer erzählt, aber auch von ihrem Weg zurück ins Leben.

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Was kann man tun, wenn man glaubt, dass das eigene Leben auseinander bricht? Cheryl Strayed ist gerade einmal sechsundzwanzig Jahre alt, als sie das Gefühl hat, alles verloren zu haben, was ihr etwas bedeutet hat. Vier Jahre zuvor stand sie kurz vor ihrem Universitätsabschluss, als bei ihrer Mutter Lungenkrebs im fortgeschrittenem Stadium diagnostiziert wird. Der Arzt gibt ihr noch ein Jahr zu leben, doch nur wenige Wochen später ist die Mutter bereits tot. Cheryl Strayed bleibt zurück mit einem Stiefvater, der sich bereits kurz danach eine neue Familie sucht und zwei Geschwistern, zu denen sie kaum Kontakt hat. In kürzester Zeit gelingt es ihr, ihr bis dahin geordnetes Leben zu zerstören, das, was zuvor heil gewesen ist, ist nun in tausend Scherben zersplittert: sie zerstört ihre Ehe, greift zu Drogen und bricht ihr Studium ab, ohne Abschluss.

Ich war allein. Ich war barfuß. Ich war sechsundzwanzig Jahre alt und ebenfalls eine Waise. Eine richtige Rumtreiberin, wie mich ein Fremder ein paar Wochen zuvor genannt hatte, als ich ihm meinen Namen nannte und erklärte, wie verlassen ich auf der Welt war. Mein Vater verschwand aus meinem Leben, als ich sechs war. Meine Mutter starb, als ich zweiunzwanzig war.

Während die Abwärtsspirale immer rasanter Fahrt aufnimmt, fällt Cheryl Strayed eines Tages bei einem Einkauf ein Reiseführer in die Hände, der die Route des Pacific Crest Trails (PCT) beschreibt – einem Wanderweg, der von der Grenze Mexikos bis nach Kanada führt, mehr als 4000 Kilometer, die hinweg über sieben Gebirgszüge führen und quer durch die Wüste, Indianerreservate und Nationalparks. Sie stellt den Reiseführer erst einmal wieder zurück ins Regal, doch da ist die ausgefallene Idee schon in ihr gereift: statt ihr Leben weiter wegzuwerfen, möchte sie diese fremde Welt erwandern: eine Welt, die gut einen halben Meter breit und 4284 Kilometer lang war. Cheryl Strayed fasst den Beschluss, ihr altes Leben in Kisten zu packen und stattdessen los zu wandern, 100 Tage lang – in der Hoffnung nicht nur bei der Brücke der Götter anzukommen, sondern auch wieder bei sich selbst.

Jeden Tag hatte ich das Gefühl, in einem tiefen Brunnen zu sitzen und nach oben zu blicken. Aber auf dem Grund dieses Brunnens machte ich mich daran, eine Solo-Wildnis-Trekkerin zu werden. Und warum auch nicht? Ich war schon so vieles gewesen. Eine liebende Frau und Ehebrecherin. Eine geliebte Tochter, die ihre Feiertage allein verbrachte. Eine ehrgeizige Streberin und ambitionierte Autorin, die sich von einem Verlegenheitsjob zum nächsten hangelte, gefährlich mit Drogen experimentierte und mit zu vielen Männern schlief.

Der große Trip, der von Reiner Pfleiderer ins Deutsche übertragen wurde, erzählt von dieser Wanderung und man kann es vielleicht an dieser Stelle schon ahnen: Cheryl Strayed ist nicht wirklich gut vorbereitet. Ihr Rucksack ist so schwer, dass sie ihn selbst kaum hochheben kann, die Schuhe sind so klein, dass sie sich wunde Füße läuft und für ihren Kocher hat sie das falsche Öl gekauft. Es gibt zahlreiche Momente, die zum Schmunzeln einladen: im Gedächtnis geblieben ist mir der Versuch von Cheryl Strayed, im Motelzimmer zum allerersten Mal ihren Rucksack aufzusetzen, den sie auf den Namen Monster getauft hat. Auch das Tagespensum, das sie sich vornimmt, stellt sich schnell als unrealistisch heraus. Cheryl Strayed ist zuvor nie gewandert und sonderlich fit ist sie auch nicht. Doch trotz mangelnder Planung und fehlender Fitness ist die Solo-Wildnis-Trekkerin unfassbar zäh, auch wenn sie zweifelt und kämpft, durch Hitze und Schnee wandert und ihr zwischendurch immer wieder das Geld ausgeht: ans Aufgeben denkt sie zwar immer mal wieder, doch sie tut es nie. Sie erwandert sich die ruhige und wunderschöne Welt des Pacific Crest Trails und sie erwandert sich diese Welt ganz auf sich allein gestellt. Auch wenn sie immer mal wieder auf andere Wanderer trifft, schließt sie sich diesen nur für kurze Zeit an. Ihr großes Ziel ist es, diesen Weg allein zu beschreiten und dabei vielleicht auch etwas für ihr eigenes Leben zu lernen, das sie fast zerstört hat.

Ich blickte nach Norden, in ihre Richtung – der bloße Gedanke an die Brücke war mir ein Ansporn. Ich blickte nach Süden, wo ich herkam, in das wilde Land, das mich vieles gelehrt und mich demütig gemacht hatte, und erwog meine Möglichkeiten. Mir war klar, dass es nur eine gab. Es gab immer nur eine. Weitergehen.

Cheryl Strayed hat aber natürlich nicht nur ein Wanderbuch geschrieben, sondern gleichzeitig auch ein Buch über sich selbst und ihre Vergangenheit. In Rückblicken erzählt sie immer wieder von Momenten der Trauer und des Schmerzes, von dem frühen Tod ihrer Mutter, von ihrem leiblichen Vater, von ihrer Kindheit, die angefüllt war mit Liebe, aber auch mit viel Verwirrung und Einsamkeit. Ich habe einen Moment gebraucht, bis mir diese Frau, die Kondome in den Wanderrucksack packt, um auf dem Weg vielleicht den einen oder anderen Mann abzuschleppen, sympathisch geworden ist, doch irgendwann konnte ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen: ich habe mitgelitten, mitgefiebert.

Der große Trip hat sicherlich keinen hohen literarischen Anspruch, den braucht dieses Buch aber auch nicht. Es ist auch kein Buch für Menschen, die wirklich am Wandern interessiert sind, denn die Autorin macht fast alles falsch, was man falsch machen kann. Mich hat Der große Trip aufgrund der Lebensgeschichte von Cheryl Strayed fasziniert: auch wenn ich immer wieder schmunzeln musste über ihre Unbedarftheit, hat sie mich doch beeindruckt mit ihrem Durchhaltewillen. Als sie die ersten Schritte auf dem Pacific Crest Trail geht, ist Cheryl Strayed am Boden, doch sie findet auf ihrem Weg nicht nur zur Brücke der Götter, sondern auch zu den Wurzeln ihrer Probleme und zu sich selbst. Der große Trip ist ein Buch, das mich nicht nur unterhalten sondern auch begeistert hat, das mich mutig und nachdenklich gemacht hat. Darüber hinaus ist es ein Buch, das eine ganz andere Art und Weise aufzeigt, wie man mit tiefer Trauer umgehen kann.

Das Buch meiner Leben – Aleksander Hemon

Aleksander Hemon wurde 1964 in Sarajewo geboren, seit Ausbruch des Bosnienkriegs lebt er in Chicago. In Deutschland wurde er vor allem durch seinen Roman “Lazarus” bekannt, der mehrfach auf der SWR- und ORF-Bestenliste stand. “Das Buch meiner Leben” ist seine neuste Veröffentlichung und erschien im vergangenen Jahr im Knaus Verlag. Matthias Fienbork war für die Übersetzung verantwortlich.

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“Der Krieg war gekommen, und nun warteten wir darauf, wer überleben, wer töten und wer sterben würde.”

Aleksander Hemon ist Schriftsteller, Immigrant und Vater. Er ist Vater einer Tochter, die lebt und Vater einer Tochter, die verstorben ist. Der Gedanke, dass dieser Mann nicht nur ein Leben lebt, sondern mehrere, ist nicht abwegig, deshalb ist die Wahl des Titels – “Das Buch meiner Leben” – beinahe zwangsläufig. Aleksander Hemon erzählt in diesem Buch seine eigene Geschichte. Es ist eine Geschichte, die 1964 in Sarajewo beginnt, wo er gemeinsam mit seinen Eltern und seiner jüngeren Schwester aufwächst. 28 Jahre später, im Jahr 1992, immigriert er in die USA. Ein kultureller Austausch führt ihn nach Chicago. Der Krieg hat ihn aus seiner geliebten Heimat vertrieben. 1993 folgen seine Eltern, seine Schwester und der Familienhund Mek – sie treffen als Flüchtlinge in Hamilton (Ontario) ein.

“Einwanderung führt zu einer Art Selbstverleugnung. In der Emigration bildet sich ein kompliziertes Verhältnis zur Vergangenheit heraus, zu dem Ich, das früher an einem anderen Ort lebte, wo die Eigenschaften, die uns ausmachten, nicht zur Disposition standen.”

Die Immigration spaltet das Leben von Aleksander Hemon in ein Vorher und Nachher. Nüchtern, aber erfrischend ehrlich und immer wieder humorvoll, zieht Aleksander Hemon Bilanz. Er erinnert sich zurück an sein Leben in Sarajewo, das zunehmend vom Bosnienkrieg überschattet wurde. Er erinnert sich an Momente, in denen er um das Leben seiner Freunde fürchtet, an Momente, in denen er um das Leben seines geliebten Hundes fürchtet. Er erinnert sich aber auch an eine natürliche Bindung, die zwischen ihm und seinem Heimatland bestand. In dem Leben, das er in Bosnien geführt hat, hat er sich wohl gefühlt – in einer abgelegenen Hütte verbringt er mit Mek häufig seine Wochenenden, liest manchmal zehn Stunden am Stück. Doch irgendwann lassen die Bomben sich nicht mehr überhören.

“Nach den Erfahrungen meiner Schwester bin ich oft geneigt, auf die Frage ‘Was sind Sie’ stolz zu antworten: ‘Schriftsteller.’ Aber das passiert selten, denn es ist nicht nur prätentiös, sondern auch ungenau – als Schriftsteller empfinde ich mich nur, wenn ich schreibe. Ich sage also, ich sei kompliziert. Ich würde auch gern hinzufügen, dass ich im Grunde genommen ein Wirrwarr unbeantwortbarer Fragen bin, ein Haufen anderer.”

Als Immigrant in Amerika beginnt für ihn ein ganz neuer Lebensabschnitt: der Verlust der Heimat und der Sprache ist einschneidend. Den harten Akzent legt er nur langsam ab. Aleksander Hemon blickt zurück auf seine ersten Wochen in Amerika und darauf, wie es ihm gelungen ist, sich diese neue Welt zu erschließen. Mit dem Sprechen von Englisch tut er sich lange schwer, doch bereits früh beginnt er damit, Englisch als seine Schreibsprache zu nutzen. Es entstehen erste schriftstellerische Texte.

“Zehn Stunden am Stück zu lesen hatte immer einen besonderen Effekt: Es versetzte mich in eine Art Trance, in der ich durchschnittlich vierhundert Seiten pro Tag schaffte. Das Buch verwandelte sich in einen großen Raum, in dem ich mich bewegte, selbst beim Essen, beim Wandern, beim Schlafen – ich bewohnte ihn. In der Woche, die ich für Krieg und Frieden brauchte, träumte ich regelmäßig von Bolkonski und Natascha.”

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Im Juli 2010 ist Aleksander Hemon nicht mehr nur der bosnische Immigrant, sondern ein international erfolgreicher Schriftsteller. Seine beiden Leben hat er so gut er konnte in Einklang bringen können, um eine Identität hat er lange gerungen, doch durch das Schreiben ist es ihm gelungen, ihr nahe zu kommen. Zu Hause warten auf ihn seit einiger Zeit seine neue amerikanische Frau Teri und die beiden Töchter Isabel und Ella. Doch in diesem Moment des größten Glücks und innerer Zufriedenheit muss er die Erfahrung machen, dass sein neues Leben genauso brüchig ist, wie das alte. Glück ist nie fest, es kann einem so durch die Finger rinnen: Isabel erkrankt mit neun Monaten an einem aggressiven Hirntumor. Der Moment der Diagnose ist ein Moment, der das Leben von Aleksander Hemon erneut in ein Vorher und ein Nachher teilt. Er fühlt sich, als wäre er unter Wasser geraten, als würde er in einem Aquarium leben.

“Ich konnte nach draußen sehen, die Leute draußen konnten mich sehen (sofern sie überhaupt Notiz von mir nahmen), aber wir lebten und atmeten in zwei völlig separaten Welten. Isabels Krankheit und unsere Erfahrungen hatten nichts mit den anderen Leuten zu tun, betrafen sie nicht.”

Aleksander Hemon gelingt mit “Das Buch meiner Leben” eine unprätentiöse und lesenswerte Erzählung seines eigenen Lebens, die gespickt ist mit viel Humor (“Unsere Familie war keine demokratische Veranstaltung.”), aber auch mit tieferen Gedanken über den verheerenden Krieg in Bosnien und der Situation des Flüchtlings in Amerika. Er wirft Fragen zur Immigration und Identitätsbildung auf. Darüber hinaus reflektiert Aleksander Hemon die Bedeutung des Schreibens und den Tod seiner eigenen Tochter. Das Sterben eines eigenen Kindes muss wohl immer ein kaum beschreibbarer Moment sein, der das Leben in zwei Hälften teilt: in ein glückliches Vorher und ein bedeutungsleeres Nachher. Es sind wohl diese Passagen, die sich mit dem Sterben seiner kleinen Tochter beschäftigen, die mich am stärksten berührt haben.

“[…] wie tritt man aus solch einem Moment? Wie lässt man sein totes Kind da und kehrt zurück in den leeren Alltag dessen, was man als sein Leben bezeichnen könnte?”

In “Das Buch meiner Leben” setzt sich Aleksander Hemon lesenswert und sehr berührend mit den Momenten des Lebens auseinander, die das, was man Leben nennt, in ein Vorher und Nachher unterteilen. Wie geht man mit einschneidenden Veränderungen um, die sich nicht mehr umkehren lasen? “Das Buch meiner Leben” ist ein intensives Zeugnis über die Leben, die Aleksander Hemon lebt und die Kraft des Erzählens, des Schreibens und die Macht der Worte.

Ich weiß, ich war’s – Christoph Schlingensief

Christoph Schlingensief wurde 1960 in Oberhausen geboren und hat als Film-, Theater- und Opernregisseur gearbeitet. 2008 wurde bei Christoph Schlingensief Lungenkrebs diagnostiziert und er thematisierte seine Krebserkrankung in dem Tagebuch “So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein”. In diesem Buch gelingt es Schlingensief auf beeindruckende Art und Weise, der Sprachlosigkeit, die einer Krebsdiagnose folgt, wieder eine Sprache zu geben; die Ohnmacht in Worte zu kleiden. “So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein” ist ein beeindruckendes und gleichzeitig auch ein schrecklich schwer auszuhaltendes und vor allem auch ein erschütterndes Buch, das dennoch sehr viel Mut machen kann. In den folgenden zwei Jahren, bis zu seinem Tod am 21. August 2010, arbeitete Schlingensief überwiegend an der Realisierung seiner Idee für ein “Operndorf Afrika”, bei dessen Grundsteinlegung im Februar 2010 in Burkina Faso er noch dabei sein konnte.

Christoph Schlingensief war ein vielseitiger und auch streitbarer, kontroverser Künstler, der sich immer wieder selbst ausprobiert hat. “Ich weiß, ich war’s” hat im Gegensatz zu “So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein” keine klare Struktur oder Chronologie. Es ist zusammengesetzt aus Notizen, Aufzeichnungen, E-Mails oder auch Interviewausschnitten, die von Christoph Schlingensief zwischen den Jahren 2009 und 2010 gesammelt wurden und für eine Veröffentlichung vorgesehen waren. Ursprünglich hatte Christoph Schlingensief vor, eine Autobiographie zu veröffentlichen, dazu ist es leider nicht mehr gekommen. Christoph Schlingensiefs langjährige Lebensgefährtin und Frau Aino Laberenz hat seine Notizen geordnet, zusammengestellt und herausgegeben und ihrem Mann damit ein würdiges und eindrucksvolles Denkmal gesetzt.

Vorweg ein Wort zum Cover: Die Figur des Hasen, die sich auch auf dem Buchcover wiederfindet, hat in Schlingensiefs Produktionen immer wieder eine wichtige Rolle gespielt.

“Wo man auch hinkommt, spielt der Hase in Mythen und Geschichten eine wichtige Rolle. Es gibt ihn in Asien als Hase im Mond, es gibt ihn bei Fibonacci, diesem mittelalterlichen Mathematiker, der mit einer Zahlenreihe das Wachstum einer Hasenpopulation beschrieb, es gibt ihn bei Beuys. Und es gibt ihn in Afrika […].”

In dem Vorwort, das dem Buch vorangestellt ist, beschreibt Aino Laberenz die Entstehung von “Ich weiß, ich war’s”. Bereits kurz nach der Veröffentlichung von “So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein” hat Christoph Schlingensief wieder damit begonnen, seine “Gedanken, Erinnerungen und Erlebnisse” auf Tonband festzuhalten.

“Christophs Absicht war es nicht, Resümee zu ziehen oder schleichend Abschied zu nehmen. Er wollte sich ins Leben zurückkatapultieren, sich erinnern, um zu vergessen – und um wieder anzufangen.”

“Ich weiß, ich war’s” – der Titel spielt darauf an, dass Chrisoph Schlingensief immer die volle Haftbarkeit […] in seiner Arbeit und in seinem Leben von sich verlangte” – ist vieles: Biographie, Werkschau, Rückblick und auch ein Blick in die Zukunft von einem Menschen, der lange glaubte noch eine Zukunft zu haben. Aino Laberenz fasst an einer Stelle in ihrem Vorwort die Themen des Buches so wundervoll zusammen, dass mir eigentlich nichts anderes zu sagen übrig bleibt:   

“Er erzählte von Kindheit und Kinomanie, von Kunst in Berlin und Containern in Wien, schlug Bögen vom Wohnzimmer seiner Eltern zum Bayreuther Festspielhaus, von der Faszination für Kameratechnik zur Vorliebe für die Drehbühne, von ersten Filmversuchen in Oberhausen zum Operndorf in Burkina Faso – ein unerschöpfliches Geflecht aus Lebenslinien, Zufällen und logischen Konsequenzen.”

Den besonderen Ton von Christoph Schlingensief, der sein Krebstagebuch so intensiv und lesenswert macht, findet man auch in “Ich weiß, ich war’s” von Beginn an wieder. Schlingensief beginnt am 31. Juli 2009 wieder damit in “seine Maschine” zu sprechen.

“Es wächst immer mehr diese komische Angst, dass doch alles nur eine zeitlich begrenzte Angelegenheit ist, und zwar nicht eine von zwanzig Jahren oder dreißig Jahren, sondern eine Zeitbegrenzung, die mir einfach nur Kummer bereitet. Weil ich denke, es könnte auch sein, dass man schon nächstes Jahr weg ist. Also dass ICH schon nächstes Jahr weg bin.”

Diese Worte lösen Gänsehaut bei mir aus, vielleicht auch gerade deshalb, weil Christoph Schlingensief tragischerweise Recht behalten sollte: etwas mehr als ein Jahr später ist er verstorben.

“Oft heule ich schon beim Aufwachen. Ich kann nicht so einfach Abschied nehmen, will es auch nicht. Auch wenn ich das Gefühl nicht loswerde, dass es doch so sein wird. Irgendwann sowieso, aber im Moment zersprengt es alles.” 

Auf den folgenden Seiten erzählt Christoph Schlingensief mitreißend über seine unterschiedlichen Kunstprojekte. Da ich zum Zeitpunkt von vielen seiner Aktionen noch relativ jung gewesen bin, waren seine Schilderungen neu für mich: er schreibt über die Partei, die er gegründet hat, und seine Idee das Ferienhaus von Helmut Kohl zu fluten, die grandios gescheitert ist. Er berichtet über eine Kunstaktion mit einem Container in der berühmtesten Einkaufmeile Wiens, mit der er auf die unhaltbaren politischen Zustände in Österreich aufmerksam machen wollte und er schreibt über seine vielfältigen Tätigkeiten in der Film-, Theater- und Opernwelt.  Bewundernswert finde ich an seinen Aufzeichnungen, dass Schlingensief immer wieder bereitwillig auch Fehler eingesteht und sich und seine Aktionen im Rückblick selbstkritisch hinterfragt.

“Ich habe also den Hintergedanken, dass es ein zweites Buch gibt. Weil ich glaube, dass es kein gutes Ende nimmt. Und wenn, dann kann ich mich nicht damit begnügen, eine kleine Fahrstrecke beschrieben zu haben. sondern dann, finde ich, ist es auch richtig zu sagen: Ich bin irgendwann im Eis stecken geblieben, ich bin nicht zum Nordpol gekommen, ich habe nicht den Mond erreicht, ich habe meine politischen Ansichten nicht durchsetzen können, ich habe auch keine Massenbewegung erzeugt, ich habe keine Kunst kreiert, die sich durchsetzen wird.” 

Was alle Projekte von Schlingensief gemeinsam haben, ist die Tatsache, dass er sie immer mit ganzem Herzen und vollem Einsatz betrieben hat. Am Ende des Buches beschreibt Schlingensief sein wohl wichtigstes Projekt, dass zum Zeitpunkt seines Todes noch im Entstehen gewesen ist: das “Operndorf Afrika” in Burkina Faso. Dieses Projekt, verbunden mit seinem Engagement für die Bevölkerung in Burkina Faso, hilft Christoph Schlingensief dabei leichter Abschied nehmen zu können.

“Ich weiß, ich war’s” ist ein intensives Zeugnis eines beeindruckenden Künstlers. Eines Künstlers mit vielen Gesichtern: bitterböse, harmoniesüchtig, ängstlich und doch immer auch hoffnungsfroh. “Ich weiß, ich war’s” ist gleichzeitig auch ein unheimlich beklemmendes Leseerlebnis: anders als in Schlingensiefs Krebstagebuch überwiegt hier an vielen Stellen die Hoffnung, der Lebenswille, alles in Christoph Schlingensief ist auf die Zukunft ausgerichtet, an die er bis zuletzt geglaubt hat. Passenderweise endet “Ich weiß, ich war’s” mit einem Drehbuchentwurf, den Schlingensief kurz vor seinem Tod schrieb.

Mich hat “Ich weiß, ich war’s” sehr beeindruckt zurückgelassen. Nach der Lektüre habe ich mich durchlässig gefühlt. Der Fluss der Worte, die diese ganze besondere literarische Stimme von Christoph Schlingensief in mir erzeugt haben, hat mich sehr berührt. Es ist eine interessante, aber keine leichte Lektüre. Man muss vieles aushalten können und doch ist es ein Buch, das ich nur weiterempfehlen kann.

Meine Rezension abschließen möchte ich mit einigen Worten von Christoph Schlingensief, die sich relativ am Ende des Buches finden:

“Das Geschäft läuft gut und Krebs zieht. Das habe ich gemerkt. Ich habe aber auch gemerkt, dass ich keinen Bock mehr habe auf die Nummer, dass die Leute sagen, ah ja, der hat Krebs und jetzt sehe ich erst mal, was der da macht, jetzt sehe ich das mit ganz anderen Augen, der Junge ist viel sensibler, als ich dachte, und hör mal, was der mit der Musik macht, der fühlt jetzt plötzlich auch mehr und der ist ja sowieso bald weg. Alle sind jetzt so zärtlich zu mir und dann kann ich nur sagen: Wer mich heute Abend noch mal umarmt, dem schlag ich in die Fresse! Dem schlag ich wirklich in die Fresse! Das geht so nicht weiter. Bloß weil man Krebs hat. Ich habe immer das Gleiche gemacht. Ich habe mein Leben lang das Gleiche gemacht, ich habe mich noch nie verändert in meinem Leben.”

Blaue Stunden – Joan Didion

didio-blaue-stunden“In manchen Breitengraden gibt es vor der Sommersonnenwende und danach eine Zeitspanne, nur wenige Wochen, in der die Dämmerungen lang und blau werden.”

Auf den ersten beiden Seiten ihres Berichts erklärt Joan Didion das Phänomen der blauen Stunde, das die Franzosen “l’heure bleue” und die Engländer “the gloaming” nennen.

“Blaue Stunden sind das Gegenteil sterbenden Glanzes, aber sie sind auch seine Vorboten.”

Joan Didion wurde hier in Deutschland vor allem durch die Veröffentlichung von “Das Jahr magischen Denkens” bekannt, in dem sie sich mit dem plötzlichen Sterben ihres Mannes John Dunne auseinandersetzt. Später erschien dazu auch ein Theaterstück, das in der Schauspielerin Vanessa Redgrave die einzige Besetzung hatte. Im Vorfeld der Veröffentlichung von “Blaue Stunden” erschienen in vielen Zeitungen (“Die Zeit” und “FAZ” seien an dieser Stelle einmal exemplarisch erwähnt; darüber hinaus gab es noch einen interessanten Artikel in “Der SPIEGEL”, den ich jedoch leider nicht verlinken kann) Berichte über Joan Didion, die mit ihren Essays und Romanen zuvor noch nie so viel Aufmerksamkeit bekommen hatte. Schon nach der Lektüre von “Meine Zeit der Trauer” von Joyce Carol Oates habe ich bereits vor einigen Monaten wieder sehr intensiv an Didions “Das Jahr magischen Denkens” denken müssen. Trotz aller Unterschiede sind sich beide Werke in ihrer Thematik doch sehr ähnlich.

“Blaue Stunden” wollte ich unbedingt lesen; ich habe es als eine Art Fortsetzung von “Das Jahr magischen Denkens” empfunden und wollte wissen, was aus Didions Tochter Quintana geworden ist, die beinahe zeitgleich zum Tod von John Dunne, sehr schwer erkrankt. Genau damit setzt sich Joan Didion in “Blaue Stunden” auseinander. Joan Didion beginnt mit den Aufzeichnungen ihrer Erinnerungen am 26. Juli 2010, dem siebten Hochzeitstag ihrer Tochter.

“Die Erinnerung verblasst, die Erinnerung passt sich an, die Erinnerung fügt sich dem, woran wir uns zu erinnern glauben.”

Genau sieben Jahre zuvor, am 26. Juli 2003 heiratet Quintana ihren Ehemann Gerry. Am Ende desselben Jahres fällt sie nach einer schweren Lungenentzündung ins Koma. Beinahe zwei Jahre später, am 26. August 2005 stirbt Quintana schließlich.

“Zwanzig Monate, in denen sie insgesamt vielleicht nur einen Monat lang stark genug war, um ohne Hilfe zu laufen.”

Am 26. Juli 2010 beginnt Joan Didion zu schreiben, sich mit dem Tod ihrer einzigen Tochter auseinanderzusetzen. Damit, dass sie alleine zurückbleiben wird. Nicht nur ihr Ehemann ist vor ihr gestorben, sondern auch ihr eigenes Kind. Ihre Tochter Quintana.

“Die Zeit vergeht. Könnte es sein, dass ich das nie geglaubt habe? Hatte ich geglaubt, die blauen Stunden würden für immer andauern?”

Ähnlich  wie die Aufzeichnungen in “Das Jahr magischen Denkens” ist das, was Didion schreibt, sehr roh – wirkt zum Teil unfertig, an einigen Stellen wie zerstückelt. Es fehlen Sinnzusammenhänge. Der Tod Quintanas, die Tatsache, dass sie als einzige übrig geblieben ist, bringt Didion zum Nachdenken. Ausgehend vom Tod ihrer Tochter, beginnt sie auch über ihr eigenes Leben zu reflektieren, über ihre Vergangenheit, ihr Alter, den Tod und die eigene Vergänglichkeit. Sie blickt zurück auf das Leben von Quintana, wobei dabei für mein Empfinden sehr stark die eigene Unzulänglichkeit als Mutter im Vordergrund steht. Eine Unzulänglichkeit, die Didion zumindest so empfindet. Es überwiegt das Gefühl, der von Didion und Dunne adoptierten Quintana, keine guten Eltern, keine gute Mutter gewesen zu sein. Didion glaubt, dass sie es sich nie gestattet hat, es sich nicht “erlauben konnte”, ihre Tochter wirklich zu sehen. Die Persönlichkeit ihrer Tochter. Die schöne Zeit, die Augenblicke, die man miteinander hätte genießen können.

“Habe ich ihr ganzes Leben dafür gesorgt, dass es eine schalldichte Wand zwischen uns gab? Zog ich es vor, das, was sie wirklich sagte, nicht zu hören.”

Didion schreibt auch über ihre zunehmende körperliche Schwäche, die sie empfindet, für die die Ärzte jedoch keine Ursache finden können. Zumindest keine medizinische. Eines Tages stürzt sie in ihrer eigenen Wohnung und schafft es trotz dreizehn Telefonen nicht, sich Hilfe zu rufen. Zwei Tage lang liegt sie dort auf dem Boden.

Und doch kann sie am Ende ihrer Aufzeichnungen darüber berichten, dass die Trauer um Quintana stetig geringer wird. Wobei geringer sicherlich das falsche Wort ist – es wird täglich aushaltbarer, erträglicher. Was ihr dabei vor allem hilft, ist ihre Arbeit. “In Schwung zu bleiben” nennt Didion das. Trotz Quintanas Tod schafft sie es kurz darauf zu ihrer geplanten Lesereise aufzubrechen.

“Ich kann es mir jetzt erlauben, an sie zu denken. Ich weine nicht mehr, wenn ich ihren Namen höre. Ich stelle mir nicht mehr vor, wie der Transporter gerufen wird, um sie ins Leichenschauhaus zu bringen, nachdem wir die Intensivstation verlassen haben.”

Was am Ende bleibt, sind viele blinde Flecken, die auch von Didion nicht ausgefüllt werden können. Sie schweigt darüber. Über Quintanas biologische Familie, die sich plötzlich wieder zurück in ihr Leben drängelte. Über Quintanas psychische Verfassung – die Ärzte diagnostizieren eine Borderline-Störung. Und auch Quintanas Alkoholsucht bleibt nahezu unerwährt. Seltsam ausgespart.

“Blaue Stunden” hat mir gefallen. Joan Didion ist eine interessante und bewundernswerte Frau, mit vielen faszinierenden Gedanken. Ihr Bericht beschäftigt sich mit den wohl wichtigsten menschlichen Themen, dem Altern und dem Tod. Die rohe Sprache und der leicht unfertige Anschein verleihen dem Text eine ganz besondere Stimmung und ich habe mich beim Lesen gefühlt, als würde ich ganz sacht Didions Gedankenstrom verfolgen. An dieser Stelle sei auch erwähnt, dass das Buch hervorragend von der Autorin Antje Rávic Strubel übersetzt wurde.

Und dennoch reicht “Blaue Stunden” für mich nicht an “Das Jahr magischen Denkens” heran, das mich damals noch ein bisschen mehr packen und begeistern konnte. Eine gelungen Fortsetzung ist “Blaue Stunden” mit Sicherheit – doch allen Didion-Anfängern würde ich wohl eher “Das Jahr magischen Denkens” zum Einstieg empfehlen.

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