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Alles Abseitige

Ein Jahr auf dem Mond

Ursprünglich hatte ich heute geplant, etwas zu meinem einjährigen Jubiläum schreiben zu wollen, mir die letzten Tage immer wieder Gedanken dazu gemacht und es dann heute doch nicht getan. Stattdessen habe ich mich über die schönen und freundlichen Glückwünsche gefreut; Glückwünsche zu einem Jahr auf dem Mond.

In dem vergangenen Jahr habe ich entdeckt, wie viel Spaß es mir macht, über das was ich gelesen habe zu schreiben. Mein Blog hat mir einen Ort gegeben, an dem ich den Platz und den Raum habe, meine Gedanken zu Büchern zu notieren. Durch meine Kategorie der “5-Fragen-Interviews” habe ich eine Vielzahl an großartiger deutschsprachiger Literatur gelesen, die ich vor meinem Dasein als Bloggerin immer ein bisschen stiefmütterlich behandelt habe. Ich finde es fantastisch wie viel junge literarische Stimmen es in Deutschland im Moment gibt und ich hoffe darauf, noch einige entdecken und möglicherweise auch interviewen zu dürfen.

Spaß hat es mir von Anfang an auch gemacht, einen Blick auf meine Statistiken zu werfen: ich freue mich sehr darauf, dass bei mir im vergangenen Jahr über 23,000 Besucher vorbeigeschaut haben. Für das größte Interesse hat meine Rezension von “Das ist Wasser/This is Water” von David Foster Wallace gesorgt, die bisher beinahe 1000 mal angeklickt wurden ist – auch bei den Suchbegriffen ist alles rund um dieses Buch mit Abstand Spitzenreiter.

Neben dem Lesen und Schreiben ist meine zweite große Leidenschaft das Fotografieren. Mein Lieblingsfotomotiv ist natürlich mein Hund Bandit, daneben habe ich aber auch ein Faible für Treppen. In irgendeiner Form finde ich mich und meinen Blog in diesen Treppenbildern wieder: meine Zweifel nach meinem holprigen Start, meine Verunsicherung nach den ersten Auseinandersetzungen, aber auch die Freude an meinem Blog, der in den letzten Monaten stetig bekannter wurde.

Am meisten Freude macht mir aber der Austauch mit anderen begeisterten Lesern, die gegenseitige Inspiration. Ich freue mich, dass ich im letzten Jahr ein Stück weit Teil dieser Bücherblogwelt werden durfte. Während ich das schreibe, muss ich an ein Zitat denken, dass ich bei der Klappentexterin gelesen habe: “Sie warfen sich gegenseitig wunderbare Bücher zu, immer wieder, nicht müde werdend, mit vielen Glücksmomenten.”

Ich freue mich auf ein weiteres Jahr auf dem Mond, einen regen Austausch und möglichst viele tolle Bücher!

Deutscher Buchpreis 2012 – Longlist

Die zwanzig Favoriten für den diesjährigen Deutschen Buchpreis wurden heute bekannt gegeben. 162 Titel standen zur Auswahl und für die folgenden hat man sich entschieden:

  • Ernst Augustin: Robinsons blaues Haus (C. H. Beck, Januar 2012)
  • Bernd Cailloux: Gutgeschriebene Verluste (Suhrkamp, Februar 2012)
  • Jenny Erpenbeck: Aller Tage Abend (Knaus, September 2012)
  • Milena Michiko Flašar: Ich nannte ihn Krawatte (Wagenbach, Januar 2012)
  • Rainald Goetz: Johann Holtrop (Suhrkamp, September 2012)
  • Olga Grjasnowa: Der Russe ist einer, der Birken liebt (Hanser, Februar 2012)
  • Wolfgang Herrndorf: Sand (Rowohlt.Berlin, November 2011)
  • Bodo Kirchhoff: Die Liebe in groben Zügen (Frankfurter Verlagsanstalt, September 2012)
  • Germán Kratochwil: Scherbengericht (Picus, Februar 2012)
  • Ursula Krechel: Landgericht (Jung und Jung, August 2012)
  • Dea Loher: Bugatti taucht auf (Wallstein, März 2012)
  • Angelika Meier: Heimlich, heimlich mich vergiss (Diaphanes, März 2012)
  • Sten Nadolny: Weitlings Sommerfrische (Piper, Mai 2012)
  • Christoph Peters: Wir in Kahlenbeck (Luchterhand, August 2012)
  • Michael Roes: die Laute (Matthes & Seitz Berlin, September 2012)
  • Patrick Roth: Sunrise (Wallstein, März 2012)
  • Frank Schulz: Onno Viets und der Irre vom Kiez (Galiani Berlin, Februar 2012)
  • Clemens J. Setz: Indigo (Suhrkamp, September 2012)
  • Stephan Thome: Fliehkräfte (Suhrkamp, September 2012)
  • Ulf Erdmann Ziegler: Nichts Weißes (Suhrkamp, August 2012)

Bei Preisen und Listen dieser Art ist es ja immer so, dass eine Auswahl getroffen werden muss und dass nicht jeder mit dieser Auswahl einverstanden ist. Ich hatte mich sehr auf den diesjährigen Buchpreis gefreut und die Favoriten für die sich die Jury entschieden hat, lassen mich nun doch etwas enttäuscht zurück. Viele der Namen, mit denen ich gerechnet oder die ich mir gewünscht hatte, stehen leider nicht auf der Liste: Vea Kaiser, Traudl Bünger, Pia Ziefle oder auch Christian Kracht und Anna Katharina Hahn. Drei der zwanzig Titel habe ich bereits gelesen und alle drei waren für sich großartige Romane – ich würde es allen drei Büchern wünschen, am Ende auf der Shortlist zu stehen. Von den restlichen siebzehn Titel reizen mich nicht viele: lesen werde ich aber auf jeden Fall “Fliehkräfte”, “Indigo” und “Aller Tage Abend”, auch “Nicht Weißes” und der neue Roman von Bodo Kirchhoff klingen reizvoll.

Die Jury des diesjährigen Buchpreis setzt sich aus folgenden Personen zusammen:
  • Silke Grundmann-Schleicher (Buchhandlung Schleichers, Berlin)
  • Andreas Isenschmid („Neue Zürcher Zeitung am Sonntag“)
  • Oliver Jungen (freier Kritiker)
  • Dirk Knipphals („die tageszeitung“)
  • Stephan Lohr („Norddeutscher Rundfunk“)
  • Jutta Person (freie Kritikerin) und
  • Christiane Schmidt (freie Lektorin).

Die Shortlist wird am 12. September 2012 bekannt gegeben und ab nächster Woche ist “Lesebuch zur Longlist Deutscher Buchpreis 2012” in den meisten Buchläden erhältlich.

5 Fragen an Sibylle Berg!

© Katharina Lütscher

© Katharina Lütscher

Sibylle Berg, die heutzutage in der Schweiz lebt, ist Schriftstellerin und Dramatikerin. Sie schreibt Romane, aber auch Theaterstücke, Essays und Kolumnen, z.B. für Die Zeit oder bei Spiegel Online. Sibylle Berg ist in den sozialen Netzwerken sehr aktiv, man findet sie auf Facebook und Twitter. 2009 erschien von ihr im Hanser Verlag “Der Mann schläft” und in diesem Jahr “Vielen Dank für das Leben”, ein Roman, der mich sehr tief berührt und begeistert hat. Um so mehr freue ich mich, dass Sibylle Berg bereit dazu war, meine fünf Fragen zu beantworten.

1.) Warum wollten Sie Schriftstellerin werden?

Ich wollte nicht Schriftstellerin werden, ich wollte nur keinen anderen Beruf als alleine zu Hause zu sitzen, und möglichst gute Bücher zu
schreiben.

2.) Gibt es einen Schriftsteller oder einen Künstler, der Sie auf Ihrem Weg besonders inspiriert hat?

Zu jeder Phase einen anderen. Sophie Calle, Phillip Djian, Anselm Kiefer, Michael Haneke sind ein paar. Am meisten inspirieren mich Künstler aus anderen Bereichen, sprich–der bildenden und der Filmkunst

3.) Wann und wo schreiben Sie am liebsten?

Ich arbeite ausschliesslich im Bett, und das den ganzen Tag. Die Frage nach Liebsten stellt sich mIr eigentlich nicht. Ich arbeite eben, wie die meisten anderen Menschen auch.

4.) Welches Buch haben Sie zuletzt gelesen?

Belletristik lange nicht mehr. Caroline Emcke war das letzte Buch. Wie wir begehren. Grossartig und vom Thema recht nah an meinem letzten Buch

5.) Was würden Sie einem jungen Schriftsteller raten?

Such dir einen Job, mit dem du das schreiben finazieren kannst. Und habe mindestens zehn Jahre Geduld.

Herzlichen Dank an Sibylle Berg für die Beantwortung meiner Fragen!

5 Fragen an Stephanie Gleißner!

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©Sibylle Baier

“Einen solchen Himmel im Kopf” ist der Debütroman der jungen Autorin Stephanie Gleißner. Nach einem Studium der Literatur- und Religionswissenschaft in Tübingen und Kapstadt, war sie 2008 Finalistin des Open Nike. 2010 wurde sie für den Literaturkurs der “Tage der deutschsprachigen Literatur” in Klagenfurt ausgewählt. Im Moment lebt und arbeitet die Autorin in Berlin.

1.) Warum wollten Sie Schriftstellerin werden?

Mit 14/15 habe ich Oscar Wilde, F. Scott und Zelda Fitzgerald, Anais Nin, die Beat-Autoren, Nietzsche und was man halt sonst noch so in dem Alter liest, gelesen. Das Was und Wie sie schrieben, ist natürlich schwer auf einen Nenner zu bringen, aber alle hatten sie, so schien es mir jedenfalls damals, ein Leben ohne Alltag und Banalitäten. Es gab Abenteuer und Süchte und Befreiung von Süchten und weiße Leinenkleider und geistreiche Konversation, gutaussehende Künstlerfreunde mit essentiellen Krisen, Glücksspiel und unerfüllte Lieben. So wollte ich das auch haben. Über das Schreiben an sich (das ja wenig glamourös ist) habe ich mir damals noch keine Gedanken gemacht. Mit dem Interesse für Musik und Pop-Kultur allgemein wurden meine Motive für den Wunsch Schriftstellerin zu sein, dann auch weniger oberflächlich: ich hörte Musik und las Bücher, die mich aufstachelten und die, wenn man sie beendet hatte, einen irgendwie unbefriedigt und umtriebig zurück ließen. Irgendwann habe ich die Unruhe, die Bücher und Musik mir bereiteten, dann als eine Art Auftrag empfunden, selbst auch etwas in die Welt zu bringen.

2.) Gibt es einen Schriftsteller oder einen Künstler, der Sie auf Ihrem Weg besonders inspiriert hat?

Die oben Genannten zur oben genannten Zeit. Extrem wichtig seit der ersten Begegnung: Bob Dylans 60er Jahre Platten. Inzwischen ist die Schriftsteller-/Werkverehrung jedoch Texterlebnissen gewichen – Texte, die mich immer wieder (anders) beschäftigen sind beispielsweise Ottfried Preusslers „Krabat“, Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften“, Ingeborg Bachmanns „Todesarten“-Projekt, Vieles von Brecht, und Christian Krachts „1979“.

3.) Wann und wo schreiben Sie am liebsten?

Am besten und liebsten schreibe ich nachts in einem Zimmer ohne andere Menschen. Lieber wäre ich aber ein Frühermorgenschreiber – aber das kann man sich wohl nicht aussuchen.

4.) Welches Buch haben Sie zuletzt gelesen?

Oskar Maria Grafs „Wir sind Gefangene. Ein Bekenntnis“. Es ist ein autobiographischer Text. Graf schildert seine Kindheit in einem Dorf bei München. Er schuftet unter der Fuchtel des gewalttätigen ausbeuterischen älteren Bruders in der Bäckerei seiner Familie, flieht nach München mit der vagen und naiven Vorstellung von einem Dichterleben.

„Ich malte mir ein gemütliches Dichterdasein aus. So ungefähr: Ein Zimmer mit Diwan. Schön warm. Ich koche mir selbst und dichte. In kurzer Zeit erscheinen meine Werke. Die daheim hören von mir, staunen und kommen zum großen Sohn.“

Dann bricht der Erste Weltkrieg aus, er wird eingezogen, gerät immer wieder in Konflikt mit den Gepflogenheiten und Hierarchien des Militärs, wird schließlich ins Zuchthaus gesteckt und kehrt von dort einigermaßen traumatisiert zurück nach München, wo er sein Dichterleben wieder aufzunehmen versucht, aber sofort in den Strudel der revolutionären Bewegungen und Umtriebe gerät. Die Schilderungen enden mit dem Ende der Räterepublik, da ist Graf gerade 25 Jahre alt, man hat aber schon beim Lesen soviel erlebt, dass es für mehr als ein Leben reichen würde. Mir hat besonders gefallen, dass es so ein unruhiges Buch ist: es wird nicht rückblickend-sinnstiftend erzählt, sondern Graf bleibt sehr nah an seinem früheren Ich, das sich leicht mitreißen und begeistern lässt, die Ereignisse und die vielbeschworene Revolution selbst aber gar nicht fassen, geschweige denn verstehen kann.

Freilich, wenn ich allein war, wurde mir oft recht kläglich zumute. Das ist ja alles recht schön und gut, sagte ich mir, die reden und reden in einem fort von der nahen Revolution, aber angehen tut sie nicht. Immer ist es eine Versammlung und die hört dann auf, man geht auseinander, und alles ist wieder das gleiche. Bedrückte Tage kamen. Ich weiß nicht, ob es anderen Menschen in meinem Alter zu damaliger Zeit auch so ergangen ist, aber ich habe bei mir deutlich beobachtet: Die Revolution war eigentlich etwas Unvorstellbares für mich, sie war gewissermaßen ein Zustand, dem alles zustrebte, was aber nach diesem Hereinbruch geschehen sollte, darüber war sich kaum wer klar.

Dieses Hasten von Versammlung zu Versammlung, die nächtlichen Manifest-Schreib-Aktionen, diese ganze Umtriebigkeit wird nicht durch die Behäbigkeit eines formvollendeten, jede Silbe abwägenden Erzählstils eingedämmt, sondern durch ein schnelles, atemloses, mit vielen Abbrüchen und Ausrufezeichen versehenem Schreiben mitvollzogen und überträgt sich auch auf den Leser – bei mir war das jedenfalls so. Ich musste auch oft laut auflachen – was vor allem der Selbstinszenierung Grafs als naiver Hochstapler geschuldet ist – es wird da eine regelrechte Poetik des Sich-Dumm-Stellens aufgefahren, mit der die Hohlheit der Autoritäten und anderer Ehrenhaftigkeit in Anspruch nehmender Topoi wie der Krieg, die Revolution, die Kunst etc. vorgeführt wird. Manchmal, meist dann, wenn durchscheint wird, dass diese scheinbare Naivität auch das Ergebnis einer Beschädigung ist, bleibt einem das Lachen aber auch im Hals stecken – das sind vielleicht die stärksten Stellen, dieses wirklich sehr lesenswerten Buches.

5.) Was würden Sie einem jungen Schriftsteller raten?

Ich spare mir Ratschläge (dafür bin ich wirklich nicht die Richtige) und bringe statt dessen lieber noch ein Zitat aus dem Graf-Buch, das man durchaus auch als Ratschlag verstehen kann. Kontext: Graf und sein Freund Schorsch sind auf Monte Verità im Tessin, eine um die Jahrhundertwende recht bekannte Künstlerkolonie – eine Art Aussteigerkommune.

Es war auch schon wieder alles so langweilig. Man bekam keine Post, am Ende der Welt war man und wußte nicht, was in den Städten vorging. Es war zu still da, zu gemütlich, zu reizlos. Der blaue Himmel allein machte es auch nicht. Ach – und überhaupt!

“Wir fahren wieder zurück in unseren Sumpf, diese ganze Naturtrottelei kann mir gestohlen bleiben! … Das ist was für Verdauungsphilister und Grasfresser! Das ist kein Leben!” sagte ich angewidert.

Schorsch nickte. Auch er haßte diese Art Gemütlichkeit. […] Wir wollten leben und die wollten sich, schien es, nur einrichten.

Herzlichen Dank an Stephanie Gleißner für die Beantwortung meiner Fragen!

Die alltäglichen kleinen Dramen – eine Hommage an Richard Yates

“Gute Bücher sollte man, wie gute Freunde, mit anderen teilen.” – Richard Ford

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Meine Begeisterung für den amerikanischen Schriftsteller und Essayisten Richard Yates hat sich bereits vor einigen Jahren entwickelt. Wie dies häufig im Rückblick der Fall ist, kann ich heutzutage kaum noch rekonstruieren, aus welchem Grund ich damals seinen Roman “Zeiten des Aufruhrs” in die Hand nahm – aber es war sofort um mich geschehen. Ich möchte euch – mir das Zitat von Richard Ford aus einem hervorragenden Essay über Yates zu Herzen nehmend – Richard Yates vorstellen.

Richard Yates wurde 1926 geboren und schrieb sein Leben lang, bis er 1992 verstarb. Zunächst arbeitete er als Journalist, später als Ghostwriter. 1961 veröffentlichte er mit Revolutionary Road (zu deutsch: “Zeiten des Aufruhrs”) seinen ersten Roman. Nachdem er zunächst sehr wohlwollend besprochen wurde, geriet er in den siebziger Jahren zusehends in Vergessenheit. Der Großteil seiner Bücher war – als Yates starb – gar nicht mehr erhältlich. Seit einigen Jahren wird Richard Yates in seinem Heimatland, aber auch hier in Deutschland wieder neu entdeckt. Mit dazu beigetragen hat sicherlich ein wichtiger Aufsatz des Schriftstellers Stewart O’Nan: The Lost World of Richard Yates.

Eine Renaissance in Deutschland erlebte Richard Yates vor allem im Jahr 2009, als “Zeiten des Aufruhrs” als Kinofilm erschien und in der Folge einige seiner Bücher ins Deutsche übersetzt und vom DVA-Verlag veröffentlicht wurden sind. Leonardo di Caprio und Kate Winslet spielten in “Zeiten des Aufruhrs” das Ehepaar Frank und April Wheeler.

“Zeiten des Aufruhrs” spielt in den 50er Jahren in Amerika. Frank und April sind beide zwar erst 29 Jahre alt, aber sie sind bereits verheiratet, haben zwei Kinder und haben sich in ihrem eigenen Haus in einer Vorstadt niedergelassen. April bleibt zu Hause bei den Kindern, während Frank in einer Firma arbeitet und dort den “denkbar ödesten Job” verrichtet, den er sich vorstellen kann. April und Frank versuchen beide ihr Bestes zu geben um gut zu leben und alles richtig zu machen, um am Ende dann doch zu versagen, weil beiden (aber vor allem Frank) vielleicht einfach der Mut gefehlt hat, um aus ihrem “normalen” Leben in der Vorstadt endgültig auszubrechen.

Das Thema dieser erdrückenden Angst der Mittelschicht in den amerikanischen Vorstädten zieht sich als zentrales Leitmotiv durch beinahe alle Werke von Yates. Genauso wie das Gefühl eines schwarzen, grausamen Loches am Ende von seinen Romanen – so weit entfernt von einem Happy End, wie man sich das kaum vorstellen kann.

Auch sein Roman “Easter Parade”, der 2007 im DVA-Verlag in Deutschland erschien, ist mit Sicherheit kein fröhliches Buch – ganz im Gegenteil. Beginnend mit dem ersten Satz “Keine der Grimes-Schwestern sollte im Leben glücklich werden” wird von Yates das Leben der beiden Schwestern Sarah und Emily beschrieben. Yates spart nicht an detaillierten Beschreibungen ihres Unglücks, ihrem Unglücklichsein – fast keiner der beschriebenen Charaktere ist am Ende des Buches glücklich, geschweige denn überhaupt noch am Leben.

2008 erschien der Roman “Eine besondere Vorsehung”, der anders als die anderen Bücher von Yates im Krieg spielt. Robert Prentice lebt während des Krieges bei seiner Mutter und schon von Beginn an wird klar, welche Spannungen zwischen Mutter und Sohn herrschen. Nach dem Prolog begleitet man dann als Leser Robert während des Zweiten Weltkrieges und erfährt zwischendurch immer wieder etwas über die Schwierigkeiten, die seine Mutter im Leben hatte und hat. An dem Buch am meisten beeindruckt hat mich die Erzählung über den Krieg. Mit der unterkühlten und trockenen Sprache gelingt es Yates unheimlich exakt und plastisch, die Situation während des Krieges zu beschreiben. Damit meine ich nicht nur die Kampfszenen, die eindrucksvoll geschildert werden, sondern auch das Innenleben von Robert. Aber auch die Geschichte über seine Mutter Alice ist interessant, da Alice wieder einmal eine typische Charakterin von Richard Yates ist. Alice lebt über ihre Verhältnisse, da sie – wie viele andere Protagonisten in Yates-Büchern – mit der Gesellschaft mithalten will und sich dabei völlig überschätzt. Auf der Jagd nach der Vorstellung von so etwas wie Glück stolpert sie dann von der einen, in die nächste Katastrophe.

Zuletzt erschien von Yates der Roman “Ruhestörung”:

“Im Spätsommer 1960 begann für Janice Wilder alles schiefzugehen. Und das Schlimmste daran war, sagte sie später immer wieder, das Schreckliche daran war, dass es aus heiterem Himmel zu geschehen schien.”

Dies ist der erste Satz des Romans “Ruhestörung” von Richard Yates und man wird mit diesem auch gleichzeitig direkt in die Geschichte hineingesogen. Yates beschreibt die Familie Wilder: Janice und John Wilder führen eine Ehe, die schon lange nicht mehr glücklich zu sein scheint. John trinkt zu viel und hat darüber hinaus auch ein geheimes Apartment, in das er junge Frauen einlädt. Der gemeinsame Sohn Tommy leidet unter den ständigen Streitereien seiner Eltern und schreibt immer schlechtere Noten in der Schule. Die Familie Wilder ist eine typische Richard-Yates-Familie. Vor allem John verkörpert viele der Merkmale, die die meisten Charaktere in Romanen von Yates verkörpern – er fühlt sich minderwertig: auf Grund seiner Größe, seiner Arbeit, seiner Frau. Im Roman “Ruhestörung” verarbeitet Richard Yates auch sehr stark sein eigenes Schicksal, da auch er ein Alkoholproblem hatte.

Aufgrund der Sprachgewalt und den großartigen und detaillreichen Beschreibungen des amerikanischen Vorstadtlebens finde ich es immer wieder erstaunlich, wie sehr Richard Yates in Vergessenheit geraten konnte. Als er 1992 starb war kaum noch eines seiner Bücher gedruckt erhältlich, kurz nach seinem Tode waren auch die restlichen aus den Buchhandlungsregalen verschwunden. Was Richard Yates blieb, war sicherlich noch die Achtung seiner Schriftstellerkollegen.  Den Buchrücken von “Zeiten des Aufruhrs” ziert ein Zitat von Tennessee Williams: “Ein Meistermerk moderner amerikanischer Literatur.”

Dank dieser Schriftstellerkollegen, dank einem großartigen Essay von Stewart O’Nan, ist Richard Yates heutzutage wieder in den Regalen der Buchhandlungen angekommen. Zum Glück für uns, die wir diesen großartigen Schriftsteller entdecken dürfen. Diejenigen, die Yates noch nicht kennen, kann ich nur empfehlen ihn zu lesen: fangt an mit “Zeiten des Aufruhrs”, lest “Easter Parade” und entdeckt seine großartigen Kurzgeschichten. Es lohnt sich!

Im Herbst diesen Jahres soll nun endlich ein weiteres Buch von Richard Yates erscheinen, der Roman “Eine gute Schule”. Ergänzt wird diese Veröffentlichung durch eine Art Handbuch von Rainer Moritz, das unter dem Titel “Der fatale Glaube an das Glück” erscheinen wird. Ein Titel, den ich als sehr passend empfinde, da alle Figuren von Richard Yates, an eine diffuse, vorgefertigte Vorstellung von Glück glauben wollen, der sie ihr Leben lang hinterherjagen.

 

Bibliographie:

  • Eleven Kinds of Loneliness, 1957 u. ö. (Elf Arten der Einsamkeit, 2006)
  • Revolutionary Road, 1961
  • A Special Providence, 1969 (Eine besondere Vorsehung, 2008)
  • Disturbing the Peace, 1975 (Ruhestörung, DVA, München 2010)
  • The Easter Parade, 1976 (deutsche Fassung: Easter Parade, 2007)
  • A Good School, 1978
  • Liars in Love, 1981 (Verliebte  Lügner, 2007)
  • Cold Spring Harbor, 1986
  • Young Hearts Crying, 1986
  • The Collected Stories of Richard Yates, 2001

  

5 Fragen an Andreas Martin Widmann!

© Ramune Pigagaite.

© Ramune Pigagaite.

Andreas Martin Widmann wurde 1979 in Mainz geboren, wo er auch heute immer noch lebt. Sein Magisterexamen hat er mit einer Arbeit über Martin Walser abgeschlossen. “Die Glücksparade” ist sein erster Roman und ich freue mich sehr, dass er dazu bereit war, meine fünf Fragen zu beantworten.

1.) Warum wollten Sie Schriftsteller werden?

Es ist schwer, sachliche und gute Gründe dafür zu finden, als sollte man im sog. Jobcenter einen Berufswunsch begründen. Natürlich ist mir Literatur sehr wichtig, aber nur das ist es nicht. Vielleicht, weil Schreiben – und also der Beruf des Schriftstellers, im besten Fall – bedeutet, sich nicht auf einen Beruf festlegen zu müssen. Man kann schreibend oder erzählend mal diesen oder jenen ausüben, man kann Apfelpflücker werden oder Verwalter auf einem Campingplatz oder Bauarbeiter und das alles in einem und alles in einem Buch.

2.) Gibt es einen Schriftsteller oder einen Künstler, der Sie auf Ihrem Weg besonders inspiriert hat?

Einen zu benennen oder zwei oder drei, selbst zehn oder zwanzig würde es zu sehr einengen. Faszinierend an Literatur, Musik oder Kunst überhaupt finde ich gerade die Vielfalt der Ausdrucksformen, die jeweils mit eigenen Mitteln auf die Welt reagieren. Was formale Einflüsse angeht, sind amerikanische Erzähler für meinen ersten Roman wichtig gewesen. Das merkt man beim Lesen sicher schnell.

3.) Wann und wo schreiben Sie am liebsten?

Ich schreibe gerne auf Zugfahrten, dann allerdings ausschließlich ins Notizbuch. Manchmal schreibe ich dann mehrere Seiten hintereinander am Stück. Seltsamerweise wird der Drang zu schreiben oder zumindest etwas aufzuschreiben bei mir gerade dann besonders stark, wenn die Möglichkeit dazu scheinbar nicht gegeben ist.

4.) Welches Buch haben Sie zuletzt gelesen?

„Das Leben geht weiter“, den ersten Roman von Hans Keilson, mit dessen Werk ich mich zur Zeit auch als Literaturwissenschaftler beschäftige. Keilson gehört zu den Schriftstellern, von denen man glaubt, sie seien erfunden von einem anderen Schriftsteller wie Roberto Bolaño. Keilson war deutscher Jude. Sein erster Roman erschien 1933, wurde sofort von den Nazis verboten. Wenige Jahre später ging Keilson ins Exil nach Holland, war dort unter falschem Namen im Untergrund aktiv, schrieb nach dem Krieg noch zwei großartige Bücher, die in Deutschland kaum gelesen wurden, er arbeitete als Psychoanalytiker und starb im letzten Jahr mit 101. Ein unglaubliches Leben.

Ich lese aber immer mehrere Sachen gleichzeitig. Im Moment u.a. die Tagebücher von Allen Ginsberg, „What Am I Doing Here“ von Bruce Chatwin und George Orwells „Down and Out in Paris and London“.

5.) Was würden Sie einem jungen Schriftsteller raten?

Ich bin jetzt 32, damit gehöre ich nach den ungeschriebenen Statuten des deutschen Literaturbetriebs, Feuilletons und Förderwesens selbst noch zu den „jungen Schriftstellern“, kann also keine Ratschläge geben, sondern muss mir selbst welche erteilen lassen…

Vielen Dank für dieses Interview an Andreas Martin Widmann!

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