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Kämpfen – Karl Ove Knausgård

Mit Kämpfen liegt nun auch endlich auf Deutsch der sechste Band von Karl Ove Knausgårds autobiographischem Romanprojekt vor – und damit gleichzeitig auch der Abschluss. Kaum ein anderer Schriftsteller polarisiert zurzeit so wie der Norweger, denn die Meinungen über Knausgård gehen immer wieder weit auseinander. Für die einen ist er ein Narzisst, für die anderen ein literarischer Star. Ich gehörte bisher zu seinen begeisterten Lesern, denn seine Bücher berühren mich und hauen mich gleichzeitig um.

“Dieser Roman hat allen in meiner Umgebung wehgetan, und er hat mir wehgetan, und in einigen Jahren, wenn sie groß genug sind, um ihn zu lesen, wird er meinen Kindern wehtun.

Während sich Karl Ove Knausgård in den ersten fünf Bänden seines Romanprojekts – das im Norwegischen den Titel Min kamp trägt – vor allem der Vergangenheit widmet und von seiner Kindheit und den Erfahrungen, die er als junger Mann gemacht hat, erzählt, liest sich der sechste Band ein wenig anders. Er berichtet darin von der Zeit zwischen 2008 und 2011. Das ist die Zeit, in der in Norwegen der erste Band seines Romanprojektes erschienen ist.

Knausgård erzählt von den Schwierigkeiten, die es mit der Veröffentlichung gegeben hat. Dazu muss man wissen, dass er in Min kamp schonungslos über sich und seine eigene Familie schreibt. Vor allem erzählt er davon, wie sein Vater Alkoholiker wurde und sich im Haus seiner eigenen Mutter zu Tode getrunken hat. Vor der Veröffentlichung seines Buches hat er das Manuskript seinen nächsten Angehörigen zum Gegenlesen gegeben. Sein Onkel Gunnar war nicht einverstanden damit, wie sein Bruder im Buch dargestellt wird und strengte deshalb eine Klage an.

Meine Frage ist, warum wir geheim halten, was wir geheim halten. Worin besteht das Schamvolle am Verfall? Ist es diese vollständige menschliche Katastrophe? Die vollständige menschliche Katastrophe zu erleben, ist furchtbar, aber darüber zu erzählen? Warum Scham und Geheimniskrämerei gegenüber Dingen, die im Grunde genommen vielleicht das Menschlichste überhaupt sind? Was ist daran so gefährlich, dass wir es nicht laut sagen können?

Einen Großteil des Buches machen die Sorgen und Ängste von Karl Ove Knausgård aus, der sich nicht nur vor den Reaktionen seiner Verwandten fürchtet, sondern auch davor, dass seine Wahrheit und Wahrnehmung in Zweifel gezogen wird. Während er selbst glaubt, dass sein Vater an Alkoholismus gestorben ist, glaubt Gunnar, dass das Herz seines Bruders einfach stehen geblieben ist.

Die Beschreibungen dieser Auseinandersetzungen werden immer wieder abgelöst durch Beschreibungen des banalen Alltags mit drei Kindern – diese Alltagserlebnisse aus dem Leben eines Vaters erstecken sich häufig über mehrere Seiten. Anders als in den anderen fünf Bänden gibt es dieses Mal aber auch viele essayistische Einschübe: Karl Ove Knausgård analysiert nicht nur Gedichte, sondern begibt sich auch zurück ins 20. Jahrhundert und erzählt aus dem Leben von Adolf Hitler und dem Aufstieg der Nationalsozialisten. Seine Betrachtung dieser Zeit liest sich – gerade auch vor dem aktuellen Hintergrund – beängstigend.

Ich halte es für richtig zu sagen, dass alles, was damals geschah, eben nicht unmenschlich, sondern menschlich war, und dass es gerade deshalb so schrecklich und so eng, ganz eng mit uns selbst und unserem Leben verbunden ist, und dass wir es, um es zu sehen und dadurch zu beherrschen, an einen Ort außerhalb des Menschlichen rücken, als etwas Unantastbares, das nur erwähnt werden kann, wenn es auf eine bestimmte, sorgsam kontrollierte Weise geschieht.

Leider ist es aber auch so, dass sich die essayistischen Einschübe mit der Zeit sehr angestrengt lesen – man hat das Gefühl, Karl Ove Knausgård wirft viele Themen in einen Topf und rührt dann einmal kräftig um. Das eine oder andere Mal verirrt er sich dann selbst in dieser Mischung, beispielsweise dann, wenn er über 50 Seiten lang ein Gedicht von Paul Celan interpretiert. Ich muss deshalb ganz ehrlich sagen: auch wenn ich ein großer Fan des norwegischen Autors bin, habe ich den einen oder anderen dieser Einschübe dann doch auch großzügig überblättert. Kämpfen ist mit großer Sicherheit nicht das stärkste der sechs Bände – vielleicht, weil Knausgård darin zu viel über sein Projekt erzählt und zu wenig von sich selbst. Der große Lesesog stellt sich bei mir dann wieder ein, wenn er über die Erkrankung seiner Frau Linda schreibt, die psychisch labil ist und nach dem Lesen des Manuskripts einen furchtbaren und sehr erschreckenden Zusammenbruch erlebt. Sie erhält die Diagnose einer bipolaren Störung und ist wochenlang nicht mehr in der Lage ein normales Leben zu führen. Hier öffnet Knausgård wieder alle Türen zu der privaten Sphäre seiner Familie und schreibt von seinen intimsten Gedanken und Gefühlen und hier schafft er es auch wieder – anders als bei seinen essayistischen Einschüben – mich zu packen.

Das, was mich für Karl Ove Knausgård so eingenommen hat, war die Art und Weise, wie er schonungslos und mit großer Offenheit Einblicke in sein Leben gegeben hat. In das tägliche Glück und Unglück, in seine dunklen Stunden, seine Schwächen und Schwierigkeiten, in Scham und Verzweiflung und in den banalen Alltag. Fünf Bände lang war ich fast eher eine Voyeurin und keine Leserin. Leider funktioniert all das im letzten Band nur noch bedingt – statt zu erzählen, liefert Knausgård über weite Strecken eher einen erklärenden Kommentarband ab.

Auf der anderen Seite ist dies ein Buch über mich und meinen Vater, es geht um meinen Versuch, ihn und das, was mit ihm passiert ist, zu verstehen. Um das zu tun, bin ich gezwungen, bis zum Kern vorzudringen, in das Inferno, das er am Ende entfachte, wo er nicht nur sich selbst und ihr Haus ruinierte, sondern auch Grußmutters letzte Jahre, abgesehen davon, dass er auch allen anderen um sich herum schadete.

Für mich hat sich nie die Frage gestellt, ob die Bücher von Karl Ove Knausgård große Literatur sein mögen: seine Bücher rühren mich, seine intensive Selbstreflexion regt mich dazu an, über meine eigene Vergangenheit nachzudenken. An anderer Stelle habe ich einmal geschrieben, dass das Lesen der Bücher von Karl Ove Knausgård mich nachdenklicher, weicher, offener und durchlässiger macht. Es gibt wohl keine anderen Bücher, aus denen ich so viel über mich selbst gelernt und so viel für mich mitgenommen habe. Ich glaube, dass das für viele einen großen Reiz bei der Lektüre ausmacht: wer Lust darauf hat, über sich selbst und sein eigenes Leben nachzudenken, wer Seite an Seite mit einem Autor nachforschen möchte, warum er so geworden ist, wie er ist, der sollte die Bücher von Karl Ove Knausgård lesen – aber vielleicht besser nicht mit dem sechsten Band anfangen.

SterbenLiebenSpielenLebenTräumen

Karl Ove Knausgård: Kämpfen. Aus dem Norwegischen von Paul Berf und Ulrich Sonnenberg. Luchterhand, 2017. 1260 Seiten, €29. 

Träumen – Karl Ove Knausgård

Kaum ein anderer Schriftsteller polarisiert zurzeit so sehr, wie der Norweger Karl Ove Knausgård. Die einen finden ganz viel in seinen Büchern, den anderen ist das, was er schreibt viel zu wenig – und schon gar nicht handelt es sich dabei um große Literatur. Für mich gleichen die Bücher von Karl Ove Knausgårds einer Lesesucht: ob große Literatur oder auch nicht, sie rühren und berühren mich und lassen mich kaum wieder los. Ist das nicht das Wichtigste?

Träumen

“Ich wusste so wenig, wollte so viel, brachte nichts zustande.” 

Träumen ist der fünfte Band von Karl Ove Knausgårds autobiographischem Projekt Min Kamp – zuvor sind bereits Leben, Spielen, Lieben und Sterben erschienen. In Träumen schreibt Karl Ove Knausgård mit großer Gelassenheit über all die Ängste und Selbstzweifel, die ihn sein ganzes Leben lang verfolgt haben. Auf fast 800 Seiten erzählt er von den vierzehn Jahren, die er in der norwegischen Stadt Bergen verbrachte, bevor er schließlich die Flucht nach Stockholm angetreten ist. Es waren vierzehn Jahre, die geprägt gewesen sind von dem Wunsch Schriftsteller zu werden – ein Jahr hat er dafür sogar an der Schreibakademie studiert. Vierzehn Jahre, die gleichzeitig aber auch von dem andauernden Gefühl bestimmt waren, nicht gut genug dafür zu sein. Nicht gut genug schreiben zu können.

“Die vierzehn Jahre, die ich  in Bergen lebte, von 1988 bis 2002, sind längst vorbei, geblieben sind von ihnen lediglich einige Episoden, an die sich manche Menschen eventuell erinnern, ein Geistesblitz hier, ein Geistesblitz da, und natürlich alles, was mir selbst aus jener Zeit im Gedächtnis geblieben ist.”

In Träumen begleiten wir also einen jungen Karl Ove Knausgård durch sein Leben: Seite an Seite mit ihm erleben wir seine ersten ungelenken Beziehungen, wir erleben den Rausch und die darauf folgenden Abstürze, und wir erleben all die dunklen und düsteren Stunden, in denen Knausgård so verzweifelt versucht Schriftsteller zu werden und dabei immer wieder heimgesucht wird von Selbstzweifeln und der Angst davor, an den eigenen Ansprüchen zu scheitern: “Ich habe das Gefühl, nicht gut genug zu sein, um dazuzugehören. Ich schreibe einfach nicht gut genug.”

“Ich wollte nur eins, weitertrinken, dieses Leben führen, auf alles scheißen, aber wenn ich es tat, stieß ich jedes Mal an eine Grenze, eine Art Mauer aus Kleinbürgerlichkeit und Mittelschicht, die sich nicht ohne gewaltige Qualen und Ängste überwinden ließ. Ich wollte, konnte aber nicht. Im tiefsten Inneren war ich bieder und anständig, ein Streber, und vielleicht, so überlegte ich, war das ja auch der Grund dafür, dass es mir nicht gelingen wollte zu schreiben.”

Was mich dabei am meisten beeindruckt, ist die Schonungslosigkeit des Autors: Knausgård scheut nicht davor zurück, sich auch mit unangenehmen Gefühlen und Erinnerungen auseinanderzusetzen. Immer wieder seziert er sein eigenes Verhalten, das zwischen Selbstüberschätzung und Selbstzweifeln schwankt, zwischen unbändiger Wut und tiefer Traurigkeit, zwischen dem Wunsch danach zu gefallen und dem Bedürfnis sich abzugrenzen. Er erzählt davon, wie er im Schreibseminar die Geschichte einer Mitstudentin abgeschrieben und als seine eigene ausgegeben hat. Er erzählt von dem Neid auf seine Kollegen, von denen viele schon ihren Buchvertrag in der Tasche haben. Und er erzählt von seinem Alkoholkonsum: bereits früh im Buch wird deutlich, dass Knausgård zu viel trinkt. Jeder Versuch von ihm ein gutes Leben zu führen, scheitert dann, wenn er sich wieder einmal bis zur Besinnungslosigkeit betrinkt: er betrügt seine Freundin, verletzt im Streit seinen Bruder und bringt auch sich selbst immer wieder in Gefahr.

Knausgard-Autogramm

“[…] dass ich ein Wannabe war, der in Wahrheit überhaupt nicht schreiben konnte, dass ich nichts zu sagen hatte, mir selbst gegenüber aber nicht ehrlich genug war, um daraus die Konsequenz zu ziehen, weshalb ich versuchte, um jeden Preis in der literarischen Welt Fuß zu fassen. Allerdings nicht als jemand, der selbst etwas erschuf, als jemand, der schrieb und veröffentlicht wurde, sondern als ein Schmarotzer, als jemand, der schrieb, wie die anderen schrieben, ein Sekundärmensch.

Für mich ist die Frage danach, ob die Bücher von Karl Ove Knausgård große Literatur sein mögen gar nicht so wichtig: seine Bücher rühren mich, seine intensive Selbstreflexion regt mich dazu an, über meine eigene Vergangenheit nachdenken. Knausgård hat keine Scheu davor, sich auch mit Dingen auseinanderzusetzen, die man eigentlich lieber vergessen möchte und er scheut sich auch nicht davor, Gefühl zu zeigen: in Träumen wird immer wieder ganz viel geweint. Mich machen die Bücher von Karl Ove Knausgård nachdenklicher, weicher, offener, durchlässiger. Es gibt wohl keine anderen Bücher, aus denen ich so viel gelernt und so viel für mich mitgenommen habe. Auch Träumen macht da keine Ausnahme.

Ich glaube, dass das für viele einen großen Reiz bei der Lektüre ausmacht: wer Lust darauf hat, über sich selbst und sein eigenes Leben nachzudenken, wer Seite an Seite mit einem Autor nachforschen möchte, warum er so geworden ist, wie er ist, der sollte die Bücher von Karl Ove Knausgård lesen. Am besten alle. Am besten von vorne. Anfangen kann man aber natürlich auch direkt mit Träumen oder mit einem der anderen Bände. Hauptsache Knausgård lesen.

 

Literarischer Superstar

KnausgardSeit einigen Wochen ist Karl Ove Knausgård in aller Munde. Während sein erster Roman, “Alles hat seine Zeit”, nicht viel mehr war, als ein literarischer Geheimtipp, ist aus dem norwegischen Schriftsteller mittlerweile ein weltweit gefeierter Star geworden. Es ist sicherlich nicht verkehrt, von einem Knausgård-Hype zu sprechen. Berichtet wird darüber praktisch überall: hierdort und auch da. Es ist das ungewöhnliche Romanprojekt “Min kamp” (Sterben, Lieben, Spielen, Leben), das ihn plötzlich in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses katapultiert hat.

In der heutigen Ausgabe der Literarischen Welt gibt es einen Essay von Karl Ove Knausgård, der den Titel “Du bist niemand” trägt und von Ulrich Sonnenberg übersetzt wurde. Dort setzt sich Knausgård mit der Frage auseinander, warum so viele Menschen sich verzweifelt wünschen, gesehen zu werden, berühmt zu werden. Was für ein Bedürfnis dahintersteckt und wie er dieses Bedürfnis im Schreiben stillen konnte.

Ein Blick in diesen lesenswerten Essay lohnt sich sehr! Darüberhinaus lohnt sich auch ein Blick in dieses Video, das Karl Ove Knausgård im Gespräch mit Jeffrey Eugenides zeigt.

 

Brutal ehrlich

Collage Knausgard

Es lohnt sich mal wieder der Gang zum Zeitschriftenladen. Diesmal aufgrund eines großartigen Porträts in der Wochenzeitung “der Freitag” von Mikael Krogerus über den streitbaren Schriftsteller Karl Ove Knausgård.

“Karl Ove Knausgård hat aus seinem Leben einen schmerzhaft offenen Romanzyklus gemacht. Auf 4.000 Seiten erzählt er von seinem Kampf, ein moderner Vater und Ehemann zu sein – und der Sehnsucht nach Freiheit und archaischer Männlichkeit. Seine Frau kam nach der Lektüre in die Psychiatrie.”

Berühmt wurde Karl Ove Knausgård durch seinen Romanzyklus “Min kamp”, von dem im Deutschen bisher drei Bände erschienen sind. Alle drei habe ich mit großem Vergnügen verschlungen, “Lieben” und “Spielen” habe ich auf meinem Blog vorgestellt – der vierte Band “Leben” erscheint in diesem Frühjahr.

Collage Knausgard 2

 

Mikael Krogerus ist ein Porträt über Knausgård gelungen, aus dem ganz viel Liebe für dessen Bücher spricht, in dem jedoch auch die schwierigen und unbequemen Seiten des norwegischen Autors, der mittlerweile in Schweden lebt, thematisiert werden. Über die Bedeutung und die Qualität der 4.000 Worte, die Knausgård über sich, sein Leben und seinen Kampf geschrieben hat, lässt sich streiten und doch haben sie eine Sogwirkung, der man sich nur schwer entziehen kann. Zadie Smith twitterte, dass das Warten auf den nächsten Band sich anfühlt, wie der Wunsch eines Süchtigen nach Crack.

Wer sich Karl Ove Knausgård annähern möchte, dem ist dieses Porträt sehr zu empfehlen!

Lieben – Karl Ove Knausgard

“Lieben” ist der zweite Teil einer sechsbändigen Reihe, in der der Schriftsteller Karl Ove Knausgard über sein Leben schreibt, im letzten Jahr erschien bereits der erste Teil “Sterben”, ebenfalls im Luchterhand Verlag. Die Lektüre von “Sterben” hat mich vor gut einem Jahr  sehr beeindruckt, vor allem die Szenen, in denen Karl Ove Knausgard gezwungen ist, das verdreckte Haus seines verstorbenen Vaters auszuräumen und sauber zu machen, gehörten zu den intensivsten  literarischen Szenen, die ich in den letzten Jahren gelesen habe. In Karl Ove Knausgards Heimatland Norwegen sind bereits alle sechs Bände erschienen und haben heftige und kontroverse literarische Diskussionen ausgelöst. Die Debatte drehte sich dabei vor allen Dingen um die Frage, ob es angemessen ist, in dieser Form über sein Leben zu schreiben und damit gleichzeitig auch das Leben aller anderen Familienangehörigen – ob gewollt oder nicht – in das Rampenlicht zu stellen. Untertitelt ist “Lieben” mit dem Begriff “Roman”, was natürlich viel Spielraum lässt für die Frage, was in diesem Buch authentische Wahrheit ist und was Fiktion. Vielleicht ist auch gerade dieser Spielraum der Reiz, den das Buch ausmacht – es könnte ja alles wahr sein. Beim Lesen bin ich mir immer wieder wie ein Voyeur vorgekommen, als würde ich hinter einer Gardine versteckt in die Wohnung meiner Nachbarn schauen.

“Lieben” beginnt zu einem Zeitpunkt, als Karl Ove Knausgard bereits mit seiner Frau Linda und ihren gemeinsamen drei Kindern Vanja, Heidi und John im schwedischen Malmö wohnt. Auf den ersten Seiten des Romans erhält man einen direkten Einblick in das Leben der Familie Knausgard. Schnell wird klar, dass es sich nicht um eine rundum glückliche Familie handelt: beide Eltern wirken überfordert mit der Betreuung ihrer Kinder, wirken unzufrieden mit dem Leben, das sie sich ausgesucht haben und streiten sich über alltägliche Kleinigkeiten, wie die Aufteilung der Haushaltsarbeiten.

“Ich wollte sie verlassen, weil sie die ganze Zeit meckerte, sie wollte immer etwas anderes haben, tat jedoch selber nie etwas dafür, meckerte nur, meckerte, meckerte, nahm die Dinge niemals, wie sie waren, und wenn die Wirklichkeit nicht ihren Vorstellungen entsprach, machte sie mir in großen wie in kleinen Dingen Vorwürfe.”

Auch mit sich selbst geht Karl Ove Knausgard hart ins Gericht und bezeichnet sich als “König des Ungefähren”, als “gehemmten und schwachen Mann”, der ein “Leben in der Welt der Worte” lebt. An einer anderen Stelle bezeichnet er sich sogar als “Hure” – als jemanden, der alle seine eigenen Prinzipien über Bord wirft, allein aus der Angst heraus, von anderen nicht mehr gemocht zu werden. Er ist unzufrieden mit seiner Rolle als dreifacher Vater und auch mit den damit verbundenen Pflichten; einen Kinderwagen durch die Stadt zu schieben empfindet er als unmännnlich, der Babyrhythmikkurs zu dem er gehen soll ist für ihn der Gipfel. Dazu kommt, dass er das Gefühl hat, dass das Familienleben ihm die Zeit für das Schreiben raubt. Er fühlt sich eingeengt, gefangen in einem Leben, das ihn nicht ausfüllt, ihn nicht befriedigt. Dieses Gefühl überkommt ihn auch schon zu einem Zeitpunkt, als Linda und er nur ihre Tochter Vanja haben.

“Warum sollte ich nicht ein Jahr darauf verzichten können, zu schreiben und stattdessen für Vanja ein Vater sein, während Linda ihre Ausbildung abschloss? Ich liebte die beiden, sie liebten mich. Warum hörte all das andere nicht auf, an mir zu reißen und zu zerren?”

In vielen Passagen, die um die Rolle als Familienvater kreisen, schont sich Karl Ove Knausgard selbst nicht – häufig ist es schwierig mit ihm zu sympathisieren. Er entscheidet sich dazu eine Familie zu gründen und doch ist das einzige, was er wirklich möchte, seine “Ruhe haben” und “schreiben” – in diesen beiden Punkten ist er kaum zu Kompromissen bereit. Kurz nach der Geburt von Vanja zieht er monatelang in sein Büro, um zu schreiben und lässt Linda mit der Kinderbetreuung alleine.

Nach dem ersten Drittel des Romans folgen viele Rückblicke auf die Zeit, als Karl Ove Knausgard sich von einem auf den anderen Tag dazu entscheidet, Norwegen zu verlassen und sich von seiner ersten Frau Tonje zu trennen. Als er nach Stockholm kommt, kennt er dort nur einen Menschen – seinen Freund Geir, mit dem er im Laufe des Buches viele intellektuelle und philosophische Gespräche führt. Er berichtet darüber, wie er Linda kennengelernt hat, auf die er zum ersten Mal während eines Schreibworkshops getroffen ist, als er noch mit Tonje verheiratet gewesen ist. Später trifft er sich mit ihr in Stockholm wieder und verliebt sich in sie.  Er erzählt sehr offen von der psychischen Erkrankung Lindas, die manisch-depressiv ist. Beide wirken in sich selbst, aber auch in ihrer Beziehung wenig stabil und gefestigt – dennoch entscheiden sie sich dazu, ein Kind zu bekommen. Vanja. Später folgen noch Heidi und John. Diese Rückblicke waren für mich die stärksten Passagen des Buches und zwischenzeitlich habe ich mich wie in einem Sog gefühlt. Irgendwann musste ich einfach immer weiter lesen. Am Ende des Buches schließt sich der Kreis und Karl Ove Knausgard kehrt in die Jetztzeit zurück: sein Leben als Vater und Schriftsteller mit drei Kindern. Nach einem Besuch in seiner alten Heimat Norwegen beginnt er damit, Erinnerungen an die Vergangenheit zu notieren – so entsteht sein Roman “Sterben”.

Den Anfang des Buches habe ich als etwas zäh empfunden: Knausgard beginnt mit einem minutiös anmutenden Bericht über Alltäglichkeiten und es fiel mir schwer Interesse dafür zu empfinden. Aber spätestens als die Rückblicke einsetzten, hat mich das Buch gefangen genommen. Durchsetzt von philosophischen und literarischen Betrachtungen – Knausgard liest sehr viel und besitzt zweieinhalbtausend Bücher – zeichnet Karl Ove Knausgard mit einer schon beinahe zerstörerischen Offenheit sein eigenes Leben nach. Keiner wird dabei geschont, weder schont er sich selbst, noch seine Frau Linda oder andere Angehörigen. Besonders fasziniert haben mich seine Beschreibungen des Schreibprozesses während der Entstehung von “Alles hat seine Zeit”, seinem ersten auf Deutsch erschienenen Roman: nächtelang sitzt Knausgard in seinem Büro am Schreibtisch, schläft höchstens eine oder zwei Stunden, isst nichts mehr – sich selbst bezeichnet er rückblickend als “manisch”. Vielleicht muss man sich als Schriftsteller in einen solchen “manischen” Zustand versetzen, um Großes produzieren zu können. Für Knausgard ist dies als Familienvater nicht mehr möglich. Er fühlt sich in seiner Freiheit beschnitten, seiner Berufung beraubt. Auf der anderen Seite hat er sich natürlich auch freiwillig und bewusst dafür entschieden, diese Freiheit aufzugeben und eine Familie zu gründen.

Ich habe viel darüber nachgedacht, was der Reiz sein könnte, den dieses Buch für mich ausgemacht hat. Wie schon erwähnt, hatte das Lesen für mich zwischendurch voyeuristische Züge, manchmal habe ich mich wie in einer Vorabendserie gefühlt. Spannend finde ich natürlich die Frage, was ist ausgedacht und was ist real – die Knausgard nur selbst beantworten kann. Daran schließt sich natürlich auch eine moralische Frage an: ist es moralisch vertretbar, sein eigenes Leben und das seiner Angehörigen so in die Öffentlichkeit zu zerren. Eine Entscheidung, die vor allen Dingen überrascht, da Knausgard sich sonst als eher scheuen und zurückhaltenden Menschen beschreibt.

Am Ende von “Lieben” schreibt Knausgard, dass er in den vergangenen Jahren den Glauben an die Literatur verloren habe, da sich alles, was er las, jemand ausgedacht hat.

“Das Einzige, worin ich einen Wert erblickte, was weiterhin Sinn produzierte, waren Tagebücher und Essays, die Genres der Literatur, in denen es nicht um eine Erzählung ging, die von nichts handelten, sondern nur aus einer Stimme bestanden, der Stimme der eigenen Persönlichkeit, einem Leben, einem Gesicht, einem Blick, dem man begegnen konnte.”

Diese Stimme habe ich in “Lieben” wiedergefunden. Mein Verhältnis zu ihr ist ambivalent. Wirklich sympathisch ist mir Karl Ove Knausgard nicht, aber er ist eine interessante und faszinierende Persönlichkeit, die eine eigene Stimme hat.

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